Ferðafólk
Auf den Spuren der Rus und Waräger
Alltag und persönliche Ausrüstung
Wer sich mit den Warägern und Rus beschäftigt, begegnet häufig Bildern bewaffneter Männer, prächtiger Schwerter und weitreichender Handelsfahrten. Doch diese Darstellungen zeigen nur einen kleinen Ausschnitt ihrer Lebenswelt. Der überwiegende Teil des Alltags bestand nicht aus Kämpfen oder außergewöhnlichen Unternehmungen, sondern aus Arbeit, Versorgung, Reisen, Reparaturen und den vielen kleinen Tätigkeiten, die das Leben überhaupt erst ermöglichten.
Gerade die unscheinbaren Gegenstände erzählen dabei oft besonders viel. Ein Messer, ein Schleifstein, eine Nadel oder ein einfacher Kamm können mehr über den täglichen Umgang mit der eigenen Umwelt verraten als eine kostbare Waffe.
Die Welt der Rus war jedoch keineswegs einheitlich. Zwischen den Handelsplätzen im Norden, den Siedlungen entlang der großen Flüsse und den Zentren am Dnepr bestanden erhebliche Unterschiede. Menschen verschiedener Herkunft lebten und arbeiteten miteinander, tauschten Waren und Fertigkeiten aus und übernahmen Gegenstände, deren Formen sich über weite Entfernungen verbreiteten.
Wer den Alltag der Rus verstehen möchte, muss deshalb nicht nur fragen, welche Dinge gefunden wurden, sondern auch, wer sie benutzte, wozu sie dienten und unter welchen Umständen sie erhalten blieben.
Was uns die Archäologie über den Alltag verrät
Die wichtigsten Zeugnisse des täglichen Lebens stammen aus Siedlungen, Werkstattbereichen, Gräbern und Handelsplätzen. Besonders bedeutend sind Fundorte wie Staraja Ladoga, das Rjurikowo Gorodischtsche bei Nowgorod, Gnezdowo am oberen Dnepr und die frühmittelalterlichen Schichten Nowgorods.
Die Erhaltungsbedingungen unterscheiden sich dabei erheblich. Metall, Stein, Knochen und gebrannter Ton überdauern häufig viele Jahrhunderte. Holz, Leder und Textilien verschwinden dagegen unter normalen Bodenbedingungen weitgehend. In dauerhaft feuchten, sauerstoffarmen Schichten können sie außergewöhnlich gut erhalten bleiben.
Gerade die feuchten Kulturschichten von Staraja Ladoga und Nowgorod sind deshalb wertvoll. Sie ermöglichen Einblicke in eine materielle Welt, die andernorts nahezu vollständig verloren ist.
Allerdings muss die zeitliche Einordnung beachtet werden: Viele besonders gut erhaltene Alltagsfunde aus Nowgorod stammen aus dem 11. Jahrhundert oder später. Sie können ältere Traditionen veranschaulichen, dürfen aber nicht ohne Weiteres als unmittelbare Belege für das 9. oder 10. Jahrhundert gelten.
Auch Gräber liefern kein vollständiges Abbild des Alltags. Die Auswahl der beigegebenen Gegenstände folgte Bestattungssitten, sozialen Vorstellungen und regionalen Traditionen. Ein kostbar ausgestattetes Grab zeigt daher nicht zwangsläufig, welche Gegenstände die betreffende Person täglich bei sich trug.
Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen einem tatsächlich belegten Fund, seiner wahrscheinlichen Verwendung und einer modernen Rekonstruktion.
Das Messer – ein nahezu unverzichtbarer Begleiter
Zu den verbreitetsten persönlichen Werkzeugen gehörte das Messer.
Messerfunde sind aus zahlreichen frühmittelalterlichen Siedlungs- und Grabzusammenhängen bekannt. Die Klingen bestanden überwiegend aus Eisen beziehungsweise Stahl unterschiedlicher Qualität. Häufig besaßen sie einen schmalen Erl, auf dem ein Griff aus Holz, Knochen oder Geweih befestigt werden konnte.
Die Verwendungsmöglichkeiten waren vielfältig. Ein Messer diente zum Schneiden von Lebensmitteln, zur Bearbeitung von Holz und Leder, beim Herstellen und Reparieren von Ausrüstung sowie für zahlreiche andere Tätigkeiten.
Es wäre jedoch falsch, jedes gefundene Messer als Waffe zu betrachten. Seine Funktion hing von Größe, Klingenform, Verarbeitung und Gebrauchsspuren ab. Ein kleines Gebrauchsmesser war in erster Linie ein Werkzeug, auch wenn es grundsätzlich zur Verteidigung eingesetzt werden konnte.
Viele Messer wurden vermutlich in Scheiden aus Leder getragen. Erhaltene Beschläge, Lederreste und vergleichbare Funde helfen dabei, mögliche Trageweisen zu rekonstruieren. Nicht jede moderne Messerscheide im sogenannten Wikingerstil lässt sich allerdings durch einen konkreten Fund aus dem östlichen Rus-Gebiet belegen.
Für eine historische Darstellung ist ein schlichtes, funktionales Messer deshalb oft überzeugender als ein aufwendig verziertes Stück ohne passende Fundgrundlage.
Feuer machen und Feuer erhalten
Feuer war eine wesentliche Voraussetzung für das tägliche Leben. Es spendete Wärme, ermöglichte die Zubereitung von Nahrung, lieferte Licht und wurde für verschiedene handwerkliche Tätigkeiten benötigt.
Zum Entzünden eines Feuers konnten Feuerstahl, Feuerstein und geeigneter Zunder verwendet werden. Eisenne Feuerschläger sind aus frühmittelalterlichen Fundzusammenhängen bekannt. Durch das Schlagen des Stahls gegen eine scharfe Steinkante lassen sich Funken erzeugen, mit denen sich vorbereitetes Zundermaterial entzünden lässt.
Als Zunder kamen unterschiedliche trockene und leicht entzündliche Materialien infrage. Für die Rekonstruktion wird häufig auf aufbereiteten Zunderschwamm zurückgegriffen. Seine Verwendung ist technologisch plausibel; die genaue Zusammensetzung eines persönlichen Feuerzeugs lässt sich aber nicht für jeden Fundort nachweisen.
Ebenso wichtig wie das Entzünden war das Erhalten eines Feuers. In dauerhaft bewohnten Häusern konnte Glut über längere Zeit bewahrt werden. Das ersparte die aufwendige Neuentzündung.
Unterwegs war die Situation schwieriger. Feuchtigkeit, Wind und fehlendes trockenes Brennmaterial stellten praktische Probleme dar. Ein zuverlässig funktionierendes Feuerzeug gehörte daher zu den besonders nützlichen Ausrüstungsgegenständen eines Reisenden.
Kämme, Hygiene und Körperpflege
Die Vorstellung, frühmittelalterliche Menschen hätten grundsätzlich wenig Wert auf Körperpflege gelegt, lässt sich archäologisch nicht halten.
Kämme aus Knochen und Geweih gehören zu den gut belegten Fundgruppen der Wikingerzeit. Sie wurden sowohl in skandinavischen als auch in osteuropäischen Zusammenhängen gefunden. Manche besaßen aufwendig gearbeitete Griffplatten und wurden mit eisernen oder bronzenen Nieten zusammengefügt.
Die häufigen Funde zeigen, dass das Kämmen und Pflegen der Haare eine verbreitete Tätigkeit war. Feinzinkige Kämme konnten außerdem bei der Entfernung von Parasiten helfen.
Daneben sind Pinzetten, kleine Reinigungsgeräte und weitere persönliche Gegenstände aus unterschiedlichen frühmittelalterlichen Fundzusammenhängen bekannt. Ihre Verbreitung und konkrete Form unterschieden sich allerdings nach Region und Zeitraum.
Aus einem Kamm lässt sich weder eine bestimmte Frisur noch ein allgemeingültiger Bartstil ableiten. Schriftliche Darstellungen und bildliche Quellen können ergänzende Hinweise liefern, müssen jedoch jeweils in ihrem eigenen kulturellen Zusammenhang betrachtet werden.
Der arabische Reisende Aḥmad ibn Faḍlān beschreibt im Jahr 922 eine Gruppe von Rus an der Wolga und berichtet unter anderem über Waschgewohnheiten, die er aus seiner eigenen kulturellen Perspektive kritisch bewertet. Sein Bericht ist eine bedeutende Quelle, aber keine neutrale Untersuchung der Hygiene aller Rus.
Die archäologischen Kammfunde und die schriftlichen Beobachtungen widersprechen sich deshalb nicht zwangsläufig. Sie zeigen vielmehr, dass unterschiedliche Vorstellungen von Sauberkeit, Körperpflege und gesellschaftlich angemessenem Verhalten bestanden.
Nadeln, Ahlen und die Pflege der Kleidung
Kleidung war wertvoll. Ihre Herstellung erforderte Rohstoffe, Arbeitszeit und handwerkliche Fähigkeiten. Stoff musste gesponnen, gewebt, zugeschnitten und vernäht werden. Leder benötigte eine ebenso aufwendige Verarbeitung.
Dementsprechend gehörte das Ausbessern beschädigter Kleidung und Ausrüstung zum Alltag.
Nadeln aus Metall und Knochen, Ahlen und weitere Werkzeuge sind aus frühmittelalterlichen Siedlungen bekannt. Feine Nadeln eigneten sich zum Nähen von Textilien, kräftigere Werkzeuge zur Bearbeitung von Leder und anderen widerstandsfähigen Materialien.
Kleine Reparaturen konnten wahrscheinlich auch unterwegs durchgeführt werden. Eine beschädigte Naht, ein gelöster Riemen oder ein eingerissenes Kleidungsstück mussten nicht zwangsläufig bis zur Rückkehr in eine Siedlung warten.
Besonders interessant sind in diesem Zusammenhang die kleinen, leicht transportierbaren Werkzeuge. Sie zeigen, dass nicht jede handwerkliche Tätigkeit eine umfangreich ausgestattete Werkstatt voraussetzte.
Allerdings lässt sich aus dem Fund einer Nadel allein nicht bestimmen, ob sie zur persönlichen Reiseausrüstung gehörte oder überwiegend im Haushalt benutzt wurde.
Für eine historisch begründete Darstellung bietet sich daher ein kleines Näh- und Reparaturset an, dessen einzelne Bestandteile durch zeitlich und regional passende Funde gestützt werden.
Schleifsteine und die Pflege von Werkzeugen
Eisenwerkzeuge verloren durch Gebrauch an Schärfe. Ihre regelmäßige Pflege war deshalb notwendig.
Schleifsteine gehören zu den typischen Gegenständen frühmittelalterlicher Siedlungen und Handelsplätze. Sie bestanden aus geeigneten Gesteinen, deren Oberflächen zum Nachschärfen von Klingen genutzt werden konnten.
Kleinere, längliche Exemplare waren gut transportierbar. Manche Schleifsteine besaßen eine Durchbohrung, durch die eine Schnur gezogen werden konnte. Ob ein bestimmtes Stück am Gürtel, in einer Tasche oder an anderer Stelle getragen wurde, muss anhand des jeweiligen Fundes beurteilt werden.
Ein Schleifstein konnte zur Pflege von Messern und anderen Schneidwerkzeugen dienen. Seine Bedeutung ergibt sich aus dem täglichen Bedarf, Werkzeuge funktionsfähig zu halten.
Auch hier gilt: Die praktische Nützlichkeit eines Gegenstandes ist nicht automatisch ein Beweis dafür, dass jeder Reisende ihn ständig bei sich trug.
Taschen, Beutel und die Aufbewahrung persönlicher Dinge
Wer mehrere kleine Gegenstände mitführte, benötigte geeignete Möglichkeiten zur Aufbewahrung.
Lederbeutel, textile Taschen, Behälter aus Holz und andere Aufbewahrungsformen sind für das Frühmittelalter grundsätzlich belegt. Ihre Erhaltung hängt jedoch stark von den Bodenbedingungen ab.
Besonders bekannt sind Taschenbeschläge und verzierte Taschenverschlüsse aus dem weiteren osteuropäischen und eurasischen Raum. Einige Formen zeigen deutliche Verbindungen zu Steppenkulturen und den kulturellen Kontakten entlang der Handelswege.
Solche Beschläge dürfen allerdings nicht pauschal als typische Ausrüstung jedes Warägers verstanden werden. Aufwendig verzierte Taschen konnten auch Ausdruck sozialer Stellung, regionaler Mode oder besonderer kultureller Beziehungen sein.
Für einfache persönliche Gegenstände sind schlichte Beutel aus Leder oder Textil eine plausible Möglichkeit. Die genaue Form sollte nach Möglichkeit auf erhaltenen Funden oder aussagekräftigen Darstellungen beruhen.
Eine moderne Rekonstruktion muss außerdem zwischen einer belegten Tasche und einer lediglich praktischen Lösung unterscheiden. Dass ein Gegenstand nützlich ist, macht ihn noch nicht automatisch historisch nachgewiesen.
Gürtel und persönliche Ausstattung
Gürtel dienten nicht ausschließlich dazu, Kleidung zusammenzuhalten. Sie konnten auch Messer, Taschen und andere kleine Gegenstände aufnehmen.
Archäologisch sind Gürtelschnallen, Riemenzungen, Beschläge und weitere Bestandteile bekannt. Besonders verzierte Gürtelgarnituren zeigen Verbindungen zwischen Skandinavien, Osteuropa und den angrenzenden Steppenregionen.
Ihre Formen veränderten sich im Laufe der Zeit. Auch regionale Unterschiede sind erkennbar.
Ein reich verzierter Gürtel konnte gesellschaftliche Bedeutung besitzen. Die Zahl und Qualität seiner Beschläge lassen sich jedoch nicht ohne Weiteres in eine feste Rangordnung übersetzen.
Schlichte Gürtel waren ebenfalls funktional und dürften im Alltag eine wichtige Rolle gespielt haben. Weil organische Bestandteile häufig vergehen, ist ihre archäologische Sichtbarkeit geringer als die metallbeschlagener Exemplare.
Für die Darstellung eines gewöhnlichen Reisenden oder Handwerkers ist daher Zurückhaltung sinnvoll. Ein einfacher Gürtel mit einer passenden Schnalle kann historisch überzeugender sein als eine Garnitur, deren Vorbild aus einer anderen Region oder einem späteren Jahrhundert stammt.
Essen, Trinken und persönliche Essgeräte
Die Ernährung der Rus war von Landschaft, Jahreszeit, regionalen Wirtschaftsformen und sozialen Möglichkeiten abhängig.
Getreideprodukte, Fisch, Fleisch, Milchprodukte und pflanzliche Nahrung spielten je nach Region unterschiedliche Rollen. Archäobotanische Untersuchungen, Tierknochen und andere Siedlungsfunde liefern hierzu wichtige Hinweise.
In Flusslandschaften war Fisch eine naheliegende Ressource. Landwirtschaft und Tierhaltung bildeten in vielen Siedlungen wichtige Grundlagen der Versorgung. Daneben ergänzten Jagd, Sammelwirtschaft und Handel das verfügbare Nahrungsangebot.
Zum Zubereiten und Verzehren von Speisen wurden Gefäße aus Ton, Holz und anderen Materialien verwendet. Keramik gehört vielerorts zu den häufigsten archäologischen Fundgruppen. Holzgefäße sind dagegen nur unter günstigen Bedingungen erhalten geblieben.
Messer konnten auch beim Essen eingesetzt werden. Die Vorstellung, jeder Mensch habe ein einheitliches, aus Messer, Löffel und Trinkgefäß bestehendes persönliches Reisebesteck besessen, ist für die Rus des 9. und 10. Jahrhunderts jedoch nicht belegt.
Löffel aus Holz und anderen Materialien sind aus frühmittelalterlichen Zusammenhängen bekannt. Ihre genaue Verbreitung und Datierung müssen jeweils berücksichtigt werden.
Auch Trinkhörner verdienen eine differenzierte Betrachtung. Beschläge und bildliche Darstellungen zeigen, dass Hörner als Trinkgefäße verwendet wurden. Daraus folgt jedoch nicht, dass sie das alltägliche Trinkgefäß aller Menschen waren.
Ein einfaches Holzgefäß oder ein Keramikbecher kann für eine gewöhnliche Alltagsszene mindestens ebenso passend sein.
Unterwegs auf den Flüssen
Die großen Flusssysteme Osteuropas verbanden die Ostsee mit dem Schwarzen Meer und dem Kaspischen Raum. Reisen auf diesen Wegen waren ein wesentlicher Bestandteil der Handels- und Kontaktwelt der Rus.
Solche Unternehmungen verlangten sorgfältige Vorbereitung. Boote mussten instand gehalten, Vorräte beschafft und geeignete Reisezeiten gewählt werden.
Besonders schwierig waren Strecken, auf denen Stromschnellen, flache Gewässer oder Übergänge zwischen verschiedenen Flusssystemen überwunden werden mussten.
Der byzantinische Kaiser Konstantin VII. beschreibt im 10. Jahrhundert in seinem Werk De administrando imperio die Fahrt der Rus auf dem Dnepr und die Gefahren bestimmter Stromschnellen. Seine Darstellung macht deutlich, dass Flussreisen keineswegs eine einfache und gefahrlose Fortbewegungsart waren.
Werkzeuge, Seile, Vorräte und Reparaturmaterial waren für solche Unternehmungen praktisch notwendig. Welche Gegenstände einzelne Reisende persönlich trugen und welche zur gemeinschaftlichen Bootsausrüstung gehörten, lässt sich aber nur begrenzt bestimmen.
Auch die Menge des Gepäcks war von Bedeutung. Auf längeren Reisen mussten Ausrüstung, Handelswaren und Verpflegung transportiert werden. Gleichzeitig erschwerte überflüssiges Gewicht den Umgang mit Booten und den Transport über Land.
Ein historisch plausibler Reisender sollte deshalb nicht zwangsläufig mit möglichst vielen Gegenständen ausgestattet sein. Die Auswahl musste vor allem zweckmäßig sein.
Geld, Gewichte und kleine Wertgegenstände
Die Rus waren Teil weitreichender Handelsnetzwerke. Silber spielte dabei eine bedeutende Rolle.
Arabische Dirhams gelangten über östliche Handelswege nach Nord- und Osteuropa. Münzen wurden nicht ausschließlich als Zahlungsmittel im modernen Sinne verwendet. Silber konnte auch nach Gewicht bewertet werden.
Münzfragmente, Silberstücke, Waagen und Gewichte gehören daher zu den wichtigen archäologischen Zeugnissen dieser Handelswelt.
Besonders an Handelsplätzen und in entsprechenden Gräbern sind Bestandteile von Waagen und Gewichtssätzen nachgewiesen. Sie zeigen die Bedeutung des Abwiegens von Edelmetall und anderen wertvollen Gütern.
Daraus folgt allerdings nicht, dass jeder Waräger eine Waage mitführte. Solche Gegenstände standen vor allem im Zusammenhang mit Handel und wirtschaftlichen Tätigkeiten.
Auch Schmuck, Perlen und kleine Metallgegenstände konnten persönlichen Wert besitzen. Manche waren zugleich Handelswaren, andere dienten der Kleidung oder dem persönlichen Erscheinungsbild.
Die Grenze zwischen praktischem Besitz, Vermögen und gesellschaftlicher Repräsentation war dabei nicht immer eindeutig.
Licht, Wärme und das Leben im Haus
Gürtel gehörten zu den wichtigen Bestandteilen der persönlichen Ausrüstung.
Sie konnten Kleidung zusammenhalten und als Befestigungsmöglichkeit für Gegenstände dienen.
Besonders auffällig sind die metallenen Gürtelbeschläge, die aus verschiedenen archäologischen Fundzusammenhängen bekannt sind.
Einige zeigen Verbindungen zu den Kunst- und Handwerkstraditionen der Steppengebiete und anderer eurasischer Regionen.
Solche Gürtel konnten ein sichtbarer Ausdruck von Wohlstand oder gesellschaftlichem Rang sein.
Allerdings war nicht jeder Gürtel reich verziert.
Einfache Ledergürtel konnten ebenso verbreitet gewesen sein, sind aber archäologisch oft schlechter nachweisbar.
Für die historische Darstellung sollte ein aufwendig beschlagener Gürtel möglichst auf einem konkreten Fund beruhen.
Die beliebige Kombination verschiedener Beschläge aus unterschiedlichen Regionen und Jahrhunderten ergibt dagegen nicht zwangsläufig eine historisch überzeugende Ausstattung.
Schuhe und Lederbekleidung
Der Alltag endete nicht mit Sonnenuntergang. Besonders während der langen Wintermonate mussten Menschen mit begrenztem Tageslicht auskommen.
Herdstellen waren für Wärme und die Zubereitung von Nahrung zentral. Ihre Bauweise unterschied sich nach Siedlung, Region und Zeit.
Neben offenem Feuer konnten unterschiedliche Formen künstlicher Beleuchtung verwendet werden. Archäologische Funde von Beleuchtungsvorrichtungen müssen jedoch sorgfältig eingeordnet werden. Nicht jede aus anderen Teilen Europas bekannte Lampenform ist automatisch für eine Rus-Siedlung des 9. Jahrhunderts belegt.
Die Versorgung mit Brennmaterial war eine alltägliche Aufgabe. Holz musste gesammelt, vorbereitet und gelagert werden. Hinzu kamen Arbeiten wie Kochen, Reinigen, Wasserholen und die Instandhaltung von Gebäuden.
Viele dieser Tätigkeiten hinterließen nur schwache archäologische Spuren. Sie waren dennoch entscheidend für das Funktionieren einer Siedlung.
Gerade hier zeigt sich eine grundsätzliche Schwierigkeit der Geschichtsforschung: Die Bedeutung einer Tätigkeit steht nicht unbedingt im Verhältnis zur Zahl der erhaltenen Funde.
Arbeit und Gemeinschaft
Das Leben der Rus war durch unterschiedliche Tätigkeiten geprägt. Neben Handel und Reisen gehörten Landwirtschaft, Fischfang, Tierhaltung, Holzverarbeitung, Metallhandwerk, Textilherstellung und zahlreiche weitere Arbeiten zur Lebenswelt der Siedlungen.
Die Aufgabenverteilung war von Haushaltsstruktur, Fähigkeiten, sozialer Stellung und örtlichen Verhältnissen abhängig.
Archäologische Funde können handwerkliche Tätigkeiten sichtbar machen, etwa durch Produktionsabfälle, Werkzeuge oder Werkstattreste. Die Personen, die diese Arbeiten ausführten, lassen sich daraus jedoch nicht immer sicher bestimmen.
Eine starre Trennung, nach der Männer ausschließlich kämpften und handelten, während Frauen ausschließlich häusliche Aufgaben übernahmen, wäre zu vereinfachend. Gleichzeitig darf aus einzelnen ungewöhnlichen Funden keine allgemeine Gleichverteilung aller Tätigkeiten abgeleitet werden.
Der Alltag beruhte vor allem auf Zusammenarbeit und gegenseitiger Abhängigkeit. Ein reisender Händler benötigte Menschen, die Nahrung produzierten, Boote bauten, Werkzeuge herstellten und Kleidung fertigten.
Die weitreichenden Verbindungen der Rus waren nur möglich, weil dahinter eine funktionierende materielle und soziale Grundlage stand.
Was gehörte tatsächlich zur persönlichen Ausrüstung?
Für eine historische Darstellung ist diese Frage besonders wichtig.
Nicht jeder archäologisch bekannte Gegenstand gehörte automatisch zur Ausrüstung einer einzelnen Person. Ein Werkstattwerkzeug war nicht zwangsläufig Reisegepäck. Ein Gegenstand aus einem reich ausgestatteten Grab war nicht notwendigerweise alltäglicher Besitz.
Umgekehrt fehlen uns viele Dinge, die Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit verwendeten, weil sie aus vergänglichen Materialien bestanden.
Eine sinnvolle Rekonstruktion sollte daher von der dargestellten Person ausgehen: Handelt es sich um einen Händler, einen Handwerker, einen Bootsreisenden oder einen Bewohner einer Siedlung? Wo und wann lebt diese Person? Welche Aufgaben muss sie erfüllen?
Für einen einfachen Reisenden des 10. Jahrhunderts im Umfeld der Rus könnte eine zurückhaltende Ausstattung beispielsweise folgende Gegenstände umfassen:
– Ein funktionales Gebrauchsmesser mit geeigneter Scheide.
– Einen schlichten Gürtel mit zeitlich passender Schnalle.
– Einen kleinen Schleifstein.
– Feuerstahl, Feuerstein und geeignetes Zundermaterial.
– Einen einfachen Beutel für kleine persönliche Gegenstände.
– Bei entsprechender Tätigkeit Nadeln, Ahle oder weiteres Reparaturwerkzeug.
– Ein geeignetes Trink- oder Essgefäß, dessen Form zur gewählten Region passt.
Diese Zusammenstellung ist ein begründeter Rekonstruktionsvorschlag und kein vollständig nachgewiesenes historisches Ausrüstungsset. Einzelne Gegenstände sind archäologisch gut belegt; ihre Kombination und die genaue Trageweise bleiben teilweise hypothetisch.
Wer eine bestimmte Personengruppe darstellen möchte, sollte daher möglichst mehrere zusammengehörige Funde derselben Region und Zeit berücksichtigen.
Zwischen Fund und moderner Vorstellung
In der heutigen Darstellung der Wikingerzeit begegnet man häufig Ausrüstungsgegenständen, die vor allem durch ihre auffällige Gestaltung wirken.
Große, reich verzierte Ledertaschen, zahlreiche am Gürtel befestigte Werkzeuge oder vollständig einheitliche Reiseausrüstungen können eindrucksvoll aussehen. Sie entsprechen jedoch nicht automatisch dem archäologischen Befund.
Besonders problematisch wird es, wenn Gegenstände aus verschiedenen Jahrhunderten und weit voneinander entfernten Regionen zu einem scheinbar typischen Warägerbild zusammengesetzt werden.
Die Kultur der Rus war zwar von weitreichenden Kontakten geprägt. Diese Verbindungen erklären aber nicht jede beliebige Kombination.
Eine überzeugende Rekonstruktion beginnt deshalb mit einer klaren zeitlichen und geografischen Eingrenzung. Danach sollten die einzelnen Gegenstände anhand konkreter Funde ausgewählt werden.
Dabei darf auch Einfachheit ihren Platz haben. Ein sorgfältig gearbeitetes Messer, ein schlichter Gürtel und ein passender Kamm können ein wesentlich glaubwürdigeres Bild vermitteln als eine Vielzahl dekorativer Gegenstände ohne gemeinsame historische Grundlage.
Der Alltag als Grundlage der Geschichte
Die Geschichte der Rus wird häufig anhand von Herrschern, Handelswegen, Kriegszügen und politischen Veränderungen erzählt. Doch hinter diesen Entwicklungen standen Menschen, deren Leben von alltäglichen Bedürfnissen bestimmt wurde.
Sie mussten Nahrung beschaffen, Werkzeuge instand halten, Kleidung reparieren, Feuer machen, ihre Boote pflegen und mit den Herausforderungen ihrer Umwelt umgehen.
Die Gegenstände, die sie dabei verwendeten, waren nicht bloß Zubehör. Sie bildeten die materielle Grundlage ihres Lebens.
Ein Messer erzählt von Arbeit und Versorgung. Ein Kamm von Körperpflege und persönlichen Gewohnheiten. Ein Schleifstein von der Notwendigkeit, Werkzeuge zu erhalten. Eine Nadel erinnert daran, dass Kleidung hergestellt und immer wieder ausgebessert werden musste.
Gerade diese einfachen Dinge verbinden die archäologischen Funde mit den Menschen, die sie einst benutzten.
Wer die Welt der Waräger und Rus verstehen möchte, sollte deshalb nicht nur auf ihre außergewöhnlichen Unternehmungen blicken. Ebenso wichtig ist die unscheinbare, alltägliche Arbeit, ohne die Handel, Reisen und politische Macht überhaupt nicht möglich gewesen wären.
Weiter in Kapitel 13: Waffen und Kriegsführung
Im nächsten Kapitel beschäftigen wir uns mit den Waffen der Rus, ihren Einsatzmöglichkeiten und den archäologischen Grundlagen für die Rekonstruktion frühmittelalterlicher Bewaffnung. Dabei werden wir zwischen tatsächlichen Funden, schriftlichen Berichten und modernen Vorstellungen unterscheiden.