Ferðafólk

Haithabu – Handelsmetropole zwischen Nord- und Ostsee

Holz, Geweih und Knochen: Handwerk für den täglichen Bedarf

Holz war in Haithabu Bauteil, Brennmaterial und Werkstoff für kleinere Gegenstände. Geweih und Knochen eröffneten weitere Möglichkeiten. Diese Materialien verlangten unterschiedliche Kenntnisse.
Die natürliche Struktur eines Stamms, die dichte Wandung eines Geweihs und die Form eines Knochens beeinflussten, welche Stücke sich gewinnen ließen.
Die Herstellung begann daher nicht erst am fertigen Rohling, sondern bei der Auswahl geeigneten Materials.
Die Erhaltung in feuchten Bereichen macht Haithabu für solche Arbeiten besonders aussagekräftig. Trotzdem bleibt der Bestand ungleichmäßig.
Trocken gelagerte organische Gegenstände konnten verschwinden, während andere im wasserreichen Boden überdauerten. Das heutige Gewicht einer Fundgruppe hängt deshalb nicht allein davon ab, wie wichtig sie im damaligen Leben war.
Erhaltung und Nutzung müssen getrennt betrachtet werden.

Der Stamm wurde passend zerlegt

Die Gebäude und Hafenanlagen zeigen einen hohen Bedarf an Bauholz. Eiche spielte eine bedeutende Rolle. Bei der Herstellung von Bohlen ließ sich die Spaltbarkeit des Holzes nutzen.
Spalten und anschließendes Zurichten sind andere Arbeiten als das freie Sägen jeder gewünschten Fläche. Sie folgen den Eigenschaften des Stamms und hinterlassen charakteristische Formen und Bearbeitungsspuren.
Für die Landebrücken wurden unter anderem gespaltene Stammteile verarbeitet. Ihre Verbindung mit Pfosten und weiteren Bauteilen erzeugte eine belastbare Konstruktion.
Das fertige Bauwerk war somit das Ergebnis einer ganzen Folge von Entscheidungen: Holz auswählen, geeignete Stücke gewinnen, an den Platz bringen und zusammenfügen.
Ein Modell der Brücke sollte diese Materialstruktur sichtbar machen, statt sie als beliebige moderne Holzfläche wiederzugeben.
An den erhaltenen Hölzern lässt sich teilweise sogar der Zeitpunkt des Fällens untersuchen. Nicht jedes Stück kann jedoch auf ein genaues Jahr datiert werden.
Es braucht ausreichende Jahrringe und geeignete Vergleichsreihen; die erhaltene Außenkante beeinflusst die Aussage zur Fällzeit. Wiederverwendetes Holz kann außerdem älter als die Konstruktion sein, in der es zuletzt lag.
Ein datierter Stamm liefert daher noch keine fertige Baugeschichte des gesamten Stadtviertels. 

Kleine Gefäße und größere Behälter

Dauben, Böden und gedrechselte oder geschnitzte Gegenstände zeigen unterschiedliche Wege der Holzverarbeitung. Ein Gefäß aus mehreren Teilen benötigte eine passende Form der einzelnen Elemente und ihre sichere Verbindung.
Eine aus einem Stück gearbeitete Form stellte andere Anforderungen. Solche Unterschiede erlauben, handwerkliche Entscheidungen zu beschreiben, auch wenn der Inhalt des Gefäßes unbekannt bleibt.
Holz konnte zudem als Hilfsmittel anderer Arbeiten dienen. Schuhherstellung und Textilarbeit waren auf bestimmte Geräte und Formen angewiesen. Ein hölzernes Teil gehört daher nicht automatisch zu einem Möbelstück.
Die Bestimmung seiner Funktion ergibt sich aus Gestalt, Gebrauchsspuren und Fundzusammenhang. Gerade unscheinbare Geräte können die Organisation einer Werkstatt deutlicher erklären als ein besonders kunstvoll verzierter Gegenstand.
Auch Reparatur und Wiederverwendung sind sichtbar. Ein Bauteil konnte aus einer älteren Konstruktion stammen und in einer jüngeren erneut eingesetzt werden. Solche Fälle machen eine sparsame Materialwirtschaft plausibel.
Sie erlauben aber nicht, jeden Rest ungeprüft als Reparaturabfall anzusprechen. Bruch, Abfall, ausgebautes Holz und bewusst bereitgelegtes Material können ähnlich aussehen und müssen im Zusammenhang unterschieden werden. 

Ein Kamm entsteht aus mehreren Teilen

Zusammengesetzte Kämme gehören zu den aussagekräftigen Geweihprodukten. Zahnplatten und seitliche Deckplatten mussten vorbereitet, passend angeordnet und verbunden werden. Die Zähne erforderten sorgfältige Bearbeitung.
An den Teilen können Herstellungsschritte und Verzierungen untersucht werden. Das fertige Gerät zeigt eine Genauigkeit, die sich nicht mit der pauschalen Vorstellung eines grob geschnitzten Alltagsgegenstands erfassen lässt.
Ein Kamm war ein benutzbares Gerät und konnte zugleich sichtbar gestaltet sein. Seine Funktion bringt ihn in die Nähe von Körperpflege und Kleidung.
Ob ein bestimmter Kamm einem einzelnen Menschen gehörte, gehandelt wurde oder in einer Werkstatt lag, hängt jedoch vom Fundzusammenhang ab. Ein Fund in Haithabu ist nicht automatisch ein in Haithabu hergestellter Kamm.
Die Rohstoffreste örtlicher Verarbeitung wurden häufig mit Rothirschgeweih verbunden. Das liefert Hinweise auf lokale Herstellung. Neuere Untersuchungen fertiger Kämme ergänzen das Bild auf andere Weise.
Sie prüfen die Tierart des Materials mit biomolekularen Methoden. Damit wird ein Unterschied sichtbar, den die allgemeine Bezeichnung Geweih sonst verdeckt: Verschiedene Tierarten können unterschiedliche Beschaffungswege erschließen. 

Rentiergeweih und überregionale Verbindungen

Eine untersuchte Auswahl früher Kämme aus Haithabu bestand überwiegend aus Rentiergeweih. Für die betrachtete Gruppe lag der Anteil bei etwa 85 bis 90 Prozent.
Diese Zahl darf nicht auf jeden Kamm der gesamten Siedlungszeit ausgedehnt werden. Sie betrifft die ausgewählten und untersuchten Stücke.
Gerade diese Begrenzung macht das Ergebnis überprüfbar und verhindert, dass ein deutlicher Befund zu einer pauschalen Aussage über alle Jahrhunderte wird.
Rentiergeweih verweist auf Verbindungen nach Norden. Die Kombination aus Materialbestimmung, Form und örtlichen Produktionsabfällen stützt bei diesen Kämmen die Bedeutung von Importen.
Daraus folgt kein Widerspruch zur Verarbeitung von Rothirschgeweih in der Stadt. Fertige eingeführte Produkte und lokale Produktion konnten nebeneinander bestehen. Ein Handelsplatz musste nicht sämtliche benutzten Geräte selbst herstellen.
Das Material bringt den Fernhandel bis in einen kleinen Gegenstand des Alltags.
Für eine anschauliche Rekonstruktion kann man seine möglichen Stationen erläutern: Rohstoff gewinnen, Kammteile herstellen, das Gerät transportieren und verwenden. Die genaue Person, die jeden Schritt ausführte, ist unbekannt.
Ebenso wenig kann die Reise eines einzelnen Stücks allein aus seiner Tierart vollständig nachgezeichnet werden. 

Aus Abfall werden Abläufe

Zuschnitte, Rohlinge und andere Bearbeitungsreste helfen, Herstellung am Ort zu erkennen. Ihre Verteilung kann einen Arbeitsbereich erschließen, sofern spätere Umlagerungen berücksichtigt werden.
Ein einzelnes unfertiges Stück zeigt allerdings keine komplette Werkstattorganisation. Für die Rekonstruktion sind mehrere sich ergänzende Beobachtungen nötig. Werkzeugspuren, Rohstoffreste und Produkte müssen zusammenpassen.
Knochen war ein weiterer möglicher Werkstoff. Seine natürliche Gestalt konnte die Auswahl eines Rohlings erleichtern oder begrenzen.
Zwischen Knochen als Speiserest und Knochen als bearbeitetem Gegenstand liegt dabei ein entscheidender Unterschied. Schnittspuren müssen entsprechend gedeutet werden.
Schlachtung und Herstellung hinterlassen nicht automatisch dieselben Merkmale.
Holz, Geweih und Knochen verbinden somit großräumige Versorgung mit genauer Arbeit am einzelnen Stück. Eine Hafenbohle und ein Kamm unterscheiden sich stark in Größe und Aufgabe, beruhen aber beide auf Materialkenntnis.
Ihre erhaltenen Spuren erlauben, Haithabus Handwerk nahe zu betrachten. Was fehlt, sind meist die Namen der Arbeitenden und ihre vollständigen Arbeitsordnungen; was bleibt, ist die nachvollziehbare Abfolge vieler konkreter Entscheidungen.