Ferðafólk
Auf den Spuren der Rus und Waräger
Rjurik – zwischen Geschichte und Legende
Im Jahr 862 sollen die Bewohner des nördlichen Osteuropas einen ungewöhnlichen Entschluss gefasst haben: Sie riefen fremde Herrscher ins Land, um Streitigkeiten zu beenden und eine gemeinsame Ordnung zu schaffen.
So jedenfalls erzählt es die Nestorchronik, eine der bekanntesten schriftlichen Quellen zur frühen Geschichte der Rus.
Die Eingeladenen waren Waräger, die nach Darstellung der Chronik selbst Rus genannt wurden. An ihrer Spitze stand ein Mann namens Rjurik, der gemeinsam mit seinen Brüdern Sineus und Truvor die Herrschaft übernommen haben soll.
Aus dieser Erzählung entwickelte sich eine der einflussreichsten Gründungsgeschichten Osteuropas. Rjurik gilt traditionell als Begründer jener Dynastie, die später über Kiew und zahlreiche weitere Fürstentümer herrschte.
Doch wie viel davon ist tatsächlich Geschichte?
Die archäologischen Funde bestätigen, dass skandinavisch geprägte Gruppen im 9. Jahrhundert im nördlichen Osteuropa präsent waren. Sie beweisen allerdings nicht, dass ein Mann namens Rjurik im Jahr 862 eingeladen wurde.
Rjurik steht damit an der Grenze zwischen historischer Möglichkeit und späterer Überlieferung.
Was erzählt die Nestorchronik?
Die sogenannte Nestorchronik, auch Povestʹ vremennykh let oder Erzählung der vergangenen Jahre genannt, wurde in ihrer überlieferten Form zu Beginn des 12. Jahrhunderts zusammengestellt.
Sie berichtet, dass verschiedene Bevölkerungsgruppen im Norden zunächst den Warägern Tribut zahlten.
Später sollen sie diese vertrieben und versucht haben, sich selbst zu regieren. Doch anstelle einer dauerhaften Ordnung seien Streitigkeiten und Konflikte entstanden.
Daraufhin beschlossen sie nach der Chronik, einen Fürsten zu suchen, der über sie herrschen und Recht sprechen sollte.
Die Wahl fiel auf die Waräger jenseits des Meeres.
Drei Brüder sollen dem Ruf gefolgt sein:
Rjurik, der die führende Stellung übernahm.
Sineus, dem die Chronik Beloozero zuordnet.
Truvor, der mit Izborsk verbunden wird.
Nach dem Tod seiner Brüder habe Rjurik die Herrschaft allein ausgeübt und seine Macht auf weitere Gebiete ausgedehnt.
Die Chronik verbindet ihn mit der nördlichen Herrschaftsbildung, aus der später die Rus hervorgegangen sein soll.
Diese Geschichte ist eindrucksvoll. Sie besitzt eine klare Handlung, eine politische Begründung und eine zentrale Gründergestalt.
Gerade deshalb müssen wir sie kritisch betrachten.
Eine Geschichte aus späterer Zeit
Zwischen dem angeblichen Herrschaftsbeginn Rjuriks im Jahr 862 und der Zusammenstellung der Nestorchronik liegen ungefähr 250 Jahre.
Die Chronisten konnten also nicht aus eigener Anschauung über diese Ereignisse berichten.
Sie verwendeten ältere Überlieferungen, möglicherweise vorhandene Aufzeichnungen und andere schriftliche Vorlagen. Hinzu kamen politische und religiöse Vorstellungen ihrer eigenen Zeit.
Das bedeutet nicht, dass die Erzählung vollständig erfunden sein muss.
Es bedeutet aber, dass wir nicht sicher unterscheiden können, welche Bestandteile auf tatsächliche Ereignisse zurückgehen und welche später ergänzt, verändert oder miteinander verbunden wurden.
Besonders auffällig ist das Motiv der freiwilligen Einladung eines fremden Herrschers.
Eine solche Geschichte kann erklären, warum eine bestimmte Dynastie das Recht beanspruchte, über unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zu herrschen.
Die Herrschaft erscheint dadurch nicht als Ergebnis einer Eroberung, sondern als Antwort auf den Wunsch nach Ordnung.
Die Erzählung besitzt damit auch eine politische Funktion: Sie begründet die Legitimität einer Herrscherfamilie.
Ob eine tatsächliche Einladung stattgefunden hat, bleibt offen.
War Rjurik ein Skandinavier?
Der Name Rjurik wird häufig mit dem altnordischen Namen Hrœrekr, einer Form von Rørik beziehungsweise Roderich, in Verbindung gebracht.
Diese sprachliche Verbindung ist plausibel und passt zu den nachweisbaren skandinavischen Einflüssen im frühen Rus-Gebiet.
Allerdings reicht ein Name allein nicht aus, um eine historische Person sicher zu identifizieren.
In der Forschung wurde beispielsweise diskutiert, ob Rjurik mit dem aus fränkischen Quellen bekannten Rorik von Dorestad identisch sein könnte.
Dieser war ein skandinavischer Herrschaftsträger, der im 9. Jahrhundert in den fränkischen Gebieten aktiv war.
Die zeitliche Nähe und die Namensähnlichkeit machen einen Vergleich interessant.
Für eine tatsächliche Gleichsetzung fehlen jedoch überzeugende unabhängige Belege.
Wir wissen daher nicht, ob der Rjurik der Nestorchronik eine bestimmte historische Person war, ob verschiedene Erinnerungen in seiner Gestalt zusammenflossen oder ob die Überlieferung eine ältere Herrschaftsentwicklung nachträglich auf einen Gründer zurückführte.
Ladoga oder Nowgorod?
Auch die Frage nach Rjuriks angeblichem Herrschaftssitz ist komplizierter, als es auf den ersten Blick erscheint.
In verschiedenen Überlieferungsfassungen wird seine frühe Herrschaft unterschiedlich mit Ladoga und Nowgorod verbunden.
Ladoga existierte bereits seit der Mitte des 8. Jahrhunderts und war ein bedeutender Handels- und Handwerksplatz.
Für Nowgorod ist die Situation anders.
Die eigentliche mittelalterliche Stadt entwickelte sich später. Im 9. Jahrhundert war dagegen das nahe gelegene Rjurikowo Gorodischtsche ein wichtiger Siedlungs- und Herrschaftsort.
Der Name dieses Fundplatzes bedeutet sinngemäß „Rjuriks Burgstätte“.
Doch dieser Name ist kein archäologischer Beweis dafür, dass Rjurik dort lebte.
Die Ausgrabungen zeigen, dass sich an diesem Ort ein bedeutendes Zentrum mit Befestigungen, Waffenfunden und Verbindungen zu überregionalen Handelsnetzen entwickelte.
Damit passt der Fundplatz grundsätzlich zu einer Umgebung, in der sich frühe politische Eliten herausbilden konnten.
Was die Archäologie belegt, ist die Existenz solcher Herrschaftszentren. Nicht belegt ist ihre Verbindung mit einer bestimmten Person namens Rjurik.
Was geschah wirklich im Norden?
Auch ohne die Rjurik-Erzählung lässt sich erkennen, dass im 9. Jahrhundert wichtige Veränderungen stattfanden.
Handelsplätze wie Ladoga waren bereits Teil weitreichender Verbindungen.
Über die Flüsse gelangten Menschen und Waren in das Innere Osteuropas. Skandinavische Händler und bewaffnete Gruppen begegneten dort slawischen und finno-ugrischen Gemeinschaften.
Die Kontrolle solcher Verkehrswege bot wirtschaftliche und politische Vorteile.
Wer einen bedeutenden Handelsplatz beherrschte, konnte Abgaben erheben, Handelskontakte beeinflussen und bewaffnete Gefolgschaften unterhalten.
Aus solchen Machtverhältnissen konnten dauerhaftere Herrschaftsstrukturen entstehen.
Es ist daher durchaus vorstellbar, dass skandinavisch geprägte Anführer in diesen Prozessen eine wichtige Rolle spielten.
Ebenso wahrscheinlich ist, dass ihre Macht auf Beziehungen zu den bereits ansässigen Bevölkerungsgruppen angewiesen war.
Die Entwicklung der frühen Rus lässt sich deshalb nicht auf die Ankunft eines einzelnen Mannes reduzieren.
Sie war das Ergebnis längerer politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen.
Die drei Brüder und ihre Namen
Ein besonders interessanter Bestandteil der Rjurik-Erzählung sind seine angeblichen Brüder Sineus und Truvor.
Früher wurde gelegentlich vermutet, ihre Namen seien durch ein Missverständnis altnordischer Ausdrücke entstanden.
Nach dieser Erklärung könnten ursprünglich keine Brüder gemeint gewesen sein, sondern Hinweise auf Rjuriks Gefolgschaft oder sein Haus.
Diese Deutung wurde populär, gilt aber keineswegs als gesichert.
Es gibt sprachwissenschaftliche Einwände gegen die vorgeschlagenen Wortverbindungen. Außerdem sind nordgermanische Personennamen als mögliche Erklärungen für die überlieferten Namensformen diskutiert worden.
Deshalb wäre es falsch, Sineus und Truvor einfach als nachgewiesene Übersetzungsfehler zu bezeichnen.
Ebenso wenig können wir ihre tatsächliche Existenz bestätigen.
Die Geschichte der drei Brüder bleibt Teil einer Überlieferung, deren historische Einzelheiten sich nicht unabhängig überprüfen lassen.
Der Beginn einer Dynastie?
Nach der Nestorchronik starb Rjurik im Jahr 879.
Sein Nachfolger wurde Oleg, der die Herrschaft zunächst für Rjuriks noch jungen Sohn Igor ausgeübt haben soll.
Mit Oleg verlagert sich die überlieferte Geschichte zunehmend nach Süden.
Die Chronik berichtet, dass er schließlich Kiew einnahm und dort ein neues politisches Zentrum schuf.
Die späteren Fürsten der Rus führten ihre Abstammung auf Rjurik zurück.
Daraus entwickelte sich die Bezeichnung Rjurikiden für die Herrscherdynastie, die über Jahrhunderte in den verschiedenen Fürstentümern der Rus regierte.
Dass diese Dynastie historisch existierte, steht außer Frage.
Unsicher bleibt dagegen, ob ihre tatsächliche Abstammung bis zu genau jenem Rjurik zurückreichte, den die Chronik beschreibt.
Die genealogische Verbindung zu ihm gehört zur späteren dynastischen Überlieferung.
Warum wurde Rjurik so bedeutend?
Die Geschichte Rjuriks wurde weit über das Mittelalter hinaus politisch bedeutsam.
Sie bot eine Erklärung für den Ursprung einer Herrscherdynastie und wurde später mit der Frage verbunden, welchen Anteil Skandinavier an der Entstehung der Rus hatten.
Daraus entwickelte sich die lange und teilweise erbittert geführte Auseinandersetzung zwischen sogenannten Normannisten und Antinormannisten.
Während die eine Seite die skandinavische Beteiligung besonders hervorhob, versuchte die andere, die Entstehung der Rus vorwiegend aus einheimischen Entwicklungen zu erklären.
Diese Debatte war nicht immer ausschließlich wissenschaftlich geprägt. Nationale und politische Vorstellungen beeinflussten häufig die Interpretation der Quellen.
Die moderne Forschung betrachtet die Frage differenzierter.
Eine bedeutende skandinavische Beteiligung an den frühen Handels- und Herrschaftsnetzwerken ist archäologisch und durch verschiedene schriftliche Zeugnisse gut belegt.
Daraus folgt jedoch nicht, dass Skandinavier allein einen Staat gegründet hätten oder dass die lokale Bevölkerung nur eine untergeordnete Rolle spielte.
Die entscheidende Frage lautet daher weniger, ob die Rus skandinavisch oder slawisch waren.
Vielmehr geht es darum, wie aus dem Zusammenwirken verschiedener Gruppen neue politische Gemeinschaften entstanden.
Rjurik zwischen Mythos und Wirklichkeit
Was können wir am Ende tatsächlich über Rjurik sagen?
Wir wissen, dass im 9. Jahrhundert skandinavisch geprägte Gruppen im nördlichen Osteuropa aktiv waren.
Wir wissen, dass sich dort Handelsplätze und politische Machtzentren entwickelten.
Und wir wissen, dass spätere Herrscher ihre Abstammung auf einen Mann namens Rjurik zurückführten.
Was wir nicht wissen, ist, ob die Einladung von 862 tatsächlich stattgefunden hat, ob die drei Brüder historische Personen waren oder ob Rjurik genau jene Herrschaft ausübte, die ihm die Chronik zuschreibt.
Die historische Bedeutung der Überlieferung wird dadurch nicht geringer.
Sie zeigt uns, wie spätere Generationen die Anfänge ihrer politischen Ordnung verstanden und erklärten.
Rjurik ist deshalb nicht einfach als erfundene Gestalt abzutun. Aber ebenso wenig dürfen wir die Erzählung der Nestorchronik als gesicherten Tatsachenbericht behandeln.
Hinter der Legende steht eine reale Entwicklung: Im Norden Osteuropas entstanden aus Handelsverbindungen, lokalen Gemeinschaften und bewaffneten Gefolgschaften neue Machtstrukturen.
Im Laufe des 9. und 10. Jahrhunderts verlagerte sich ihr politischer Schwerpunkt zunehmend nach Süden.
Dort, am Dnepr, sollte mit Kiew eines der bedeutendsten Zentren der mittelalterlichen Rus entstehen.