Ferðafólk
Auf den Spuren der Rus und Waräger
Die ersten Rus
Im Jahr 839 erreichte eine ungewöhnliche Gesandtschaft den Hof des fränkischen Kaisers Ludwig des Frommen in Ingelheim.
Die Männer waren zuvor am Hof des byzantinischen Kaisers Theophilos gewesen und wollten nun in ihre Heimat zurückkehren. Sie bezeichneten sich als Angehörige eines Volkes namens Rhos.
Der fränkische Kaiser ließ ihre Herkunft untersuchen. Dabei stellte sich nach Darstellung des Chronisten heraus, dass sie zu den Sueones gehörten, also zu den Schweden beziehungsweise Menschen aus dem skandinavischen Raum.
Dieser kurze Bericht in den Annales Bertiniani, den Jahrbüchern des Klosters Saint-Bertin, gehört zu den frühesten sicher datierten schriftlichen Zeugnissen über Menschen, die unter dem Namen Rus oder Rhos bekannt wurden.
Doch er wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet.
Wer waren diese Männer? Woher kamen sie tatsächlich? Und wie konnte eine Gruppe mit skandinavischen Verbindungen bereits im frühen 9. Jahrhundert in diplomatischem Kontakt mit dem Byzantinischen Reich stehen?
Die Rhos am fränkischen Kaiserhof
Die Nachricht aus dem Jahr 839 ist deshalb so wertvoll, weil sie nicht erst Jahrhunderte später aufgezeichnet wurde.
Die Annales Bertiniani gehören zur zeitnahen fränkischen Geschichtsschreibung. Der betreffende Eintrag berichtet von einer byzantinischen Gesandtschaft, die Männer mitbrachte, deren Volk Rhos genannt wurde.
Nach ihren Angaben hatte ihr Herrscher, der den Titel Chacanus trug, sie zum byzantinischen Kaiser geschickt.
Der Titel erinnert an den Begriff Khagan, der bei verschiedenen eurasischen Herrschaftsverbänden verwendet wurde, darunter auch bei den Chasaren.
Ob die frühen Rus diesen Titel tatsächlich selbst verwendeten, welche politische Bedeutung er hatte und wo sich der betreffende Herrschaftsbereich befand, ist allerdings umstritten.
Ludwig der Fromme ließ die Fremden genauer untersuchen. Als ihre skandinavische Herkunft festgestellt wurde, begegnete er ihnen mit Misstrauen.
Das hatte einen nachvollziehbaren Hintergrund: Fränkische Gebiete waren bereits wiederholt von skandinavischen Überfällen betroffen gewesen.
Der Kaiser befürchtete deshalb, dass es sich möglicherweise um Kundschafter handelte.
Die Quelle verrät uns nicht, was anschließend aus diesen Männern wurde.
Sie zeigt aber, dass bereits 839 eine Gruppe unter dem Namen Rhos auftrat, die Verbindungen sowohl nach Skandinavien als auch nach Byzanz besaß.
Was der Bericht nicht beweist: Dass alle Rus Schweden waren oder dass zu diesem Zeitpunkt bereits ein einheitlicher Staat der Rus existierte.
Was bedeutet der Name Rus?
Die Herkunft des Namens Rus gehört zu den meistdiskutierten Fragen der frühen osteuropäischen Geschichte.
Eine verbreitete sprachwissenschaftliche Erklärung verbindet ihn mit nordgermanischen beziehungsweise ostskandinavischen Bezeichnungen, die mit dem Rudern und mit seefahrenden Gruppen in Zusammenhang stehen.
Häufig wird dabei auf die sprachgeschichtliche Verbindung zum finnischen Wort Ruotsi verwiesen, das heute Schweden bezeichnet.
Diese Erklärung ist in der Forschung einflussreich, doch einzelne Schritte der sprachlichen Entwicklung und die ursprüngliche Bedeutung des Namens bleiben Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen.
Wichtig ist vor allem, dass der Begriff Rus im Laufe der Zeit nicht immer dasselbe bezeichnete.
Im 9. Jahrhundert begegnet er uns zunächst als Name bestimmter Gruppen, die in den osteuropäischen Handels- und Herrschaftsnetzwerken aktiv waren.
Später wurde er zunehmend mit politischen Herrschaftsgebieten, deren Bevölkerung und schließlich mit einer größeren ostslawisch geprägten Gesellschaft verbunden.
Der Name blieb bestehen, während sich die Menschen und Gemeinschaften, die damit bezeichnet wurden, veränderten.
Der Angriff auf Konstantinopel im Jahr 860
Nur gut zwanzig Jahre nach der Erwähnung von 839 erscheinen die Rhos erneut in den schriftlichen Quellen.
Diesmal nicht als Gesandte, sondern als Angreifer.
Im Jahr 860 erreichte eine Flotte der Rus die Umgebung von Konstantinopel und griff byzantinische Gebiete an.
Die Hauptstadt des Byzantinischen Reiches war eines der bedeutendsten wirtschaftlichen und politischen Zentren der damaligen Welt.
Dass eine Streitmacht aus dem nördlichen Schwarzmeerraum bis vor ihre Mauern gelangen konnte, verdeutlicht die Reichweite der frühen Rus-Unternehmungen.
Zu den wichtigsten Zeugnissen gehören die Predigten des Patriarchen Photios, der den Angriff selbst miterlebte.
Er beschreibt die Bedrohung aus der Perspektive der angegriffenen Stadt und deutet die Ereignisse religiös.
Seine Berichte sind deshalb besonders wertvoll, müssen aber zugleich als rhetorisch gestaltete Predigten gelesen werden.
Die Rus waren spätestens zu diesem Zeitpunkt im Byzantinischen Reich als militärische Macht wahrgenommen worden.
Wo genau die Angreifer ihre Ausgangsbasis hatten, wie ihre Führung organisiert war und welche Bevölkerungsgruppen an dem Unternehmen beteiligt waren, lässt sich aus den zeitgenössischen Quellen jedoch nicht eindeutig bestimmen.
Spätere Chroniken verbinden frühe Unternehmungen gegen Konstantinopel mit bestimmten Fürsten und Ereignissen. Diese Erzählungen dürfen nicht ohne Weiteres mit dem Bericht von 860 gleichgesetzt werden.
Händler, Krieger oder beides?
Wenn wir die frühen Rus betrachten, begegnen uns zwei Tätigkeiten besonders häufig: Fernhandel und bewaffnete Unternehmungen.
Das ist kein Widerspruch.
Wer im 9. oder 10. Jahrhundert Waren über Tausende Kilometer transportierte, musste sich durch Gebiete bewegen, die von unterschiedlichen Gemeinschaften und Herrschaftsgruppen kontrolliert wurden.
Solche Reisen konnten Schutz, Verhandlungen, Abgaben und bewaffnete Begleitung erforderlich machen.
Gleichzeitig eröffneten erfolgreiche Kriegszüge die Möglichkeit, Beute zu gewinnen, Tribute zu erzwingen und Zugang zu Handelsmärkten zu sichern.
Die Grenze zwischen Händler, Krieger und Angehörigem einer bewaffneten Gefolgschaft war deshalb nicht immer eindeutig.
Ein Mann konnte an einer Handelsreise teilnehmen, bewaffnet reisen und gleichzeitig Teil einer politischen oder militärischen Gemeinschaft sein.
Wir sollten daraus allerdings nicht schließen, dass jeder Rus ein Krieger war oder dass alle Handelsunternehmungen von Gewalt bestimmt wurden.
Die frühen Rus-Netzwerke umfassten unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Aufgaben und Interessen.
Die archäologischen Spuren
Während die schriftlichen Quellen nur einzelne Ereignisse beleuchten, erlaubt uns die Archäologie einen umfassenderen Blick.
Bereits im 8. und 9. Jahrhundert finden sich in Nordwestrussland Hinweise auf Kontakte mit Skandinavien.
Besonders bedeutend sind die Funde aus Staraja Ladoga, das wir im vorherigen Kapitel kennengelernt haben.
Hier wurden Gegenstände skandinavischer Formtradition entdeckt, ebenso wie Zeugnisse lokaler handwerklicher Produktion.
Auch das Gebiet um den Ilmensee und das spätere Nowgorod gewann zunehmend an Bedeutung.
Das Rjurikowo Gorodischtsche, eine befestigte Siedlung nahe Nowgorod, entwickelte sich zu einem wichtigen nördlichen Zentrum. Die archäologischen Funde zeigen Verbindungen zu überregionalen Netzwerken sowie Hinweise auf bewaffnete Eliten.
Weiter südlich entstand mit Gnezdovo am oberen Dnepr im 10. Jahrhundert ein besonders bedeutender Handels-, Handwerks- und Herrschaftsplatz.
Diese Fundorte zeigen, dass skandinavisch geprägte Menschen und Sachkultur in Osteuropa tatsächlich präsent waren.
Doch sie zeigen ebenso deutlich, dass diese Welt nicht ausschließlich skandinavisch war.
In den Siedlungen und Gräbern begegnen uns Gegenstände unterschiedlicher Herkunft und Tradition.
Die archäologischen Befunde sprechen daher für eine Entwicklung, in der Mobilität, Handel, lokale Zusammenarbeit und politische Machtbildung eng miteinander verbunden waren.
Gab es bereits einen Staat der Rus?
Der Bericht von 839 erwähnt einen Herrscher mit dem Titel Chacanus.
Der Angriff von 860 zeigt, dass die Rus größere militärische Unternehmungen durchführen konnten.
Beides deutet auf organisierte Gruppen und Formen politischer Führung hin.
Doch daraus ergibt sich noch kein klares Bild eines Staates mit festen Grenzen, einer Hauptstadt und einer einheitlichen Verwaltung.
Die politische Organisation der frühen Rus ist nur bruchstückhaft bekannt.
In der Forschung wird unter anderem diskutiert, ob es im 9. Jahrhundert einen frühen Herrschaftsverband gab, der gelegentlich als Rus-Khaganat bezeichnet wird.
Diese Bezeichnung ist ein modernes Forschungsmodell und kein eindeutig nachgewiesener Staatsname.
Weder seine genaue Ausdehnung noch sein politischer Aufbau oder sein Zentrum lassen sich sicher bestimmen.
Wahrscheinlicher ist, dass wir es zunächst mit mehreren miteinander verbundenen Gruppen und Machtzentren zu tun haben, deren Einfluss auf Handel, bewaffneten Gefolgschaften und Beziehungen zu lokalen Gemeinschaften beruhte.
Erst im weiteren Verlauf des 9. und 10. Jahrhunderts werden größere politische Zusammenhänge deutlicher erkennbar.
Zwischen schriftlicher Überlieferung und Wirklichkeit
Ein Problem begleitet die Erforschung der frühen Rus bis heute.
Die wichtigsten schriftlichen Zeugnisse stammen überwiegend von Menschen, die außerhalb dieser Gemeinschaften lebten.
Fränkische Autoren interessierten sich für diplomatische Beziehungen und mögliche Gefahren.
Byzantinische Chronisten beschrieben Angriffe, Verträge und politische Kontakte.
Arabische und persische Geographen berichteten über Handel, fremde Völker und die Verhältnisse entlang der großen Flüsse.
Jede dieser Quellen betrachtet die Rus aus einer anderen Perspektive.
Hinzu kommt, dass die bekannte ostslawische Nestorchronik erst zu Beginn des 12. Jahrhunderts zusammengestellt wurde.
Sie erzählt zwar ausführlich von den frühen Fürsten und der Entstehung ihrer Herrschaft, doch zwischen den beschriebenen Ereignissen und ihrer schriftlichen Überlieferung liegen teilweise mehrere Jahrhunderte.
Deshalb müssen wir zwischen zeitgenössischen Nachrichten und späteren Erzählungen unterscheiden.
Gerade bei der Geschichte der ersten Rus ist diese Unterscheidung entscheidend.
Die Rus werden sichtbar
Aus den wenigen schriftlichen Nachrichten und den archäologischen Funden entsteht allmählich ein Bild.
Bereits im frühen 9. Jahrhundert existierten Gruppen, die unter dem Namen Rus oder Rhos auftraten und weitreichende Verbindungen besaßen.
Sie bewegten sich zwischen Skandinavien, Osteuropa und dem Byzantinischen Reich.
Sie handelten, unterhielten diplomatische Kontakte und führten bewaffnete Unternehmungen durch.
Ihre Gemeinschaften waren Teil einer vielschichtigen Welt, in der unterschiedliche Sprachen, Traditionen und Interessen aufeinandertrafen.
Die frühen Rus waren keine fertige Nation und auch kein geschlossenes Volk im heutigen Sinn. Sie waren Teil eines sich entwickelnden Netzwerks aus Menschen, Handelsplätzen und politischen Machtzentren.
Doch wie wurde aus diesen frühen Gruppen eine Herrschaft, deren Geschichte später mit einem einzelnen Namen beginnen sollte?
Mit Rjurik betreten wir im nächsten Kapitel einen Bereich, in dem sich historische Wirklichkeit und spätere Legende besonders eng miteinander verbinden.