Ferðafólk

Auf den Spuren der Rus und Waräger

Von Nowgorod nach Kiew

Im Norden Osteuropas hatten sich im Laufe des 9. Jahrhunderts bedeutende Handelsplätze und politische Machtzentren entwickelt. Ladoga und die Siedlungen am Ilmensee verbanden die Ostsee mit den weitläufigen Flusssystemen des Landesinneren.
Doch die Geschichte der Rus sollte nicht auf den Norden beschränkt bleiben.
Weiter südlich führte der Dnepr durch die Waldlandschaften Osteuropas bis zum Schwarzen Meer. Über ihn ließ sich eine Verbindung zu Konstantinopel herstellen, einer der reichsten und bedeutendsten Städte der damaligen Welt.
Die Kontrolle dieser Verbindung versprach wirtschaftlichen Einfluss, politische Macht und Zugang zu begehrten Handelswaren.
Nach der späteren Nestorchronik war es ein Mann namens Oleg, der die nördlichen und südlichen Machtzentren miteinander verband und Kiew zum Mittelpunkt seiner Herrschaft machte.
Damit beginnt ein entscheidender Abschnitt in der Entwicklung der mittelalterlichen Rus.

Der Norden als Ausgangspunkt

Im vorherigen Kapitel haben wir Rjurik kennengelernt, den sagenhaften Begründer der späteren Herrscherdynastie.
Die Nestorchronik berichtet, dass nach seinem Tod im Jahr 879 Oleg die Herrschaft übernahm. Er soll zunächst für Rjuriks noch jungen Sohn Igor regiert haben.
Die Überlieferung verbindet diese Herrschaft mit dem Raum um Nowgorod.
Dabei müssen wir zwischen der späteren Stadt Nowgorod und den älteren Siedlungszentren der Region unterscheiden.
Die mittelalterliche Stadt entwickelte sich vor allem im 10. Jahrhundert. Bereits zuvor existierten jedoch bedeutende Siedlungen, darunter das Rjurikowo Gorodischtsche am Wolchow.
Dieser Fundplatz zeigt archäologische Spuren einer gehobenen, überregional vernetzten Bevölkerung. Waffen, Schmuck und andere Gegenstände belegen Verbindungen zu skandinavischen und osteuropäischen Traditionen.
Die Lage war strategisch günstig. Von hier aus konnten Reisende über den Ilmensee und die anschließenden Flussverbindungen weiter nach Süden gelangen.
Der Norden bildete damit einen wichtigen Ausgangsraum für die Entwicklung der Rus.

Der Weg über die Flüsse

Eine Reise von Nowgorod nach Kiew war kein einfacher Weg entlang eines einzigen Flusses.
Zwischen dem Ilmensee und dem Dnepr mussten unterschiedliche Wasserläufe, Seen und Landabschnitte überwunden werden.
Boote konnten über kleinere Flüsse und Seen fahren. Wo Wasserwege nicht unmittelbar miteinander verbunden waren, mussten Waren und gegebenenfalls auch Boote über Land transportiert werden.
Solche Übergänge werden als Portagen bezeichnet.
Sie waren besonders anstrengend und konnten die Reise erheblich verzögern.
Die Handelsverbindungen verliefen zudem nicht zu jeder Zeit über dieselben Strecken. Wasserstände, politische Verhältnisse und die Sicherheit einzelner Gebiete beeinflussten die Wahl des Weges.
Der Dnepr wurde schließlich zu einer wichtigen Verbindung zwischen den nördlichen Handelsräumen und dem Schwarzen Meer.
Doch bevor die Reisenden die großen Märkte im Süden erreichten, führte ihr Weg durch Gebiete, in denen unterschiedliche Gemeinschaften lebten und eigene politische Interessen verfolgten.

Gnezdovo – ein bedeutender Zwischenhalt

Am oberen Dnepr, in der Nähe des heutigen Smolensk, entstand mit Gnezdovo eines der bedeutendsten Zentren der frühen Rus.
Besonders im 10. Jahrhundert entwickelte sich hier ein umfangreicher Handels-, Handwerks- und Siedlungskomplex.
Die archäologischen Untersuchungen haben Siedlungsreste, Werkstattbereiche und zahlreiche Grabhügel freigelegt.
Zu den Funden gehören Waffen, Schmuck, Handelsgewichte, Silbermünzen und Gegenstände unterschiedlicher kultureller Herkunft.
Skandinavische Einflüsse sind deutlich erkennbar. Gleichzeitig zeigen die Funde Verbindungen zu slawischen, baltischen und weiteren osteuropäischen Traditionen.
Gnezdovo war damit ein Ort, an dem Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenkamen.
Die Lage am Dnepr ermöglichte es, den Verkehr zwischen den nördlichen und südlichen Handelsräumen zu beeinflussen.
Ein solcher Ort konnte wirtschaftlich bedeutend sein, aber auch politische und militärische Funktionen erfüllen.
Allerdings darf Gnezdovo nicht einfach als vollständig entwickeltes Herrschaftszentrum des frühen 9. Jahrhunderts betrachtet werden. Seine besonders reichen archäologischen Befunde stammen überwiegend aus dem 10. Jahrhundert.
Gerade diese zeitliche Einordnung ist wichtig, wenn wir die Entwicklung der Rus nachvollziehen wollen.

Kiew – eine Stadt an einer entscheidenden Verbindung

Weiter südlich lag Kiew, dessen Lage am Dnepr besonders günstig war.
Hier trafen wichtige Verkehrswege aufeinander. Der Fluss verband die Region mit den nördlichen Handelsplätzen und führte weiter in Richtung Schwarzes Meer.
Die Umgebung war bereits vor der Entstehung der mittelalterlichen Rus besiedelt.
Im Laufe des 9. und besonders des 10. Jahrhunderts entwickelte sich Kiew zunehmend zu einem politischen und wirtschaftlichen Zentrum.
Seine Bedeutung beruhte nicht allein auf dem Handel.
Wer Kiew kontrollierte, konnte Einfluss auf den Verkehr entlang des Dnepr ausüben, Abgaben erheben und Beziehungen zu den umliegenden Bevölkerungsgruppen gestalten.
Die Stadt bot außerdem eine günstige Ausgangsposition für Unternehmungen in Richtung des Byzantinischen Reiches.
Damit wurde Kiew zu einem Ort, an dem sich wirtschaftliche Interessen und politische Herrschaft miteinander verbanden.

Oleg und die Einnahme Kiews

Nach der Nestorchronik zog Oleg im Jahr 882 mit einer bewaffneten Gefolgschaft nach Süden.
Auf seinem Weg soll er wichtige Orte unter seine Kontrolle gebracht haben, bevor er Kiew erreichte.
Dort herrschten der Überlieferung zufolge zwei Männer namens Askold und Dir.
Die Chronik erzählt, Oleg habe die beiden durch eine List aus der Stadt gelockt und töten lassen.
Anschließend habe er selbst die Herrschaft über Kiew übernommen.
Ihm wird außerdem die Aussage zugeschrieben, Kiew solle die Mutter der Städte der Rus sein.
Diese Erzählung gehört zu den bekanntesten Ereignissen der frühen Rus-Geschichte.
Doch auch hier ist Vorsicht erforderlich.
Die Nestorchronik wurde erst Jahrhunderte nach den angeblichen Ereignissen zusammengestellt. Für die Einzelheiten der Einnahme Kiews im Jahr 882 fehlen unabhängige zeitgenössische Bestätigungen.
Die Namen Askold und Dir sowie die genaue Abfolge der Ereignisse sind deshalb historisch nicht sicher nachweisbar.
Dass Kiew im Verlauf des 9. und 10. Jahrhunderts zu einem bedeutenden Zentrum der Rus-Herrschaft wurde, ist dagegen durch unterschiedliche Quellen und archäologische Befunde gut belegt.
Die politische Entwicklung Kiews ist historisch fassbar. Die dramatische Erzählung von Olegs Eroberung bleibt eine spätere Überlieferung.

Warum wurde Kiew so bedeutend?

Die Verlagerung des politischen Schwerpunkts nach Süden hatte mehrere Ursachen.
Eine der wichtigsten war die Verbindung zum Byzantinischen Reich.
Konstantinopel bot einen großen Markt für Waren, die aus den nördlichen und osteuropäischen Gebieten kamen.
Dazu gehörten Pelze, Wachs und versklavte Menschen. Im Gegenzug gelangten unter anderem hochwertige Textilien, Wein, Schmuck und andere Erzeugnisse aus dem byzantinischen Wirtschaftsraum nach Norden.
Der Handel war jedoch nur ein Teil dieser Beziehungen.
Auch militärische Unternehmungen, diplomatische Kontakte und politische Verträge spielten eine bedeutende Rolle.
Bereits der Angriff der Rus auf Konstantinopel im Jahr 860 zeigt, dass Verbindungen zwischen den Rus und dem Byzantinischen Reich bestanden, bevor die Chronik Olegs Herrschaft über Kiew ansetzt.
Im 10. Jahrhundert wurden diese Beziehungen zunehmend deutlicher dokumentiert.
Kiew entwickelte sich zu einem Zentrum, von dem aus Fürsten Tribute einziehen, Gefolgschaften unterhalten und politische Beziehungen zu benachbarten Gemeinschaften gestalten konnten.
Die Kontrolle der Handelswege war dabei eng mit der Kontrolle von Menschen und Gebieten verbunden.

Die Rus und die slawischen Gemeinschaften

Die Ausbreitung politischer Herrschaft nach Süden bedeutete nicht, dass skandinavische Gruppen in ein unbewohntes Land vordrangen.
Die Regionen entlang des Dnepr waren bereits von unterschiedlichen Gemeinschaften besiedelt.
Dazu gehörten mehrere ostslawische Bevölkerungsgruppen, die in der späteren Überlieferung unter Namen wie Poljanen, Drewljanen und Sewerjanen erscheinen.
Ihre wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse waren keineswegs überall gleich.
Einige Gemeinschaften betrieben Landwirtschaft, andere waren stärker in regionale Handelsnetze eingebunden. Politische Abhängigkeiten und Tributverhältnisse bestanden teilweise bereits vor der Ausbreitung der Rus-Herrschaft.
Die Entstehung größerer Herrschaftsgebiete war deshalb ein Prozess, in dem bestehende Strukturen verändert, übernommen oder miteinander verbunden wurden.
Skandinavisch geprägte Anführer und ihre Gefolgschaften spielten dabei eine Rolle.
Doch sie waren auf die Zusammenarbeit mit lokalen Eliten, Handwerkern, Händlern und der ansässigen Bevölkerung angewiesen.
Im Laufe der Zeit wurden die kulturellen Grenzen zunehmend durchlässiger.
Aus diesen Begegnungen entstand eine Gesellschaft, die sich nicht mehr eindeutig als skandinavisch oder slawisch beschreiben lässt.

Die Dnepr-Stromschnellen

Wie schwierig die Verbindung zwischen Kiew und Konstantinopel tatsächlich war, erfahren wir aus einer besonders wertvollen byzantinischen Quelle.
Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos ließ im 10. Jahrhundert das Werk De administrando imperio zusammenstellen.
Darin werden unter anderem die Reisen der Rus auf dem Dnepr beschrieben.
Besondere Aufmerksamkeit erhalten die gefährlichen Stromschnellen im südlichen Abschnitt des Flusses.
Die Reisenden mussten dort ihre Boote teilweise entladen und an gefährlichen Stellen vorbeibringen.
Dabei drohten nicht nur Unfälle.
Die Quelle beschreibt auch die Gefahr von Angriffen durch die Petschenegen, einen Steppenverband, der in den südlichen Regionen Osteuropas eine wichtige Rolle spielte.
Diese Schilderung zeigt, wie eng Handel, militärischer Schutz und politische Beziehungen miteinander verbunden waren.
Eine Reise nach Konstantinopel erforderte Planung, Erfahrung und häufig die Zusammenarbeit größerer Gruppen.
Sie war weit entfernt von einer unbeschwerten Fahrt auf einem breiten Fluss.

Olegs Zug gegen Konstantinopel

Die Nestorchronik berichtet außerdem von einem großen Kriegszug Olegs gegen Konstantinopel im Jahr 907.
Der Fürst soll mit einer gewaltigen Flotte vor der byzantinischen Hauptstadt erschienen sein.
Besonders bekannt ist die Erzählung, seine Männer hätten ihre Boote mit Rädern versehen und über Land auf die Stadt zubewegt.
Am Ende habe Oleg einen günstigen Frieden erzwungen und seinen Schild als Zeichen des Sieges an einem Stadttor befestigt.
Diese Geschichte gehört zu den eindrucksvollsten Episoden der Rus-Überlieferung.
Historisch ist sie jedoch problematisch.
Für den angeblichen Feldzug von 907 fehlt eine eindeutige zeitgenössische byzantinische Bestätigung. Die überlieferten Einzelheiten wirken teilweise literarisch gestaltet.
Anders verhält es sich mit den in der Chronik enthaltenen Rus-byzantinischen Vertragsüberlieferungen, insbesondere dem ausführlichen Vertrag, der auf 911 datiert wird.
Diese Texte enthalten zahlreiche konkrete Regelungen über Handel, Recht und den Umgang mit Angehörigen beider Seiten.
Sie gelten in der Forschung als wichtige Zeugnisse früher diplomatischer Beziehungen, auch wenn ihre Überlieferung und einzelne Datierungsfragen kritisch geprüft werden müssen.
Die Verträge zeigen, dass die Rus zu Beginn des 10. Jahrhunderts bereits als ernstzunehmender politischer und wirtschaftlicher Partner des Byzantinischen Reiches auftraten.

Aus Handelsplätzen wird ein Herrschaftsraum

Die Geschichte zwischen Nowgorod und Kiew ist nicht einfach die Geschichte eines erfolgreichen Eroberungszuges.
Sie beschreibt einen umfassenderen Wandel.
Aus einzelnen Handelsplätzen, bewaffneten Gefolgschaften und regionalen Machtzentren entwickelten sich größere politische Verbindungen.
Flüsse bildeten dabei die wichtigsten Verkehrsadern.
Über sie wurden Waren transportiert, Tribute eingezogen und militärische Unternehmungen durchgeführt.
Die Kontrolle solcher Verbindungen ermöglichte es einzelnen Herrschaftsgruppen, ihren Einfluss über größere Entfernungen auszudehnen.
Doch dieser Prozess verlief nicht überall gleichzeitig und nicht ohne Widerstände.
Lokale Gemeinschaften behielten eigene Interessen. Bündnisse konnten sich verändern, Abhängigkeiten mussten durchgesetzt und politische Beziehungen immer wieder neu ausgehandelt werden.
Erst im Laufe des 10. Jahrhunderts werden die Strukturen der Kiewer Rus in den Quellen deutlicher erkennbar.
Kiew wurde nicht über Nacht zur Hauptstadt eines fertigen Staates. Seine Bedeutung entstand durch die schrittweise Verbindung von Handel, militärischer Macht und politischer Herrschaft.

Ein neues Zentrum der Rus

Mit dem Aufstieg Kiews veränderte sich die Welt der Rus grundlegend.
Die nördlichen Handelsplätze blieben wichtig, doch im Süden entstand ein politisches Zentrum, das zunehmend die Beziehungen zum Byzantinischen Reich und zu den umliegenden Gemeinschaften bestimmte.
Die skandinavischen Verbindungen verschwanden dadurch nicht.
Vielmehr wurden sie Teil einer größeren Gesellschaft, in der unterschiedliche kulturelle Traditionen miteinander verschmolzen.
Aus mobilen Handels- und Kriegergruppen entwickelte sich schrittweise eine politische Elite, deren Macht auf weitreichenden Beziehungen und der Kontrolle von Menschen, Gebieten und Verkehrswegen beruhte.
Die späteren Chronisten verbanden diese Entwicklung mit den Namen Rjurik und Oleg.
Die tatsächlichen Vorgänge waren vermutlich wesentlich vielschichtiger.
Der Weg von Nowgorod nach Kiew war deshalb mehr als eine Reise nach Süden. Er steht für den Übergang von frühen Handelsnetzwerken zu einer zunehmend organisierten Herrschaft der Rus.
Mit Oleg, Igor und Olga treten nun Herrschergestalten in den Mittelpunkt, deren Geschichte uns zeigt, wie diese Macht ausgeübt, gesichert und weiterentwickelt wurde.