Ferðafólk
Auf den Spuren der Rus und Waräger
Oleg, Igor und Olga
Mit dem Aufstieg Kiews zum politischen Zentrum begann für die Rus eine neue Phase ihrer Geschichte.
Die frühen Handelsplätze im Norden blieben bedeutend, doch am Dnepr entwickelte sich eine Herrschaft, deren Einfluss zunehmend über einzelne Siedlungen und Handelswege hinausreichte.
Im Mittelpunkt dieser Entwicklung stehen drei Namen: Oleg, Igor und Olga.
Die späteren Chroniken beschreiben sie als aufeinanderfolgende Herrschergestalten, die die Macht der Rus ausbauten, Kriegszüge unternahmen und die Beziehungen zum Byzantinischen Reich gestalteten.
Doch während wir über Oleg nur vergleichsweise wenige unabhängige Nachrichten besitzen, werden die historischen Konturen bei Igor und besonders bei Olga deutlicher.
Ihre Geschichte zeigt, wie sich die frühe Rus-Herrschaft zwischen militärischer Gewalt, Tributerhebung, Diplomatie und der allmählichen Ausbildung politischer Strukturen entwickelte.
Oleg – der Herrscher zwischen Norden und Süden
Nach der Nestorchronik übernahm Oleg im Jahr 879 die Herrschaft nach dem Tod Rjuriks.
Er soll zunächst für dessen noch jungen Sohn Igor regiert haben und später die Macht der Rus nach Süden ausgedehnt haben.
Die Chronik berichtet, dass Oleg im Jahr 882 Kiew einnahm und zum Mittelpunkt seiner Herrschaft machte.
Wie wir im vorherigen Kapitel gesehen haben, lassen sich diese Ereignisse in ihrer überlieferten Form nicht unabhängig bestätigen.
Dennoch spiegelt die Erzählung eine historische Entwicklung wider: Im Verlauf des 9. und 10. Jahrhunderts wurden die nördlichen Handelszentren und die Machtverhältnisse am mittleren Dnepr zunehmend miteinander verbunden.
Der Name Oleg wird häufig mit dem altnordischen Namen Helgi in Verbindung gebracht.
Diese sprachliche Zuordnung passt zu den skandinavischen Einflüssen, die wir auch bei anderen frühen Herrschernamen der Rus erkennen können.
Sie beweist jedoch nicht, dass sämtliche Einzelheiten seiner Lebensgeschichte historisch zutreffen.
Olegs Beziehungen zu Byzanz
Die Nestorchronik schreibt Oleg einen großen Kriegszug gegen Konstantinopel im Jahr 907 zu.
Die Erzählung beschreibt eine gewaltige Flotte, mit der die Rus die byzantinische Hauptstadt bedroht haben sollen.
Besonders bekannt ist die Geschichte von Booten, die mit Rädern versehen und über Land bewegt worden seien, um die Stadt anzugreifen.
Oleg soll schließlich einen günstigen Frieden erzwungen und seinen Schild an einem Stadttor befestigt haben.
Diese eindrucksvollen Einzelheiten gehören zur späteren Überlieferung. Für den Feldzug von 907 fehlt eine eindeutige zeitgenössische byzantinische Bestätigung.
Historisch besonders interessant ist dagegen der Rus-byzantinische Vertrag, der in der Chronik auf 911 datiert wird.
Der überlieferte Text enthält konkrete Regelungen über Handelsbeziehungen, Rechtsfragen, Schiffbrüche, Straftaten und den Umgang mit Angehörigen beider Seiten.
Solche Bestimmungen zeigen, dass die Beziehungen zwischen den Rus und Byzanz längst über gelegentliche Überfälle hinausgingen.
Beide Seiten hatten ein Interesse daran, Konflikte zu regeln und wirtschaftliche Kontakte abzusichern.
Die Vertragsüberlieferung ist deshalb eine wichtige Quelle für die Entwicklung früher politischer und diplomatischer Beziehungen, auch wenn ihre genaue Entstehung und Überlieferung kritisch untersucht werden müssen.
Igor – ein Fürst zwischen Krieg und Handel
Nach der Nestorchronik starb Oleg im Jahr 912. Die Herrschaft ging anschließend an Igor über, der als Sohn Rjuriks dargestellt wird.
Sein Name wird häufig mit dem altnordischen Ingvarr verbunden.
Anders als bei Rjurik treten wir mit Igor in eine Zeit ein, für die uns mehrere voneinander unabhängige schriftliche Nachrichten zur Verfügung stehen.
Besonders wichtig sind die Beziehungen zum Byzantinischen Reich.
Im Jahr 941 unternahmen die Rus einen großen Angriff auf byzantinisches Gebiet.
Byzantinische Quellen berichten von einer Flotte, die in Richtung Konstantinopel vorstieß und Küstengebiete verwüstete.
Die Byzantiner setzten gegen die Angreifer unter anderem das gefürchtete Griechische Feuer ein.
Dabei handelte es sich um eine Brandwaffe, deren genaue Zusammensetzung bis heute nicht sicher bekannt ist.
Sie konnte von byzantinischen Schiffen aus eingesetzt werden und stellte besonders für hölzerne Wasserfahrzeuge eine erhebliche Gefahr dar.
Die Rus erlitten schwere Verluste.
Die zeitgenössischen Berichte des Liudprand von Cremona und byzantinische Überlieferungen bestätigen den Angriff. Die genaue Beteiligung Igors und die Einzelheiten des Feldzuges werden allerdings unterschiedlich dargestellt.
Ein neuer Vertrag mit Konstantinopel
Trotz der militärischen Niederlage blieben die Beziehungen zwischen den Rus und Byzanz bestehen.
Die Nestorchronik berichtet von weiteren Unternehmungen Igors und überliefert einen Vertrag, der gewöhnlich auf 944 oder 945 datiert wird.
Auch dieser Text enthält Regelungen über Handel, Recht und politische Beziehungen.
Besonders aufschlussreich sind die darin genannten Personen.
Unter den Gesandten und Vertretern erscheinen Namen unterschiedlicher sprachlicher Herkunft, darunter mehrere, die sich gut aus dem Altnordischen erklären lassen.
Das deutet darauf hin, dass skandinavische Namenstraditionen innerhalb der führenden Gruppen der Rus weiterhin eine Rolle spielten.
Gleichzeitig zeigt der Vertrag, dass die Rus bereits über eine komplexere politische Organisation verfügten.
Neben dem Fürsten werden weitere Angehörige der Herrschaftsschicht und ihre Vertreter genannt.
Die Macht war also nicht ausschließlich auf eine einzelne Person beschränkt.
Vielmehr erkennen wir eine politische Elite, deren Mitglieder eigene Interessen und Verbindungen besaßen.
Wie funktionierte die Tributherrschaft?
Die wirtschaftliche Grundlage der frühen Rus-Herrschaft bestand nicht allein aus Fernhandel.
Von großer Bedeutung war auch die Erhebung von Tributen.
Damit sind Abgaben gemeint, die abhängige Gemeinschaften an einen Herrscher oder eine bewaffnete Macht entrichten mussten.
Diese Abgaben konnten aus Pelzen, Wachs, anderen Waren oder weiteren Leistungen bestehen.
Eine wichtige Form der Tributerhebung wird in der Forschung mit dem Begriff Poljudje bezeichnet.
Dabei zog der Fürst mit seiner Gefolgschaft während bestimmter Jahreszeiten durch abhängige Gebiete, um Abgaben einzusammeln und seine Herrschaft zu sichern.
Eine besonders wertvolle Beschreibung solcher Abläufe findet sich bei Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos im 10. Jahrhundert.
Er schildert, wie die Rus im Winter ihre Gebiete verließen, um bei verschiedenen slawischen Gemeinschaften Abgaben einzuziehen und dort zu verweilen.
Im Frühjahr kehrten sie zurück und bereiteten ihre Handelsreisen nach Konstantinopel vor.
Diese Beschreibung verdeutlicht, wie eng politische Macht und wirtschaftliche Interessen miteinander verbunden waren.
Die eingezogenen Waren konnten anschließend über die großen Flussverbindungen gehandelt werden.
Tributerhebung, Fernhandel und bewaffnete Gefolgschaften bildeten damit wesentliche Grundlagen der frühen Rus-Herrschaft.
Igors Tod bei den Drewljanen
Die Nestorchronik erzählt, dass Igor im Jahr 945 bei der Erhebung von Tributen ums Leben kam.
Er soll von den Drewljanen, einer ostslawischen Gemeinschaft westlich des Dnepr, zusätzliche Abgaben verlangt haben.
Nachdem er bereits Tribut erhalten hatte, sei er mit einem Teil seiner Gefolgschaft zurückgekehrt, um noch mehr einzufordern.
Die Drewljanen hätten sich daraufhin gegen ihn erhoben und ihn getötet.
Eine spätere byzantinische Überlieferung beschreibt ebenfalls einen gewaltsamen Tod eines Rus-Herrschers namens Igor, allerdings mit abweichenden Einzelheiten.
Die berühmte Geschichte, Igor sei zwischen zwei heruntergebogenen Bäumen zerrissen worden, ist besonders durch die byzantinische Geschichtsschreibung bekannt.
Ob sich sein Tod tatsächlich in genau dieser Form ereignete, lässt sich nicht sicher feststellen.
Die Überlieferung macht jedoch ein grundlegendes Problem der frühen Herrschaft deutlich.
Die Macht eines Fürsten beruhte wesentlich darauf, dass abhängige Gemeinschaften seine Forderungen akzeptierten oder militärisch dazu gezwungen werden konnten.
Wurden diese Forderungen als übermäßig empfunden, konnte Widerstand entstehen.
Igors Tod wurde in der späteren Geschichtsschreibung deshalb zu einem Beispiel für die Gefahren einer unkontrollierten Tributerhebung.
Olga – eine Frau übernimmt die Herrschaft
Nach Igors Tod trat seine Witwe Olga in den Mittelpunkt der Rus-Geschichte.
Ihr gemeinsamer Sohn Sviatoslav war nach der Überlieferung noch zu jung, um selbst die Herrschaft auszuüben.
Olga übernahm deshalb die politische Führung.
Sie gehört zu den bemerkenswertesten Persönlichkeiten der frühen Rus, weil ihre Tätigkeit nicht nur in der Nestorchronik, sondern auch in byzantinischen Quellen Spuren hinterlassen hat.
Ihr Name wird häufig mit dem altnordischen Helga in Verbindung gebracht.
Über ihre tatsächliche Herkunft wissen wir allerdings nur wenig.
Die späteren Chroniken enthalten unterschiedliche Angaben zu ihrer frühen Lebensgeschichte, die sich historisch kaum überprüfen lassen.
Dass Olga im 10. Jahrhundert eine bedeutende politische Stellung innehatte, ist dagegen gut belegt.
Olgas Rache – eine grausame Erzählung
Die Nestorchronik berichtet ausführlich, wie Olga den Tod ihres Mannes gerächt haben soll.
Die Erzählung gehört zu den bekanntesten und zugleich grausamsten Episoden der frühen Rus-Geschichte.
Zunächst sollen Gesandte der Drewljanen nach Kiew gekommen sein, um Olga eine Heirat mit ihrem Fürsten Mal vorzuschlagen.
Olga habe sie durch eine List lebendig begraben lassen.
Eine zweite Gesandtschaft sei in einem Badehaus eingeschlossen und verbrannt worden. Anschließend habe Olga bei einer Totenfeier für Igor zahlreiche Drewljanen töten lassen.
Schließlich erzählt die Chronik von der Belagerung der Stadt Iskorosten.
Olga soll von den Bewohnern lediglich einige Vögel als Tribut verlangt haben. An deren Körpern habe sie brennendes Material befestigen lassen, sodass die Tiere in ihre Nester zurückkehrten und die Stadt in Brand setzten.
Diese Geschichten sind eindrucksvoll, doch sie tragen deutliche Züge literarischer und volkstümlicher Erzähltraditionen.
Besonders die Geschichte der brennenden Vögel ist als historischer Tatsachenbericht äußerst zweifelhaft.
Sie erinnert an Motive, die auch in anderen mittelalterlichen Überlieferungen vorkommen.
Die Erzählungen zeigen vor allem, wie Olga von späteren Chronisten dargestellt wurde: als kluge, entschlossene und unerbittliche Herrscherin, die den Tod ihres Mannes rächte und ihre Autorität durchsetzte.
Ob die einzelnen Rachehandlungen tatsächlich stattfanden, lässt sich nicht unabhängig belegen.
Olga ordnet die Tributerhebung neu
Historisch besonders interessant ist die Nachricht, dass Olga nach Igors Tod die Organisation der Tributerhebung verändert haben soll.
Die Nestorchronik berichtet, sie habe feste Abgaben und bestimmte Orte eingerichtet, an denen Tribute gesammelt werden sollten.
Solche Sammel- und Verwaltungsorte werden in der Forschung mit dem Begriff Pogost verbunden, dessen Bedeutung sich im Laufe der Zeit veränderte.
Die Überlieferung deutet auf eine Entwicklung hin, bei der die Tributerhebung stärker geregelt und an bestimmte Orte gebunden wurde.
Damit konnte die Herrschaft weniger abhängig von den persönlichen Forderungen einzelner Gefolgschaften werden.
Ob Olga diese Maßnahmen tatsächlich in genau der beschriebenen Form einführte, ist nicht sicher nachweisbar.
Die Nachricht passt jedoch zu einer allgemein erkennbaren Entwicklung des 10. Jahrhunderts.
Die Rus-Herrschaft wurde zunehmend dauerhafter organisiert.
An die Stelle ausschließlich persönlicher Machtbeziehungen traten allmählich festere politische und wirtschaftliche Strukturen.
Olga erscheint in dieser Überlieferung deshalb nicht nur als Rächerin ihres Mannes, sondern auch als Herrscherin, die zur Stabilisierung der Rus beitrug.
Olga am Hof des byzantinischen Kaisers
Eines der wichtigsten historisch fassbaren Ereignisse in Olgas Leben ist ihr Besuch in Konstantinopel.
Der byzantinische Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos beschreibt in seinem Werk De cerimoniis den Empfang einer Rus-Herrscherin namens Olga.
Der Besuch wird gewöhnlich auf das Jahr 957 datiert, wobei die genaue Chronologie in der Forschung diskutiert wird.
Die Quelle enthält bemerkenswerte Einzelheiten über das höfische Zeremoniell.
Olga wurde mit ihrer Begleitung am Kaiserhof empfangen. Die Beschreibung nennt verschiedene Angehörige ihres Gefolges und gibt Einblicke in die diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Herrschaftsbereichen.
Anders als die Rachegeschichten der Nestorchronik beruht dieser Bericht auf byzantinischer Hofüberlieferung aus dem 10. Jahrhundert.
Damit besitzen wir einen besonders wertvollen unabhängigen Beleg für Olgas politische Bedeutung.
Ihr Besuch zeigt, dass die Rus inzwischen einen festen Platz in den diplomatischen Beziehungen des Byzantinischen Reiches einnahmen.
Olga und das Christentum
Olga gilt traditionell als eine der ersten christlichen Herrscherpersönlichkeiten der Rus.
Die Nestorchronik berichtet, dass sie in Konstantinopel getauft worden sei und dabei den christlichen Namen Helena angenommen habe.
Auch byzantinische und westliche Nachrichten lassen erkennen, dass Olga mit dem Christentum verbunden war.
Allerdings ist nicht eindeutig geklärt, wann und unter welchen Umständen sie die Taufe empfing.
Möglicherweise war sie bereits vor ihrem Besuch in Konstantinopel Christin.
Der Bericht des Konstantin VII. beschreibt den Empfang am Hof, erwähnt aber keine Taufe während dieses Besuchs.
Die spätere Chronikerzählung darf deshalb nicht ohne Weiteres als genaue Beschreibung eines historischen Taufereignisses verstanden werden.
Interessant ist außerdem, dass Olga offenbar auch Kontakte zum westlichen Christentum suchte.
Westliche Quellen berichten, dass auf ihre Veranlassung im Jahr 959 eine Gesandtschaft an König Otto I. herangetreten sei und um einen Bischof beziehungsweise Geistliche gebeten habe.
In der Folge wurde der Mönch Adalbert für eine Mission bei den Rus bestimmt.
Diese Mission blieb jedoch erfolglos.
Die Nachrichten zeigen, dass Olga religiöse und diplomatische Beziehungen nicht ausschließlich auf Konstantinopel beschränkte.
Ihre christliche Orientierung bedeutete allerdings noch keine allgemeine Christianisierung der Rus.
Ihr Sohn Sviatoslav blieb nach der späteren Überlieferung dem traditionellen Glauben verbunden.
Erst unter ihrem Enkel Vladimir sollte das Christentum zur maßgeblichen Religion der Kiewer Herrschaft werden.
Frauen und politische Macht in der Rus
Olga ist auch deshalb bemerkenswert, weil sie zeigt, dass Frauen in der frühen Rus unter bestimmten Umständen erhebliche politische Macht ausüben konnten.
Sie führte diplomatische Verhandlungen, trat gegenüber dem byzantinischen Kaiserhof als Herrscherin auf und wird mit Veränderungen der Tributerhebung verbunden.
Dabei sollten wir ihre Stellung nicht vorschnell auf alle Frauen der Rus übertragen.
Olga gehörte zur höchsten politischen Elite.
Ihre Handlungsmöglichkeiten unterschieden sich grundlegend von denen der meisten Frauen, die in Siedlungen, Haushalten, Werkstätten oder landwirtschaftlichen Gemeinschaften lebten.
Dennoch widerspricht ihre historische Rolle der vereinfachten Vorstellung, politische Macht sei in der Welt der Rus ausschließlich Männern vorbehalten gewesen.
Auf die gesellschaftliche Stellung von Frauen werden wir in Kapitel 15 ausführlicher zurückkommen.
Von persönlichen Gefolgschaften zur politischen Herrschaft
Betrachten wir Oleg, Igor und Olga gemeinsam, erkennen wir einen wichtigen Wandel.
Bei Oleg stehen in der späteren Überlieferung die Verbindung nördlicher und südlicher Machtzentren sowie die Beziehungen zu Byzanz im Vordergrund.
Bei Igor werden militärische Unternehmungen, diplomatische Verträge und die Probleme der Tributerhebung deutlicher sichtbar.
Unter Olga begegnen uns schließlich Nachrichten über eine stärker geregelte Verwaltung und eine Herrscherin, die diplomatische Kontakte zu den großen christlichen Mächten ihrer Zeit unterhielt.
Diese Entwicklung verlief nicht geradlinig.
Die Macht der Fürsten blieb von bewaffneten Gefolgschaften, lokalen Gemeinschaften und wirtschaftlichen Ressourcen abhängig.
Auch die Beziehungen zu Byzanz wechselten zwischen Krieg, Handel und Diplomatie.
Dennoch lässt sich erkennen, dass aus den frühen Handels- und Kriegernetzwerken zunehmend eine politische Herrschaft mit dauerhafteren Strukturen entstand.
Die Geschichte von Oleg, Igor und Olga zeigt damit nicht nur das Handeln einzelner Herrscher. Sie macht sichtbar, wie sich die Rus im 10. Jahrhundert politisch und gesellschaftlich veränderten.
Eine Herrschaft zwischen zwei Welten
Die Rus waren im 10. Jahrhundert längst mehr als eine Ansammlung skandinavischer Händler und Krieger.
Ihre Herrscher verfügten über weitreichende Beziehungen, unterhielten bewaffnete Gefolgschaften und kontrollierten bedeutende Handelswege.
Sie verhandelten mit dem Byzantinischen Reich, erhoben Tribute von abhängigen Gemeinschaften und begannen, ihre Herrschaft stärker zu organisieren.
Gleichzeitig blieben skandinavische Traditionen in Namen, persönlicher Ausrüstung und bestimmten gesellschaftlichen Zusammenhängen erkennbar.
Die Rus entwickelten sich zu einer eigenständigen politischen und kulturellen Gemeinschaft, die unterschiedliche Einflüsse miteinander verband.
Mit Olga begegnet uns außerdem eine Herrscherin, deren Leben bereits auf einen grundlegenden Wandel vorausweist: die zunehmende Bedeutung des Christentums.
Doch bevor wir uns den religiösen Veränderungen und den großen Feldzügen Sviatoslavs zuwenden, müssen wir einen Blick auf die wirtschaftliche Grundlage dieser Welt werfen.
Denn ohne die Handelswege, Waren und Menschen, die zwischen Ostsee, Wolga, Dnepr und Konstantinopel unterwegs waren, lässt sich die Geschichte der Rus kaum verstehen.