Ferðafólk
Auf den Spuren der Rus und Waräger
Kleidung und Erscheinungsbild
Wie sah ein Mensch aus, der im 10. Jahrhundert an den Handelswegen der Rus lebte?
Trug er eine einfache Wolltunika, einen reich verzierten Gürtel oder einen kostbaren Mantel? Wie kleideten sich Frauen in den Siedlungen entlang des Dnepr? Und welche Bedeutung hatten Schmuck, Farben und Stoffe?
Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach. In Museen, Filmen und auf historischen Veranstaltungen begegnen uns zahlreiche Darstellungen wikingerzeitlicher Kleidung.
Doch gerade bei den Rus ist Vorsicht geboten.
Die Menschen, die zwischen Skandinavien, Osteuropa und Byzanz lebten, gehörten keiner einheitlichen Kultur an. Ihre Kleidung konnte skandinavische, slawische, baltische und andere Einflüsse miteinander verbinden.
Hinzu kommt ein grundlegendes Problem: Textilien gehören zu den archäologischen Materialien, die besonders selten vollständig erhalten bleiben.
Während Schmuck, Waffen und metallene Beschläge Jahrhunderte im Boden überdauern können, verschwinden Stoffe, Leder und andere organische Materialien häufig fast vollständig.
Unser Wissen über die Kleidung der Rus beruht deshalb auf einer Kombination aus archäologischen Funden, schriftlichen Beschreibungen, bildlichen Darstellungen und begründeten Rekonstruktionen.
Es gab nicht die eine typische Kleidung der Rus. Was Menschen trugen, hing von ihrer Herkunft, ihrem Wohnort, ihrer gesellschaftlichen Stellung und der jeweiligen Zeit ab.
Was verraten uns die archäologischen Funde?
Zu den wichtigsten Fundorten für die Erforschung der Rus gehören Staraja Ladoga, Gnezdovo, Rjurikowo Gorodischtsche und die Siedlungsgebiete am mittleren Dnepr.
Besonders Gräber können wertvolle Hinweise auf die Kleidung liefern.
Metallene Schmuckstücke und Beschläge bleiben häufig erhalten, während die Stoffe, an denen sie befestigt waren, vergehen.
Unter günstigen Bedingungen können sich jedoch kleine Textilreste unmittelbar an Metallgegenständen erhalten.
Solche Fragmente ermöglichen Aussagen über verwendete Fasern, Webarten und teilweise über die Lage einzelner Kleidungsstücke.
Auch Lederreste, Knöpfe, Schnallen und andere Bestandteile können Hinweise auf die ursprüngliche Kleidung geben.
Das Problem besteht darin, dass wir häufig nur einzelne Teile eines vollständigen Kleidungsensembles kennen.
Eine Fibel kann zeigen, dass an einer bestimmten Stelle Stoff befestigt war. Sie verrät uns aber nicht zwangsläufig, wie das gesamte Kleidungsstück geschnitten war.
Ebenso wenig lässt sich aus einem Gürtelbeschlag automatisch die genaue Form der dazugehörigen Kleidung bestimmen.
Deshalb müssen Rekonstruktionen immer zwischen direkt nachgewiesenen Einzelheiten und ergänzenden Annahmen unterscheiden.
Wolle – ein wichtiger Werkstoff
Wolle gehörte zu den wichtigsten Materialien für Kleidung in den nördlichen und osteuropäischen Regionen.
Sie ließ sich zu Garn verspinnen und anschließend zu unterschiedlichen Geweben verarbeiten.
Je nach Verarbeitung konnten Wollstoffe vergleichsweise grob oder fein ausfallen.
Dichte Wollgewebe boten Schutz vor Wind und Kälte. Andere Stoffqualitäten eigneten sich für leichtere Kleidungsstücke.
Auch die Oberflächenbehandlung spielte eine Rolle.
Durch Walken konnte ein Wollstoff dichter und widerstandsfähiger werden.
Die Herstellung war arbeitsintensiv.
Schafe mussten gehalten oder Wolle anderweitig beschafft werden. Anschließend wurde das Material gereinigt, aufbereitet, versponnen und verwoben.
Die Qualität eines Stoffes hing deshalb nicht nur vom verwendeten Rohmaterial ab, sondern auch von der Erfahrung der Menschen, die ihn herstellten.
Für die historische Rekonstruktion ist besonders wichtig, dass nicht jeder moderne Wollstoff den Eigenschaften wikingerzeitlicher Gewebe entspricht.
Webbindung, Fadendichte, Garnstärke und Oberflächenstruktur können sich erheblich unterscheiden.
Ein möglichst authentischer Eindruck entsteht daher nicht allein durch die Wahl von Wolle, sondern auch durch die passende Stoffqualität.
Leinen und pflanzliche Fasern
Neben Wolle wurden pflanzliche Fasern zur Herstellung von Textilien verwendet.
Besonders Flachs spielte dabei eine wichtige Rolle.
Aus seinen Fasern ließ sich Leinengarn herstellen, das anschließend zu Geweben verarbeitet wurde.
Leinen eignete sich unter anderem für körpernah getragene Kleidung.
Allerdings sind pflanzliche Fasern archäologisch häufig schwerer nachzuweisen, weil sie unter ungünstigen Bedingungen vollständig vergehen.
Deshalb lässt sich nicht für jeden Fundort sicher bestimmen, wie verbreitet Leinen im Verhältnis zu Wolle war.
Für eine einfache männliche Darstellung des 10. Jahrhunderts ist ein leinenes Untergewand unter einer Wolltunika eine gut begründbare Rekonstruktion.
Die genaue Schnittform muss jedoch aus zusätzlichen Quellen erschlossen werden.
Auch sollte man nicht automatisch davon ausgehen, dass sämtliche Menschen jederzeit mehrere vollständige Kleidungsschichten besaßen.
Kleidung war wertvoll, und ihre Herstellung erforderte erhebliche Arbeit.
Die Tunika – ein verbreitetes Kleidungsstück
Ein langes Obergewand, das wir heute meist als Tunika bezeichnen, gehörte zu den verbreiteten Kleidungsformen des frühmittelalterlichen Europa.
Auch für die Rus des 9. und 10. Jahrhunderts ist ein solches Kleidungsstück gut begründbar.
Die genaue Länge, Weite und Gestaltung konnte jedoch variieren.
Einfache Tuniken bestanden möglicherweise aus mehreren Stoffbahnen, die durch seitliche Einsätze ergänzt werden konnten.
Solche Konstruktionen erlaubten eine vergleichsweise sparsame Nutzung des wertvollen Stoffes.
Ärmel, Halsausschnitte und Säume konnten unterschiedlich ausgeführt sein.
Für eine historisch begründete Rekonstruktion ist entscheidend, dass nicht jede moderne Tunikaform automatisch durch Funde aus dem Rus-Gebiet belegt ist.
Viele heute verbreitete Schnittmuster beruhen auf Vergleichen mit anderen Regionen oder auf späteren Textilfunden.
Das kann sinnvoll sein, sollte aber offen benannt werden.
Eine einfache Wolltunika über einem leinenen Untergewand ist für einen Mann im Dneprgebiet um 950 eine plausible Grundlage.
Auffällige Verzierungen und kostbare Stoffbesätze müssen dagegen gesondert begründet werden.
Hosen und Beinbekleidung
Hosen gehörten in verschiedenen Formen zur männlichen Kleidung der wikingerzeitlichen Welt.
Auch für die Rus ist ihre Verwendung gut begründbar.
Schwieriger wird es bei der Frage nach dem genauen Schnitt.
Besonders bekannt sind die weit geschnittenen Hosen, die in modernen Darstellungen häufig als Rus-Hosen bezeichnet werden.
Sie besitzen meist einen sehr weiten oberen Bereich und engere Unterschenkel.
Solche Formen werden unter anderem mit bildlichen Darstellungen und Vergleichen aus unterschiedlichen Kulturregionen in Verbindung gebracht.
Doch der archäologische Nachweis für genau diese moderne Schnittform ist begrenzt.
Vor allem lässt sich nicht belegen, dass alle Rus-Männer solche Hosen trugen.
Auch die Bezeichnung „Rus-Hose“ ist eine moderne Vereinfachung.
Für eine historisch zurückhaltende Darstellung sind einfachere Hosenformen oft leichter zu begründen.
Die Wahl sollte sich nach dem dargestellten Zeitraum, der Region und den verfügbaren Quellen richten.
Beinwickel und andere Ergänzungen
In modernen Rekonstruktionen werden Hosen häufig mit Beinwickeln kombiniert.
Solche textilen Bänder konnten grundsätzlich zum Schutz und zur Befestigung der Beinbekleidung dienen.
Für bestimmte Regionen und Zeitstellungen existieren entsprechende Hinweise.
Allerdings darf ihre Verwendung nicht automatisch für sämtliche Rus-Gruppen vorausgesetzt werden.
Auch hier gilt: Eine in Skandinavien belegte Kleidungsform ist nicht allein deshalb für Gnezdovo oder Kiew nachgewiesen.
Mäntel und Umhänge
Wer im nördlichen Osteuropa lebte oder über weite Entfernungen reiste, benötigte Schutz vor Wind, Regen und Kälte.
Mäntel und Umhänge gehörten deshalb zu den naheliegenden Bestandteilen der Kleidung.
Wollene Überwürfe konnten über der übrigen Kleidung getragen werden.
Sie boten Wärme und ließen sich bei Bedarf ablegen oder anders drapieren.
Metallene Fibeln konnten zur Befestigung dienen.
Aus archäologischen Fundzusammenhängen sind unterschiedliche Fibelformen bekannt.
Doch die Existenz einer Fibel bedeutet nicht automatisch, dass sie einen bestimmten Manteltyp verschloss.
Ihre Funktion muss anhand der Fundlage und vergleichbarer Befunde untersucht werden.
Auch die Verwendung von Fellen und Pelzen ist für die damalige Lebenswelt gut belegt.
Die genaue Gestaltung pelzgefütterter oder vollständig aus Fell bestehender Kleidungsstücke lässt sich jedoch häufig nur eingeschränkt rekonstruieren.
Der Kaftan – Kleidung zwischen den Kulturen
Ein besonders interessantes Kleidungsstück ist der Kaftan.
Damit bezeichnet man heute unterschiedliche Formen von Obergewändern, die sich vorne öffnen lassen und häufig mit einem Verschluss oder Gürtel getragen werden.
Solche Kleidungsformen waren in verschiedenen Regionen Eurasiens verbreitet.
Auch im Umfeld der Rus gibt es Hinweise auf entsprechend gestaltete Oberbekleidung.
Besonders bedeutend ist der Bericht Ibn Faḍlāns über das Begräbnis eines hochgestellten Rus im Jahr 922.
Er beschreibt, dass der Verstorbene für die Bestattung mit kostbaren Kleidungsstücken ausgestattet wurde, darunter einem Obergewand, das häufig als Kaftan übersetzt wird.
Das zeigt, dass eine solche Kleidungsform im Umfeld der beobachteten Gruppe bekannt war.
Allerdings beschreibt Ibn Faḍlān eine besondere Bestattung und keine gewöhnliche Alltagssituation.
Daraus lässt sich nicht ableiten, dass jeder Rus-Händler einen Kaftan trug.
Auch archäologische Hinweise auf vorne geöffnete Obergewänder müssen sorgfältig bewertet werden.
Bestimmte Beschläge oder Verschlüsse können auf entsprechende Kleidungsstücke hindeuten, ohne deren vollständigen Schnitt zu überliefern.
Für die Darstellung eines wohlhabenden Mannes im Dneprgebiet des 10. Jahrhunderts kann ein Kaftan deshalb eine begründbare Ergänzung sein.
Seine konkrete Ausführung sollte sich jedoch möglichst an einem bestimmten Fundzusammenhang orientieren.
Seide und kostbare Stoffe
Die Handelsverbindungen nach Byzanz und in die islamische Welt ermöglichten den Zugang zu hochwertigen Textilien.
Besonders Seide war ein begehrtes Luxusmaterial.
Archäologische Textilfunde zeigen, dass solche Stoffe auch in nördliche und osteuropäische Regionen gelangten.
Sie konnten als vollständige Kleidungsstücke verwendet oder zu Besätzen und Verzierungen verarbeitet werden.
Allerdings war Seide nicht für alle Menschen gleichermaßen verfügbar.
Ihr Besitz hing von wirtschaftlichen Möglichkeiten, gesellschaftlichem Rang und Handelskontakten ab.
Ein einfacher Bewohner einer ländlichen Siedlung dürfte andere Kleidung besessen haben als ein wohlhabender Fernhändler oder Angehöriger einer fürstlichen Gefolgschaft.
Für die Rekonstruktion ist deshalb entscheidend, welchen gesellschaftlichen Hintergrund eine dargestellte Person besitzen soll.
Eine kostbare Seidenverzierung kann historisch begründbar sein, wenn entsprechende Funde vorliegen.
Sie ist aber kein notwendiger Bestandteil jeder Rus-Darstellung.
Farben – war die Kleidung wirklich bunt?
In Filmen und modernen Darstellungen erscheinen Menschen des Frühmittelalters manchmal überwiegend in Braun- und Grautönen.
Das entspricht nicht unbedingt der historischen Wirklichkeit.
Die Menschen kannten verschiedene Möglichkeiten, Textilien zu färben.
Pflanzen und andere natürliche Farbstoffquellen konnten unterschiedliche Gelb-, Rot-, Blau- und weitere Farbtöne erzeugen.
Auch Kombinationen und Überfärbungen waren möglich.
Die tatsächliche Farbwirkung hing vom Material, dem verwendeten Farbstoff und dem Färbeverfahren ab.
Allerdings lassen sich ursprüngliche Farben an archäologischen Textilien nicht immer zuverlässig erkennen.
Farbstoffe können im Boden verblassen oder sich chemisch verändern.
Naturwissenschaftliche Untersuchungen ermöglichen in manchen Fällen die Identifizierung bestimmter Farbstoffe.
Für die Rekonstruktion bedeutet das: Farbige Kleidung ist grundsätzlich historisch plausibel.
Doch nicht jede beliebige moderne Farbe oder Farbintensität ist automatisch durch einen bestimmten Fund belegt.
Besonders bei auffälligen Kombinationen sollte berücksichtigt werden, welche gesellschaftliche Stellung dargestellt wird.
Kleidung und gesellschaftlicher Rang
Kleidung konnte mehr ausdrücken als den praktischen Schutz des Körpers.
Die Qualität der Stoffe, aufwendige Verzierungen und kostbarer Schmuck konnten Wohlstand und gesellschaftliche Stellung sichtbar machen.
Ein einfacher Handwerker benötigte vor allem zweckmäßige Kleidung.
Ein wohlhabender Händler konnte sich möglicherweise feinere Stoffe und aufwendigere Ausstattung leisten.
Angehörige der politischen und militärischen Elite verfügten unter Umständen über Zugang zu besonders wertvollen Materialien.
Dazu gehörten Seide, Edelmetalle und kostbar verzierte Beschläge.
Allerdings dürfen wir solche Unterschiede nicht zu starren Regeln machen.
Ein Mensch konnte einzelne wertvolle Gegenstände besitzen, ohne insgesamt zur höchsten gesellschaftlichen Schicht zu gehören.
Auch Handelskontakte, Geschenke, Erbschaften und Beute konnten die persönliche Ausstattung beeinflussen.
Die Kleidung eines Menschen war deshalb das Ergebnis verschiedener wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bedingungen.
Gürtel und Gürtelbeschläge
Gürtel gehörten zu den wichtigen Bestandteilen der persönlichen Ausrüstung.
Sie konnten Kleidung zusammenhalten und als Befestigungsmöglichkeit für Gegenstände dienen.
Besonders auffällig sind die metallenen Gürtelbeschläge, die aus verschiedenen archäologischen Fundzusammenhängen bekannt sind.
Einige zeigen Verbindungen zu den Kunst- und Handwerkstraditionen der Steppengebiete und anderer eurasischer Regionen.
Solche Gürtel konnten ein sichtbarer Ausdruck von Wohlstand oder gesellschaftlichem Rang sein.
Allerdings war nicht jeder Gürtel reich verziert.
Einfache Ledergürtel konnten ebenso verbreitet gewesen sein, sind aber archäologisch oft schlechter nachweisbar.
Für die historische Darstellung sollte ein aufwendig beschlagener Gürtel möglichst auf einem konkreten Fund beruhen.
Die beliebige Kombination verschiedener Beschläge aus unterschiedlichen Regionen und Jahrhunderten ergibt dagegen nicht zwangsläufig eine historisch überzeugende Ausstattung.
Schuhe und Lederbekleidung
Auch die Fußbekleidung gehörte zu den wichtigen Bestandteilen der Kleidung.
Aus mittelalterlichen Siedlungen Osteuropas sind Lederreste und Schuhfunde bekannt.
Besonders feuchte Bodenschichten bieten günstige Erhaltungsbedingungen.
Die Funde zeigen, dass unterschiedliche Formen von Lederschuhen verwendet wurden.
Viele bestanden aus mehreren zusammengenähten Teilen.
Ihre Gestaltung konnte je nach Region und Zeitraum variieren.
Für eine Rekonstruktion ist deshalb ein konkret datierter Schuhfund besonders wertvoll.
Auch die Verwendung von Leder für Taschen, Riemen und andere Ausrüstungsgegenstände ist gut begründbar.
Allerdings sind zahlreiche heute verbreitete Lederaccessoires eher moderne Interpretationen als direkte Nachbildungen archäologischer Funde.
Ein aufwendig verzierter Lederbeutel mit zahlreichen Metallbeschlägen mag ansprechend wirken.
Ohne passenden Fundnachweis bleibt seine historische Einordnung jedoch unsicher.
Kopfbedeckungen und Pelzmützen
Kopfbedeckungen sind ein besonders schwieriges Thema.
Textile Mützen und andere organische Kleidungsstücke bleiben nur selten vollständig erhalten.
Dennoch gibt es schriftliche Hinweise auf entsprechende Formen.
Ibn Faḍlān beschreibt im Zusammenhang mit dem Begräbnis eines hochgestellten Rus unter anderem eine kostbare Kopfbedeckung.
Solche Berichte zeigen, dass Mützen und andere Formen der Kopfbedeckung bekannt waren.
Die genaue Gestaltung lässt sich daraus aber nicht immer sicher ableiten.
Besonders verbreitet sind heute Rekonstruktionen hoher Pelzmützen mit aufwendigen Besätzen.
Für einzelne Formen können Vergleiche und Hinweise angeführt werden.
Als allgemeine Standardkopfbedeckung sämtlicher Rus sind sie jedoch nicht nachgewiesen.
Eine einfache Mütze kann für eine bestimmte Darstellung plausibel sein.
Eine aufwendige Pelzmütze sollte dagegen durch den dargestellten gesellschaftlichen Rang und die verwendeten Quellen begründet werden.
Schmuck und die Kleidung der Frauen
Die Kleidung der Frauen lässt sich in vielen Fällen besonders gut über erhaltene Schmuckstücke untersuchen.
Fibeln, Perlen, Anhänger und andere Gegenstände können Hinweise auf die Gestaltung der Kleidung geben.
Aus skandinavischen Fundzusammenhängen sind beispielsweise die bekannten ovalen Schalenfibeln überliefert.
Sie werden häufig mit einer bestimmten Form weiblicher Kleidung in Verbindung gebracht, die in modernen Rekonstruktionen meist als Trägerkleid dargestellt wird.
Auch in osteuropäischen Fundzusammenhängen kommen skandinavische Schmuckformen vor.
Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Frauen der Rus entsprechend gekleidet waren.
Die Bevölkerung der Handelsplätze war kulturell vielfältig.
Neben skandinavisch geprägten Kleidungsformen existierten lokale Traditionen, die archäologisch teilweise anders erkennbar sind.
Auch Schmuck konnte über Handelskontakte verbreitet werden, ohne dass seine Trägerin ursprünglich aus der Region stammte, in der er hergestellt wurde.
Die Rekonstruktion weiblicher Kleidung muss deshalb ebenso sorgfältig nach Ort, Zeitraum und Fundzusammenhang erfolgen wie die männliche Kleidung.
Perlen und persönlicher Schmuck
Perlen gehörten zu den auffälligsten Schmuckfunden der Wikingerzeit.
Sie bestanden unter anderem aus Glas, Bernstein und verschiedenen anderen Materialien.
Ihre Farben, Formen und Herstellungstechniken konnten sehr unterschiedlich sein.
Einige Perlen wurden über große Entfernungen gehandelt.
Andere entstanden in regionalen Werkstätten.
Die Zusammenstellung einer Perlenkette konnte deshalb verschiedene kulturelle und wirtschaftliche Verbindungen widerspiegeln.
Für die Rekonstruktion ist jedoch entscheidend, dass nicht jede beliebige Kombination archäologisch sinnvoll ist.
Besonders aufschlussreich sind geschlossene Grabfunde, bei denen sich die ursprüngliche Zusammengehörigkeit einzelner Schmuckstücke zumindest teilweise nachvollziehen lässt.
Solche Funde können als Grundlage für eine konkrete Darstellung dienen.
Die bloße Tatsache, dass eine bestimmte Perlenform irgendwann in der Wikingerzeit vorkam, reicht dagegen nicht aus, um sie jeder beliebigen Rus-Darstellung zuzuordnen.
Haare, Bart und Körperpflege
Auch das äußere Erscheinungsbild der Rus wird in schriftlichen Quellen beschrieben.
Ibn Faḍlān berichtet über die Männer, denen er im Jahr 922 an der Wolga begegnete.
Seine Schilderungen betreffen unter anderem ihre Körpermerkmale und auffällige Körperverzierungen.
Über allgemeine Frisuren oder Bartformen liefert er jedoch kein vollständiges Bild.
Eine weitere bekannte Beschreibung stammt vom byzantinischen Geschichtsschreiber Leo Diakonos.
Er schildert das Aussehen des Rus-Fürsten Sviatoslav im 10. Jahrhundert.
Besonders auffällig ist seine Beschreibung einer teilweise rasierten Frisur mit einer verbliebenen Haarpartie sowie eines Ohrrings.
Diese Darstellung wird häufig als Vorbild für moderne Rus-Frisuren verwendet.
Doch Leo Diakonos beschreibt einen bestimmten Herrscher.
Es wäre falsch, daraus eine allgemein verbreitete Frisur aller Rus-Männer abzuleiten.
Auch für Bärte existierten vermutlich unterschiedliche persönliche und regionale Gewohnheiten.
Archäologische Funde von Kämmen, Pinzetten und anderen Pflegegeräten zeigen jedenfalls, dass das persönliche Erscheinungsbild gepflegt werden konnte.
Tätowierungen – historisch belegt?
Kaum ein Thema wird im modernen Wikingerbild so häufig aufgegriffen wie Tätowierungen.
Besonders Ibn Faḍlāns Beschreibung der Rus an der Wolga spielt dabei eine wichtige Rolle.
Er berichtet von dunkel gefärbten Mustern auf den Körpern der Männer.
Häufig werden diese als Tätowierungen interpretiert.
Die genaue Bedeutung der betreffenden Textstelle ist jedoch nicht vollständig geklärt.
Auch wissen wir nicht, welche Motive dargestellt waren oder mit welcher Technik sie angebracht wurden.
Vor allem gibt es keinen sicheren Beleg dafür, dass alle Rus tätowiert waren.
Moderne Darstellungen mit großflächigen Runenmustern, nordischen Symbolen oder vollständig tätowierten Armen beruhen deshalb häufig auf künstlerischen Vorstellungen.
Solche Motive können für eine fantasievolle Wikingerfigur geeignet sein.
Für eine streng historische Rus-Rekonstruktion sind sie dagegen nur eingeschränkt begründbar.
Tätowierungen bleiben für die Rus eine mögliche, aber in vielen Einzelheiten unsichere Form der Körpergestaltung.
Wie zuverlässig sind bildliche Darstellungen?
Neben archäologischen Funden und schriftlichen Berichten werden häufig bildliche Darstellungen zur Rekonstruktion herangezogen.
Dazu gehören Figuren, Reliefs, Bildsteine und andere Kunstwerke.
Sie können Hinweise auf Kleidungsformen, Schmuck und Frisuren geben.
Allerdings besitzen solche Darstellungen ihre eigenen Probleme.
Künstler vereinfachten Formen, betonten bestimmte Merkmale oder verwendeten traditionelle Bildmotive.
Nicht jedes dargestellte Kleidungsstück entspricht deshalb einer realistischen Wiedergabe.
Auch die Herkunft des Bildes spielt eine Rolle.
Eine Darstellung aus Skandinavien kann wertvolle Vergleichsmöglichkeiten bieten, ist aber kein unmittelbarer Beweis für die Kleidung in Kiew.
Ebenso müssen byzantinische Bilder im Zusammenhang mit ihren eigenen künstlerischen Traditionen betrachtet werden.
Besonders problematisch ist es, einzelne Details aus verschiedenen Jahrhunderten zu einem vermeintlich typischen Rus-Kostüm zusammenzufügen.
Eine Kleidung für einen Rus um 950
Wie könnte nun eine historisch zurückhaltende Darstellung eines Mannes aussehen, der um 950 im Handelsnetz des oberen Dnepr lebte?
Als Grundlage bietet sich eine einfache Kombination aus einem leinenen Untergewand, einer Wolltunika und einer zweckmäßigen Hose an.
Dazu kommen passende Lederschuhe und ein Gürtel.
Ein einfacher Wollmantel kann als Schutz vor Kälte und Witterung dienen.
Die konkrete Schnittgestaltung sollte sich an möglichst zeitnahen Textilfunden und nachvollziehbaren Vergleichen orientieren.
Für einen wohlhabenderen Händler oder Angehörigen einer Gefolgschaft können weitere Elemente hinzukommen.
Dazu gehören beispielsweise ein aufwendig beschlagener Gürtel, hochwertigere Stoffe oder bestimmte Schmuckstücke.
Ein Kaftan kann unter passenden Voraussetzungen ebenfalls eine begründbare Ergänzung sein.
Doch nicht jedes auffällige Ausrüstungsteil ist automatisch notwendig.
Besonders weite Hosen, hohe Pelzmützen und reich verzierte Obergewänder sollten nicht allein deshalb verwendet werden, weil sie heute häufig mit den Rus verbunden werden.
Die wichtigste Frage lautet immer: Welche Quellen belegen dieses Kleidungsstück für die gewählte Region und Zeit?
Historisch belegt oder plausibel rekonstruiert?
Für eine nachvollziehbare historische Darstellung ist es hilfreich, unterschiedliche Grade der Belegbarkeit zu unterscheiden.
Eine mögliche Einordnung für die Kleidung eines wohlhabenden Mannes im Dneprgebiet um 950 sieht folgendermaßen aus:
| Kleidungsstück | Historische Einordnung |
|---|---|
| Wollene Oberbekleidung | Gut begründbar |
| Leinenes Untergewand | Sehr wahrscheinlich |
| Hose | Gut begründbar, genauer Schnitt teilweise unsicher |
| Einfache Lederschuhe | Gut begründbar |
| Ledergürtel | Gut begründbar |
| Gürtel mit Metallbeschlägen | Durch entsprechende Funde belegbar |
| Wollmantel oder Umhang | Gut begründbar |
| Kaftanartiges Obergewand | Plausibel, abhängig von Fund und Darstellung |
| Sehr weite „Rus-Hose“ | Konkrete moderne Schnittform unsicher |
| Hohe Pelzmütze als Standard | Nicht allgemein nachgewiesen |
| Großflächige Tätowierungen | Unsicher |
Diese Übersicht ist keine allgemeingültige Kleidervorschrift.
Sie zeigt vielmehr, dass eine historisch überzeugende Rekonstruktion nicht allein aus der Ansammlung möglichst vieler auffälliger Kleidungsstücke entsteht.
Entscheidend ist, dass die einzelnen Bestandteile zeitlich, geographisch und gesellschaftlich zusammenpassen.
Kleidung als Ausdruck einer vielfältigen Welt
Die Kleidung der Rus spiegelt die kulturelle Vielfalt ihrer Lebenswelt wider.
Skandinavische Traditionen begegneten lokalen osteuropäischen Formen.
Über die Handelswege gelangten fremde Stoffe, Schmuckstücke und handwerkliche Techniken in die Siedlungen entlang der großen Flüsse.
Wohlhabende Menschen konnten ihren Rang durch kostbare Materialien und aufwendige Verzierungen zeigen.
Andere trugen vor allem zweckmäßige Kleidung, die sie vor Witterung schützte und ihren alltäglichen Aufgaben entsprach.
Archäologische Funde geben uns wertvolle Einblicke in diese Unterschiede.
Doch sie überliefern nur einen Teil der ursprünglichen Wirklichkeit.
Die Kleidung der Rus war weder ein einheitliches Wikingerkostüm noch eine feste Mischung aus skandinavischen und östlichen Elementen. Sie entwickelte sich aus den Lebensbedingungen und kulturellen Kontakten der Menschen, die zwischen Ostsee, Dnepr, Wolga und Byzanz lebten.
Für eine historische Darstellung bedeutet das, sich bewusst für einen bestimmten Ort, Zeitraum und gesellschaftlichen Hintergrund zu entscheiden.
Erst dann lässt sich sinnvoll beurteilen, welche Kleidung tatsächlich passt.
Doch Kleidung allein machte noch keine vollständige persönliche Ausstattung aus.
Messer, Kämme, Taschen, Feuerzeuge und zahlreiche andere Gegenstände begleiteten die Menschen auf ihren Reisen und im täglichen Leben.