Ferðafólk
Auf den Spuren der Rus und Waräger
Waffen und Kriegsführung
Die Waräger und Rus werden heute häufig als bewaffnete Krieger dargestellt. Schwerter, Äxte, Speere und Rundschilde prägen das moderne Bild jener Menschen, die von Skandinavien aus die Flusssysteme Osteuropas bereisten und dort Handel trieben, Siedlungen gründeten und politische Macht ausübten.
Doch wie sah ihre Bewaffnung tatsächlich aus? Welche Waffen wurden verwendet, wie wurden sie eingesetzt, und was lässt sich über die Kriegsführung der Rus zuverlässig sagen?
Die Antworten sind weniger eindeutig, als viele Darstellungen vermuten lassen.
Archäologische Funde zeigen eine große Vielfalt an Waffen und Ausrüstungsgegenständen. Schriftliche Quellen berichten von bewaffneten Unternehmungen, Überfällen, Belagerungen und militärischen Bündnissen. Gleichzeitig bleiben viele Fragen offen: Wie kämpften einzelne Krieger? Welche Formationen wurden verwendet? Und wie stark unterschieden sich die Rus von ihren skandinavischen, slawischen, baltischen und steppennomadischen Nachbarn?
Um diese Fragen zu beantworten, müssen Waffenfunde, Bestattungsbräuche und zeitgenössische Berichte gemeinsam betrachtet werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Rus keine kulturell oder militärisch einheitliche Gruppe bildeten.
Die Rus als bewaffnete Gemeinschaft
Die frühen Rus bewegten sich in einer Welt, in der Handel, politische Herrschaft und militärische Gewalt eng miteinander verbunden sein konnten.
Die großen Flusswege Osteuropas ermöglichten den Austausch von Waren zwischen dem Ostseeraum, den islamischen Handelszentren und dem Byzantinischen Reich. Gleichzeitig waren diese Verkehrswege von politischen Machtverhältnissen, lokalen Gemeinschaften und konkurrierenden Interessen geprägt.
Wer über längere Strecken wertvolle Waren transportierte, musste mit Gefahren rechnen. Bewaffneter Schutz konnte daher ebenso wichtig sein wie die Fähigkeit, selbst militärische Gewalt auszuüben.
Allerdings wäre es falsch, alle Angehörigen der Rus als Berufskrieger zu betrachten. Archäologische Siedlungsfunde belegen Landwirtschaft, Handwerk, Handel und zahlreiche andere Tätigkeiten.
Bewaffnete Männer bildeten nur einen Teil dieser Gesellschaft.
Besonders im Umfeld politischer Herrschaft entwickelten sich militärische Gefolgschaften. Für die spätere Kiewer Rus ist die Druschina, die Gefolgschaft eines Fürsten, gut bekannt. Ihre genaue Organisation im 9. Jahrhundert lässt sich jedoch nicht einfach aus späteren Verhältnissen ableiten.
Die Bewaffnung eines einzelnen Mannes hing wahrscheinlich von seinen Aufgaben, wirtschaftlichen Möglichkeiten, persönlichen Beziehungen und regionalen Traditionen ab.
Ein Angehöriger einer wohlhabenden Gefolgschaft konnte über ein kostbares Schwert verfügen, während andere Kämpfer mit Speeren, Äxten oder Bögen bewaffnet waren.
Eine einheitliche Ausrüstung aller Rus-Krieger ist nicht nachweisbar.
Archäologische Waffenfunde und ihre Aussagekraft
Zu den wichtigsten Fundorten für die Erforschung der Bewaffnung gehören Staraja Ladoga, das Rjurikowo Gorodischtsche bei Nowgorod und besonders Gnezdowo am oberen Dnepr.
Gnezdowo ist durch seine ausgedehnten Siedlungs- und Gräberfelder von besonderer Bedeutung. Dort wurden Waffen, Reitausrüstung, Schmuck, Handelsgegenstände und weitere Zeugnisse einer kulturell vielfältigen Bevölkerung entdeckt.
Auch Funde aus dem Gebiet des mittleren Dnepr, aus skandinavischen Gräbern und aus benachbarten Regionen helfen bei der Einordnung.
Dabei müssen verschiedene Fundarten unterschieden werden.
Grabfunde zeigen, welche Gegenstände im Rahmen bestimmter Bestattungssitten beigegeben wurden. Sie können Hinweise auf sozialen Status, kulturelle Zugehörigkeit und persönliche Ausrüstung liefern.
Siedlungsfunde geben Auskunft über Waffen, die verloren gingen, beschädigt wurden oder in anderen Zusammenhängen zurückblieben.
Einzelfunde können wertvoll sein, sind ohne gesicherten Fundkontext jedoch schwieriger zu datieren und zu interpretieren.
Nicht jeder gefundene Gegenstand war tatsächlich im Kampf verwendet worden. Waffen konnten auch als Statussymbole, Geschenke oder Handelswaren dienen.
Ebenso bedeutet das Fehlen einer Waffe in einem Grab nicht, dass die bestattete Person niemals bewaffnet war.
Der Speer – eine weit verbreitete Waffe
Der Speer gehörte zu den bedeutendsten Waffen des frühen Mittelalters.
Speerspitzen sind aus zahlreichen Fundzusammenhängen des Ostseeraums und Osteuropas bekannt. Ihre Formen unterscheiden sich hinsichtlich Länge, Blattbreite, Querschnitt und Gestaltung der Tülle.
Der hölzerne Schaft ist dagegen nur selten erhalten geblieben.
Ein Speer bot gegenüber einer kurzen Waffe einen wichtigen Vorteil: Er ermöglichte es, einen Gegner auf größere Entfernung zu erreichen.
Je nach Konstruktion konnte er zum Stoßen oder Werfen verwendet werden. Allerdings lässt sich die ursprüngliche Verwendung nicht bei jeder Speerspitze eindeutig bestimmen.
Breite, kräftige Spitzen konnten sich für andere Einsatzweisen eignen als besonders schmale und leichte Exemplare. Solche funktionalen Überlegungen müssen jedoch mit den tatsächlichen Funden abgeglichen werden.
Auch die Schaftlänge ist nicht für sämtliche Speerformen sicher bekannt.
In modernen Darstellungen werden Speere häufig zugunsten von Schwertern vernachlässigt. Archäologisch und funktional spricht jedoch vieles dafür, dass sie zu den wichtigsten Waffen frühmittelalterlicher Kämpfer gehörten.
Für eine Rekonstruktion sollte die Speerspitze anhand eines konkret datierten Fundes ausgewählt werden. Die Schaftlänge und die Befestigung müssen anschließend als mehr oder weniger sichere Rekonstruktionsentscheidungen behandelt werden.
Die Axt – Werkzeug und Kriegswaffe
Äxte waren in der Lebenswelt der Rus weit verbreitet.
Holz war ein zentraler Werkstoff für Häuser, Boote, Geräte und zahlreiche andere Gegenstände. Entsprechend wichtig waren Äxte als Werkzeuge.
Daneben existierten Formen, die sich für den Einsatz als Waffen eigneten.
Die Unterscheidung ist allerdings nicht immer eindeutig. Eine Axt konnte sowohl praktische Arbeiten ermöglichen als auch im Kampf verwendet werden.
Frühmittelalterliche Axtköpfe unterscheiden sich erheblich in Gewicht, Größe, Schneidenform und Konstruktion.
Manche waren kompakt und vergleichsweise leicht. Andere besaßen breitere Schneiden oder eine stärker ausgeprägte Formgebung.
Im osteuropäischen Raum treten außerdem Axtformen auf, die mit regionalen Entwicklungen und Kontakten zu benachbarten Kulturen in Verbindung stehen.
Nicht jede als „Wikingeraxt“ angebotene Rekonstruktion ist deshalb für einen Rus-Krieger des 9. oder 10. Jahrhunderts geeignet.
Besonders vorsichtig sollte man mit der großen, langstieligen Breitaxt umgehen, die in modernen Darstellungen sehr beliebt ist. Die berühmten skandinavischen Breitäxte bestimmter Formen sind vor allem mit späteren Entwicklungen innerhalb der Wikingerzeit verbunden.
Sie dürfen nicht ohne Weiteres zur Standardbewaffnung der frühen Rus erklärt werden.
Auch die verbreitete Vorstellung, eine Kriegsaxt müsse besonders schwer gewesen sein, ist irreführend. Im Kampf waren Handhabung, Geschwindigkeit und Kontrolle entscheidend.
Eine vergleichsweise leichte Axt konnte daher eine wirksame Waffe sein.
Das Schwert – kostbare Waffe und Statussymbol
Das zweischneidige Schwert gehört zu den bekanntesten Waffen der Wikingerzeit.
Schwertfunde aus dem osteuropäischen Raum zeigen deutliche Verbindungen zu skandinavischen und westeuropäischen Waffentraditionen.
Viele Klingen wurden in Werkstätten des fränkischen beziehungsweise west- und mitteleuropäischen Raumes hergestellt oder standen technologisch mit diesen Traditionen in Verbindung.
Sie gelangten über Handelskontakte, Geschenke, Beute und andere Austauschprozesse in den Norden und Osten Europas.
Besonders bekannt sind Klingen mit der Inschrift +VLFBERH+T beziehungsweise verwandten Schreibweisen. Solche Inschriften sind aus verschiedenen Teilen Europas bekannt und werden mit einer Gruppe hochwertiger frühmittelalterlicher Schwertklingen verbunden.
Allerdings waren nicht sämtliche Schwerter technisch gleich aufgebaut. Materialqualität, Schmiedeverfahren und Verarbeitung unterschieden sich erheblich.
Auch die Griffe und Knäufe zeigen eine große Formenvielfalt.
Zur typologischen Einordnung skandinavischer Schwerter wird häufig die Klassifikation von Jan Petersen herangezogen. Diese ist für Vergleiche hilfreich, ersetzt jedoch keine genaue Datierung und regionale Untersuchung eines einzelnen Fundes.
Ein Schwert war aufgrund seiner Herstellung und seines Materialbedarfs ein wertvoller Gegenstand.
Es konnte neben seiner militärischen Funktion auch gesellschaftliches Ansehen ausdrücken.
Daraus folgt jedoch nicht, dass ausschließlich Fürsten oder besonders hochrangige Krieger Schwerter besaßen. Die tatsächliche Verbreitung hing von wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen ab.
Für die Darstellung eines gewöhnlichen Angehörigen der Rus ist ein Schwert daher keineswegs zwingend erforderlich.
Schwertscheiden und Trageweise
Ein Schwert wurde gewöhnlich nicht ungeschützt getragen.
Schwertscheiden bestanden aus organischen Materialien, insbesondere Holz und Leder, die archäologisch nur unter günstigen Bedingungen erhalten bleiben.
Metallbeschläge, Ortbänder und gelegentliche organische Reste ermöglichen dennoch Rückschlüsse auf ihre Konstruktion.
Schwertscheiden konnten mit unterschiedlichen Aufhängungen am Körper befestigt werden.
Die genaue Trageweise ist jedoch nicht für jeden Fund sicher rekonstruierbar.
Besonders problematisch ist die unkritische Übernahme moderner Schwertgehänge, die aus späteren Jahrhunderten oder aus anderen Kulturkreisen stammen.
Auch reich verzierte Ortbänder müssen hinsichtlich ihrer regionalen Herkunft und Datierung geprüft werden.
Ein historisch überzeugendes Schwertgehänge sollte deshalb nicht allein nach seinem Aussehen ausgewählt werden, sondern möglichst auf einer konkreten archäologischen Grundlage beruhen.
Das Messer als Waffe
Wie bereits in Kapitel 12 beschrieben, gehörte das Messer zu den verbreitetsten Alltagsgegenständen.
Ein gewöhnliches Gebrauchsmesser war in erster Linie ein Werkzeug.
Daneben existierten größere Klingen, die sich eher für den bewaffneten Einsatz eigneten.
In der Forschung werden bestimmte lange einschneidige Klingen als Sax oder Langsax bezeichnet. Ihre zeitliche und regionale Verbreitung unterscheidet sich jedoch erheblich.
Die klassischen Formen des frühmittelalterlichen Sax dürfen nicht pauschal als typische Bewaffnung der Rus im 10. Jahrhundert gelten.
Auch der moderne Begriff „Kampfmesser“ kann irreführend sein, wenn die ursprüngliche Funktion eines Fundes nicht eindeutig bekannt ist.
Die Einordnung muss deshalb anhand der Klingenform, Größe, Konstruktion, Datierung und des Fundzusammenhangs erfolgen.
Für eine historische Darstellung sollte zwischen einem einfachen Gebrauchsmesser und einer ausdrücklich als Waffe rekonstruierten größeren Klinge unterschieden werden.
Pfeil und Bogen
Der Bogen spielte in den militärischen Traditionen Osteuropas eine wichtige Rolle.
Bogenschießen war sowohl für die Jagd als auch für bewaffnete Auseinandersetzungen von Bedeutung.
Archäologisch sind insbesondere eiserne Pfeilspitzen erhalten. Sie zeigen unterschiedliche Formen und mögliche Verwendungszwecke.
Die Bögen selbst bestanden überwiegend aus organischen Materialien und sind deshalb deutlich seltener nachweisbar.
Im osteuropäischen Raum trafen unterschiedliche Bogentraditionen aufeinander.
Neben einfachen Holzbögen waren in den angrenzenden Steppenregionen komplex aufgebaute Reflex- beziehungsweise Kompositbögen verbreitet.
Die Rus standen in Kontakt mit Bevölkerungsgruppen, deren militärische Kultur stark vom berittenen Bogenschießen geprägt war.
Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass alle Rus-Krieger Kompositbögen verwendeten oder grundsätzlich als berittene Bogenschützen kämpften.
Pfeilspitzen allein ermöglichen zudem nur begrenzte Aussagen über die genaue Konstruktion des zugehörigen Bogens.
Bei der Rekonstruktion muss daher sorgfältig zwischen regional belegten Waffenformen und lediglich möglichen kulturellen Einflüssen unterschieden werden.
Der Rundschild
Der Rundschild gehört zu den charakteristischen Schutzwaffen der Wikingerzeit.
Auch für die Rus sind Schildbestandteile archäologisch belegt, insbesondere eiserne Schildbuckel.
Der Schildbuckel schützte die Hand, die sich hinter der zentralen Grifföffnung befand.
Die übrigen Bestandteile bestanden überwiegend aus Holz und weiteren vergänglichen Materialien.
Skandinavische Schildfunde, insbesondere der bekannte Fund von Gokstad aus dem späten 9. Jahrhundert, liefern wichtige Vergleichsmöglichkeiten.
Solche Funde dürfen jedoch nicht ohne Weiteres als exakte Vorbilder sämtlicher Schilde der Rus gelten.
Durchmesser, Brettstärke, Randgestaltung und Bemalung konnten variieren.
Der Schild wurde nicht nur passiv zum Abwehren von Schlägen verwendet. Seine Konstruktion ermöglichte auch aktive Bewegungen zur Kontrolle des gegnerischen Angriffs.
Die genauen Kampftechniken lassen sich aus archäologischen Funden allein allerdings nicht rekonstruieren.
Besonders verbreitet ist heute das Bild einer geschlossenen Schildmauer.
Dichte Schildformationen sind für verschiedene frühmittelalterliche Kriegskontexte plausibel und teilweise schriftlich bezeugt. Für die frühen Rus des 9. und 10. Jahrhunderts ist jedoch Vorsicht geboten, wenn daraus eine fest standardisierte Formation mit genau festgelegten Bewegungsabläufen gemacht wird.
Ein Schild war eine praktische Schutzwaffe, aber seine Verwendung hing von Gelände, Gegner und Kampfsituation ab.
Schutzbewaffnung und soziale Unterschiede
Kampf auf Flüssen und an Land
Die Rus nutzten die großen Flusssysteme Osteuropas als Verkehrs- und Handelswege.
Boote ermöglichten die schnelle Verlagerung von Menschen, Waren und Ausrüstung.
Dies war auch für militärische Unternehmungen von Bedeutung.
Ein besonders wichtiges Ereignis ist der Angriff der Rus auf Konstantinopel im Jahr 860, über den unter anderem der Patriarch Photios berichtete.
Die Quellen zeigen, dass die Rus bereits im 9. Jahrhundert in der Lage waren, größere bewaffnete Unternehmungen über weite Entfernungen durchzuführen.
Weitere Konflikte zwischen den Rus und dem Byzantinischen Reich sind aus dem 10. Jahrhundert bekannt.
Dabei darf man sich die Kriegsführung nicht ausschließlich als Kampf zwischen zwei geordneten Heeren vorstellen.
Überfälle, kleinere bewaffnete Auseinandersetzungen, Belagerungen, Raubzüge und die Sicherung von Verkehrswegen konnten unterschiedliche Formen militärischer Gewalt darstellen.
Die Flüsse boten Mobilität, waren aber gleichzeitig natürliche Hindernisse.
Stromschnellen, Untiefen und notwendige Landtransporte machten Reisende verwundbar.
Konstantin VII. beschreibt im 10. Jahrhundert die gefährliche Passage der Dnepr-Stromschnellen. Sein Bericht verdeutlicht, wie eng geografische Bedingungen, Logistik und Sicherheit miteinander verbunden waren.
Begegnungen mit den Steppenvölkern
Die Rus standen nicht nur mit skandinavischen und slawischen Gemeinschaften in Kontakt.
Im Süden und Südosten trafen sie auf politische und militärische Mächte der eurasischen Steppe.
Dazu gehörten unter anderem die Chasaren und später die Petschenegen.
Diese Kontakte konnten friedlich oder gewaltsam verlaufen. Handel, politische Abhängigkeiten, Bündnisse und Konflikte bestanden nebeneinander.
Die militärischen Traditionen der Steppenvölker unterschieden sich in wichtigen Bereichen von denen vieler nordeuropäischer Gemeinschaften.
Berittene Krieger und Bogenschützen spielten dort eine bedeutende Rolle.
Solche Begegnungen konnten die Ausrüstung und militärische Praxis der Rus beeinflussen.
Allerdings ist nicht jede osteuropäische Waffenform automatisch ein Beweis für direkte Übernahme aus der Steppe.
Kulturelle Einflüsse müssen anhand konkreter Fundgruppen, ihrer Verbreitung und zeitlichen Entwicklung untersucht werden.
Gerade die Rus zeigen, wie schwierig es ist, archäologische Waffen eindeutig einer einzigen ethnischen Gruppe zuzuordnen.
Militärische Gefolgschaften und politische Macht
Mit der Entwicklung größerer Herrschaftszentren gewann die Organisation bewaffneter Gefolgschaften an Bedeutung.
Fürsten benötigten militärische Unterstützung, um politische Ansprüche durchzusetzen, Handelswege zu kontrollieren und Abgaben einzufordern.
Eine bewaffnete Gefolgschaft konnte dabei mehr sein als eine Gruppe von Kämpfern.
Sie bildete auch ein Netzwerk persönlicher Beziehungen, gegenseitiger Verpflichtungen und wirtschaftlicher Interessen.
Wertvolle Waffen, Schmuck und andere Gegenstände konnten innerhalb solcher Beziehungen eine wichtige Rolle spielen.
Geschenke und Beuteverteilung sind aus verschiedenen frühmittelalterlichen Gesellschaften als Mittel zur Festigung von Loyalität bekannt.
Für die frühen Rus muss jedoch jeweils geprüft werden, welche konkreten Praktiken durch zeitgenössische Quellen gestützt werden.
Die spätere Überlieferung der Povest‘ vremennych let, häufig als Nestorchronik bezeichnet, enthält zahlreiche Berichte über Fürsten und ihre Gefolgschaften.
Da ihre erhaltene Textgestalt erst im frühen 12. Jahrhundert entstand, darf sie nicht unkritisch als unmittelbarer Augenzeugenbericht über das 9. Jahrhundert gelesen werden.
Trotzdem liefert sie, bei sorgfältiger Quellenkritik, wichtige Hinweise auf die politische Vorstellungswelt und die überlieferten Traditionen der Rus.
Was wissen wir über Kampftechniken?
Eine der schwierigsten Fragen betrifft den tatsächlichen Umgang mit den Waffen.
Archäologische Funde zeigen, welche Waffen existierten. Sie erklären jedoch nur begrenzt, wie Menschen mit ihnen kämpften.
Ein Schwert verrät durch seine Form etwas über mögliche Bewegungen und Einsatzweisen.
Ein Schild zeigt, welche Bereiche des Körpers geschützt werden konnten.
Doch aus diesen Eigenschaften lässt sich kein vollständiges historisches Kampfsystem ableiten.
Ausführliche europäische Fechtbücher stammen überwiegend aus deutlich späteren Jahrhunderten.
Ihre Techniken dürfen nicht ohne Weiteres auf die Rus des 9. und 10. Jahrhunderts übertragen werden.
Moderne experimentelle Archäologie und historisch orientierter Schaukampf können helfen, die Funktionsweise von Waffen zu untersuchen.
Sie können beispielsweise zeigen, welche Bewegungen mit einer bestimmten Waffe praktisch möglich sind und welche Grenzen sich aus Gewicht, Reichweite und Konstruktion ergeben.
Solche Versuche beweisen jedoch nicht, dass eine konkrete Technik damals tatsächlich verwendet wurde.
Zwischen technisch möglich, historisch plausibel und direkt belegt muss deshalb unterschieden werden.
Auch moderne Kampfveranstaltungen folgen Regeln, Sicherheitsanforderungen und sportlichen Zielsetzungen, die sich von frühmittelalterlichen Gewaltsituationen erheblich unterscheiden.
Sie sind keine unmittelbare Rekonstruktion historischer Schlachten.
Waffen in der Bestattungskultur
Waffen wurden in verschiedenen Regionen der Wikingerzeit als Grabbeigaben verwendet.
Auch im Umfeld der Rus sind entsprechende Bestattungen bekannt.
Schwerter, Speere, Äxte, Pfeilspitzen und Schildbestandteile konnten Teil einer Grabausstattung sein.
Solche Funde werden häufig mit einer kriegerischen Identität oder gesellschaftlichem Ansehen verbunden.
Die Interpretation ist jedoch komplex.
Eine Waffe im Grab muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass die bestattete Person regelmäßig kämpfte.
Ebenso kann eine Person ohne Waffenbeigaben militärische Aufgaben ausgeübt haben.
Bestattungssitten spiegeln kulturelle Vorstellungen wider und verändern sich im Laufe der Zeit.
Auch Geschlecht, Alter, sozialer Status und regionale Traditionen können die Auswahl der Grabbeigaben beeinflusst haben.
Eine besonders aufwendige Waffenausstattung ist daher zunächst ein Hinweis auf eine bewusste Form der Bestattungsrepräsentation.
Ihre genaue gesellschaftliche Bedeutung muss im jeweiligen Fundzusammenhang untersucht werden.
Waffen und historische Rekonstruktion
Für die Darstellung eines Warägers oder Rus-Kriegers ist die Auswahl der Waffen besonders anspruchsvoll.
Viele moderne Ausrüstungsgegenstände orientieren sich an einem allgemeinen Wikingerbild, ohne eine konkrete historische Einordnung zu besitzen.
Ein Schwert aus dem späten 10. Jahrhundert, eine Axtform des 11. Jahrhunderts und ein Helm nach einem Fund aus einer anderen Region ergeben nicht automatisch eine stimmige Darstellung.
Die kulturelle Vielfalt der Rus erlaubt zwar unterschiedliche Einflüsse, ersetzt aber keine nachvollziehbare Begründung.
Für eine überzeugende Rekonstruktion sollten zunächst folgende Fragen beantwortet werden:
– Zeitraum: Soll die Darstellung beispielsweise um 850, 900 oder 975 angesiedelt sein?
– Region: Stammt die dargestellte Person aus dem Umfeld von Ladoga, Gnezdowo, Nowgorod oder dem mittleren Dnepr?
– Gesellschaftliche Stellung: Handelt es sich um einen einfachen bewaffneten Reisenden, einen Händler oder einen Angehörigen einer wohlhabenden Gefolgschaft?
– Fundgrundlage: Welche Waffenformen sind für die gewählte Zeit und Region tatsächlich nachgewiesen?
– Kombination: Gibt es Hinweise darauf, dass die ausgewählten Gegenstände gemeinsam verwendet wurden?
Für eine zurückhaltende Darstellung eines bewaffneten Reisenden können Speer, Schild und Gebrauchsmesser eine sinnvolle Ausgangsbasis bilden.
Eine Axt kann je nach dargestellter Tätigkeit und Fundgrundlage hinzukommen.
Ein Schwert sollte bewusst gewählt werden, wenn die dargestellte gesellschaftliche Stellung und die archäologische Grundlage dazu passen.
Auch die Schutzbewaffnung sollte nicht automatisch möglichst umfangreich ausfallen.
Eine historisch überzeugende Ausrüstung zeichnet sich nicht durch die größte Zahl an Waffen aus, sondern durch eine nachvollziehbare Verbindung von Fundlage, Funktion und dargestellter Person.
Zwischen Kriegerideal und Wirklichkeit
Die Bewaffnung der Rus war vielfältig.
Speere, Äxte, Schwerter, Bögen und Schilde gehörten zum militärischen Spektrum des 9. und 10. Jahrhunderts.
Ihre Verwendung wurde von wirtschaftlichen Möglichkeiten, regionalen Traditionen, persönlichen Aufgaben und den jeweiligen Gegnern beeinflusst.
Die Rus bewegten sich zwischen unterschiedlichen kulturellen Räumen. Ihre Bewaffnung spiegelt diese Kontakte wider, ohne dass daraus eine vollständig einheitliche militärische Tradition entstanden sein muss.
Archäologische Funde ermöglichen es, Waffenformen zu untersuchen und technische Entwicklungen nachzuvollziehen.
Schriftliche Quellen zeigen, dass bewaffnete Unternehmungen eine bedeutende Rolle in der politischen Geschichte spielten.
Doch die konkreten Abläufe einzelner Kämpfe bleiben häufig unbekannt.
Das moderne Bild des schwer bewaffneten Wikingerkriegers ist daher nur bedingt auf die frühen Rus übertragbar.
Viele Menschen, die zu dieser Welt gehörten, waren Händler, Handwerker, Bauern oder Reisende. Manche trugen Waffen, andere nicht. Und selbst unter den bewaffneten Männern bestanden erhebliche Unterschiede.
Die Geschichte der Rus lässt sich deshalb nicht allein durch ihre Schwerter erzählen.
Ihre militärische Stärke beruhte ebenso auf Mobilität, wirtschaftlichen Verbindungen, politischer Organisation und der Fähigkeit, sich in unterschiedlichen geografischen und kulturellen Räumen zu bewegen.
Weiter in Kapitel 14: Rüstung und Schutzbewaffnung
Im nächsten Kapitel untersuchen wir Helme, Kettenhemden, Schilde und weitere Schutzwaffen. Dabei beschäftigen wir uns besonders mit der Frage, welche Rüstungsteile für die Rus des 9. und 10. Jahrhunderts tatsächlich nachgewiesen sind und welche Vorstellungen auf späteren Entwicklungen beruhen.