Ferðafólk

Auf den Spuren der Rus und Waräger

Wer waren die Rus und Waräger?

Wer sich mit den Menschen beschäftigt, die zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert von Skandinavien aus nach Osten zogen, begegnet schnell drei Begriffen: Wikinger, Rus und Waräger. In populären Darstellungen werden diese Bezeichnungen häufig so verwendet, als meinten sie dieselben Menschen. Historisch ist das jedoch zu einfach. Die Welt der Rus entstand nicht an einem einzigen Ort und auch nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sie entwickelte sich entlang eines gewaltigen Netzes aus Flüssen, Seen und Handelsplätzen, das Skandinavien mit Osteuropa, dem Byzantinischen Reich und der islamischen Welt verband. Skandinavische Händler, Krieger und Siedler waren ein wichtiger Teil dieser Entwicklung. Sie trafen dabei auf slawische, baltische und finno-ugrische Bevölkerungen, mit denen sie handelten, kämpften, Bündnisse eingingen und schließlich auch zusammenlebten.

Wikinger ist kein Volk

Der heute gebräuchliche Begriff Wikinger verleitet leicht zu einer falschen Vorstellung. Er bezeichnete im frühen Mittelalter keine klar abgegrenzte ethnische Gruppe und schon gar keinen einheitlichen skandinavischen Staat.
Die Menschen aus Dänemark, Norwegen und Schweden teilten zwar zahlreiche kulturelle Gemeinsamkeiten, gehörten aber unterschiedlichen regionalen Gemeinschaften an. Einige waren Bauern und Handwerker, andere Händler, Seefahrer oder Krieger. Dieselbe Person konnte im Laufe ihres Lebens mehrere dieser Rollen einnehmen.
Für die Geschichte Osteuropas ist deshalb die Vorstellung problematisch, eine geschlossene Gruppe von „Wikingern“ sei nach Osten gezogen und habe dort ein Reich gegründet.
Die tatsächliche Entwicklung war wesentlich komplexer.

Wer waren die Rus?

Die Bezeichnung Rus erscheint im 9. Jahrhundert in verschiedenen schriftlichen Quellen. Eine der frühesten sicheren Erwähnungen stammt aus dem Jahr 839.
In den fränkischen Annales Bertiniani wird eine Gruppe von Menschen erwähnt, die sich selbst Rhos nannte. Nach einer Befragung stellte sich heraus, dass sie nach Auffassung der Franken zum Volk der Schweden gehörten.
Nur wenige Jahrzehnte später tauchen die Rus bereits als militärische Macht auf. Im Jahr 860 griff eine Flotte der Rus Konstantinopel an. Der byzantinische Patriarch Photios hinterließ darüber einen zeitgenössischen Bericht.
Diese frühen Zeugnisse sind wichtig, weil sie unabhängig von den viel später entstandenen ostslawischen Chroniken zeigen, dass Gruppen mit der Bezeichnung Rus bereits im 9. Jahrhundert existierten und enge Verbindungen nach Skandinavien besaßen.
Archäologische Funde ergänzen dieses Bild. An Orten wie Staraja Ladoga, Rjurikowo Gorodischtsche und Gnezdovo wurden Gegenstände, Bestattungen und Siedlungsspuren entdeckt, die deutliche Verbindungen nach Skandinavien erkennen lassen. Gleichzeitig finden sich dort zahlreiche Einflüsse anderer Bevölkerungsgruppen.
Die Rus waren daher keine über Jahrhunderte unveränderte ethnische Gemeinschaft. Der Begriff wandelte sich. Was zunächst vermutlich Gruppen innerhalb weitreichender Handels- und Kriegernetzwerke bezeichnete, wurde später zunehmend mit den Herrschaftsgebieten und der Bevölkerung der entstehenden mittelalterlichen Rus verbunden.

Und wer waren die Waräger?

Auch Waräger ist kein einfaches Synonym für Rus.
Der Begriff erscheint vor allem in byzantinischen und ostslawischen Zusammenhängen. Er bezeichnete nordische beziehungsweise skandinavisch geprägte Gruppen, die als Händler, Krieger und Söldner nach Osteuropa und bis in das Byzantinische Reich gelangten.
Besonders bekannt wurden die Waräger durch ihren Dienst für die byzantinischen Kaiser. Aus diesen nordischen Kriegern entwickelte sich später die berühmte Warägergarde in Konstantinopel.
Die Begriffe Rus und Waräger können sich also überschneiden, beschreiben aber nicht automatisch dieselbe Gruppe. Ebenso wenig war jeder Skandinavier im Osten ein Rus oder Waräger.

Eine Welt zwischen mehreren Kulturen

Entscheidend für das Verständnis der Rus ist deshalb nicht allein die Frage nach ihrer Herkunft.
Skandinavische Einflüsse sind besonders für die frühe Phase deutlich nachweisbar. Doch die Rus bewegten sich in einer Welt, in der unterschiedlichste Kulturen aufeinandertrafen. Entlang der Handelswege lebten slawische, baltische und finno-ugrische Bevölkerungen.
Im Süden bestanden Kontakte zu Chasaren, Bulgaren und Byzantinern. Über die Wolga reichten Handelsverbindungen weit in die islamische Welt. Silbermünzen aus dem Kalifat gelangten bis nach Skandinavien. Pelze, Wachs und andere Waren wurden nach Süden transportiert. Auch Menschen wurden als Sklaven gehandelt. Waffen, Schmuck, Kleidung und Gebrauchsgegenstände zeigen Einflüsse aus verschiedenen Regionen.
Dabei wurden nicht einfach nur Waren ausgetauscht.
Menschen ließen sich nieder, heirateten, übernahmen Sprachen, Bräuche und politische Strukturen.
Aus einem Netzwerk von Reisenden, Händlern, Kriegern und lokalen Gemeinschaften entwickelte sich über Generationen eine neue Gesellschaft.

Vom skandinavischen Netzwerk zur Rus

Gerade deshalb ist es schwierig, einen Menschen des 10. Jahrhunderts eindeutig als „Wikinger“, „Waräger“ oder „Rus“ einzuordnen.
Ein skandinavischstämmiger Händler, der um 950 am Dnepr lebte, konnte Kleidung und Ausrüstung unterschiedlicher Herkunft besitzen, mit slawischen Nachbarn handeln, arabisches Silber verwenden und Beziehungen nach Konstantinopel unterhalten. Seine Familie konnte bereits seit mehreren Generationen in Osteuropa leben.
Im Verlauf des 10. und 11. Jahrhunderts wurden die skandinavischen Elemente zunehmend Teil einer größeren ostslawisch geprägten Gesellschaft. Namen, Sprache, Religion und politische Strukturen veränderten sich. Mit der Christianisierung unter Vladimir am Ende des 10. Jahrhunderts beschleunigte sich dieser Wandel zusätzlich.
Die Rus des 11. Jahrhunderts waren deshalb nicht mehr einfach die skandinavisch geprägten Gruppen, denen wir in den Quellen des 9. Jahrhunderts begegnen.

Rus, Waräger oder Wikinger?

Für diese Artikelreihe werden die Begriffe deshalb bewusst voneinander unterschieden.
Wikinger verwenden wir nicht als Bezeichnung eines Volkes, sondern im Zusammenhang mit der skandinavischen Welt der Wikingerzeit.
Rus bezeichnet je nach Zeit und Quelle zunächst bestimmte Gruppen innerhalb der östlichen Handels- und Kriegernetzwerke und später zunehmend die Menschen und Herrschaftsstrukturen der entstehenden Rus.
Waräger verwenden wir dort, wo nordische Händler, Krieger und Söldner im osteuropäischen und byzantinischen Raum gemeint sind.
Diese Unterscheidung mag zunächst komplizierter erscheinen. Sie führt aber zu einem wesentlich interessanteren Bild.
Die Geschichte der Rus ist nicht die Geschichte eines einzelnen Volkes, das von Skandinavien nach Russland zog. Sie ist die Geschichte von Reisen, Handel, Gewalt, Begegnung und Integration über gewaltige Entfernungen hinweg.
Und genau dort beginnt unsere Reise.