Ferðafólk
Auf den Spuren der Rus und Waräger
Der Weg nach Osten
Wer die Geschichte der Rus verstehen will, muss zuerst ihre Wege verstehen. Zwischen Skandinavien und Konstantinopel gab es keine einzelne Straße, der Händler und Krieger einfach nach Süden folgen konnten. Stattdessen erstreckte sich über Tausende Kilometer ein Netz aus Ostsee, Seen, Flüssen und Landpassagen.
Diese Wasserwege verbanden den Norden Europas mit dem Schwarzen und Kaspischen Meer. Über sie gelangten Menschen, Waren und Silber über gewaltige Entfernungen. Orte wie Ladoga, Nowgorod, Gnezdovo und Kiew entwickelten sich gerade deshalb an strategisch wichtigen Punkten dieses Netzes.
Der Weg nach Osten war jedoch keine bequeme Flussreise. Stromschnellen, flache Gewässer und Wasserscheiden zwangen die Reisenden immer wieder dazu, ihre Boote zu entladen und über Land zum nächsten schiffbaren Gewässer zu bringen. Die Flüsse waren Verkehrswege, aber gleichzeitig natürliche Hindernisse.
Von Skandinavien über die Ostsee
Ausgangspunkt vieler Reisen waren die Küsten und Inseln des östlichen Skandinaviens. Besonders das heutige Schweden und die Insel Gotland waren eng mit den Handelsverbindungen nach Osten verbunden.
Von dort führte der Weg über die Ostsee zu den Flussmündungen und Seen des heutigen Baltikums und Nordwestrusslands.
Eine besondere Bedeutung gewann dabei der Ladogasee. An seinem südlichen Ufer lag Staraja Ladoga, einer der frühesten bedeutenden Handelsplätze dieser östlichen Verbindungen.
Bereits im 8. Jahrhundert trafen hier Menschen und Waren unterschiedlicher Herkunft aufeinander. Ladoga war damit nicht einfach eine skandinavische Siedlung, sondern ein Kontaktort zwischen verschiedenen Bevölkerungen und Handelsräumen.
Seine besondere Rolle betrachten wir im nächsten Kapitel ausführlicher.
Zwei große Wege nach Süden
Von den nördlichen Handelsplätzen aus eröffneten sich zwei besonders bedeutende Fernverbindungen.
Die eine führte über die Wolga zum Kaspischen Meer und damit in Richtung der islamischen Welt.
Die andere verlief über den Dnepr zum Schwarzen Meer und weiter nach Konstantinopel.
Beide Routen verbanden Regionen miteinander, die auf dem Landweg ungeheuer weit voneinander entfernt lagen.
Dabei darf man sich diese Wege nicht als festgelegte Handelsstraßen mit einem eindeutigen Verlauf vorstellen. Neben den großen Flüssen existierten zahlreiche Nebenrouten. Je nach politischer Lage, Jahreszeit, Wasserstand und Ziel konnten unterschiedliche Wege benutzt werden.
Über die Wolga zum Kaspischen Meer
Die östliche Route führte über Flusssysteme zur oberen Wolga und anschließend weit nach Süden.
Über die Wolga erreichten Händler das Gebiet der Wolgabulgaren. Von dort bestanden Verbindungen weiter zum Kaspischen Meer und in die Handelswelt des islamischen Kalifats.
Eine der deutlichsten Spuren dieses Handels liegt heute ausgerechnet im Boden Skandinaviens.
Dort wurden enorme Mengen islamischer Silbermünzen gefunden. Diese Dirhams gelangten über die östlichen Handelsnetze nach Norden. Silber wurde dabei nicht nur als Münzgeld verwendet. Münzen und Schmuck konnten zerteilt und nach Gewicht gehandelt werden.
Im Gegenzug kamen aus den nördlichen und osteuropäischen Regionen unter anderem Pelze, Wachs und andere begehrte Waren.
Auch Menschen gehörten zu diesem Handel. Schriftliche Quellen berichten davon, dass Gefangene und versklavte Menschen über diese Handelswege verkauft wurden. Der Fernhandel der Rus war deshalb nicht nur eine Geschichte exotischer Waren und großer Reisen, sondern besaß auch eine gewaltsame Seite.
Im Jahr 921/922 traf der arabische Gesandte Aḥmad Ibn Faḍlān an der Wolga auf eine Gruppe von Rus Händlern. Sein Bericht gehört zu den außergewöhnlichsten zeitgenössischen Beschreibungen der Rus und wird uns in Kapitel 09 noch ausführlich beschäftigen.
Über den Dnepr nach Konstantinopel
Die zweite große Verbindung führte zum Dnepr.
Über nördliche Flüsse und Seen gelangten Reisende in das Gebiet des oberen Dnepr. Ein wichtiger Knotenpunkt dieser Route war Gnezdovo nahe dem heutigen Smolensk.
Von dort führte der Fluss weiter nach Süden in Richtung Kiew und schließlich zum Schwarzen Meer.
Das große Ziel vieler dieser Reisen war Konstantinopel.
Die Hauptstadt des Byzantinischen Reiches gehörte zu den bedeutendsten und reichsten Städten der damaligen Welt. Für Händler aus dem Norden bot sie Zugang zu Luxuswaren und Märkten, die weit über Osteuropa hinausreichten.
Die Verbindung war so bedeutend, dass der byzantinische Kaiser Konstantin VII. im 10. Jahrhundert den Reiseweg der Rus auf dem Dnepr beschrieb. Sein Werk De Administrando Imperio gehört deshalb zu unseren wichtigsten Quellen für diese Route. Es nennt unter anderem die gefährlichen Stromschnellen des Dnepr und beschreibt Aspekte der Transportorganisation.
Wenn der Fluss endet
Die vielleicht interessanteste Eigenschaft dieser Verkehrswege ist, dass die Flüsse nicht durchgehend miteinander verbunden waren.
Zwischen einzelnen Flusssystemen lagen Wasserscheiden. Dort mussten Boote und Ladung über Land transportiert werden.
Auch Stromschnellen konnten eine Weiterfahrt unmöglich oder gefährlich machen.
Die Reisenden mussten anlanden, Waren ausladen und ihre Fahrzeuge über Land oder durch flaches Wasser bewegen. Solche Landpassagen werden häufig als Portagen bezeichnet.
Das stellte besondere Anforderungen an die verwendeten Boote. Ein großes Hochseeschiff, wie wir es mit Fahrten über Nordsee und Atlantik verbinden, war für diese Bedingungen nur eingeschränkt geeignet.
Archäologische Befunde aus Ladoga, Gnezdovo, Šestovica und Timerevo zeigen kleinere Bootsformen. Rekonstruktionen verschiedener Funde kommen auf Fahrzeuge von ungefähr sechs bis zehn Metern Länge. Solche Boote waren besser an Flüsse, Untiefen und Landtransporte angepasst.
Eine Reise voller Gefahren
Eine Reise von der Ostsee bis zum Schwarzen oder Kaspischen Meer dauerte lange und erforderte genaue Kenntnisse der Landschaft.
Neben Stromschnellen und schwierigen Landpassagen kamen wechselnde Wasserstände und die enorme Entfernung hinzu. Reisende waren außerdem auf Gebiete angewiesen, die von unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen kontrolliert wurden.
Handel konnte deshalb kaum vollständig von Politik und Gewalt getrennt werden.
Wer einen wichtigen Flussabschnitt, einen Hafen oder eine Landpassage kontrollierte, konnte Reisende schützen, Abgaben verlangen oder selbst am Handel teilnehmen.
Die Kontrolle dieser Verkehrswege wurde damit zu einer Grundlage von Macht.
Genau entlang dieser Routen entstanden im Laufe der Zeit bedeutende Zentren der Rus.
Mehr als nur Handelswege
Über diese Flüsse wurden nicht nur Silber, Pelze und andere Waren transportiert.
Mit den Menschen reisten auch Ideen, Techniken, Schmuckformen, Waffen, religiöse Vorstellungen und kulturelle Einflüsse.
Archäologische Funde zeigen deshalb entlang der Routen ein bemerkenswertes Nebeneinander verschiedener Traditionen. In Gnezdovo beispielsweise finden sich Einflüsse aus Skandinavien, der südlichen Rus und dem Gebiet der Wolgabulgaren. Solche Fundplätze lassen sich kaum verstehen, wenn man sie nur einer einzigen Kultur zuordnen möchte.
Die großen Flüsse Osteuropas waren damit weit mehr als Verkehrswege. Sie waren die Lebensadern einer Welt, die Skandinavien, Osteuropa, Byzanz und die islamischen Handelsräume miteinander verband. Ohne diese Flüsse hätte sich die Welt der Rus in dieser Form kaum entwickeln können.
Und einer der frühesten Orte, an denen diese Welt sichtbar wird, liegt weit im Norden.