Ferðafólk

Haithabu – Handelsmetropole zwischen Nord- und Ostsee

Danewerk, Halbkreiswall und politische Kontrolle

Auf der Landseite Haithabus tritt die Befestigung auch heute als großer Bogen hervor. Der Halbkreiswall umschloss die spätere Siedlung, während die Uferseite zum Noor geöffnet blieb. Damit war die Stadt nicht einfach eine ringsum geschlossene Burg. Menschen und Waren konnten über Land oder Wasser eintreffen; beide Zugänge mussten in der Betrachtung von Schutz und Kontrolle berücksichtigt werden. Der Wall gehörte nicht zu den ersten Jahrzehnten der Siedlung. Seine Einordnung in das 10. Jahrhundert verhindert eine verbreitete Rückprojektion: Ein Haithabu des 8. Jahrhunderts darf nicht mit der Befestigung seiner späten Blütezeit dargestellt werden. Zwischen früher Besiedlung und dem sichtbaren Ausbau liegen mehrere Generationen. Die Investition in einen großen Wall ist deshalb selbst ein Abschnitt der Stadtentwicklung.

Eine Landschaft aus mehreren Befestigungen

Das Danewerk bestand aus verschiedenen Abschnitten und Bauphasen. Erdwälle, Gräben, Verbindungen und spätere Ergänzungen formten eine Grenzlandschaft, keine einheitliche Mauer eines einzigen Königs.
Die Einbindung Haithabus machte den Handelsplatz zu einem Bestandteil dieses größeren Systems. Seine Lage am Ende der Schlei und nahe der Landverbindung nach Westen gab ihm eine besondere Stellung.
An einer solchen Engstelle konnten Befestigungen Verkehrsbewegungen bündeln. Wer Waren über Land weiterbefördern wollte, brauchte geeignete Wege durch den Grenzraum.
Das erklärt, warum wirtschaftliche und militärische Interessen hier zusammenliefen. Der Aufwand für Schutz war nicht bloß ein Aufwand für Wohnhäuser.
Er galt auch einem Raum, in dem Umschlag und politische Präsenz bedeutende Möglichkeiten boten.
Ein rekonstruierter Wall sollte deshalb zuerst als Erdwerk verstanden werden. Holz konnte zu seiner Gestaltung gehören; Steinburgen mit Zinnen wären eine unpassende Ergänzung.
Wie hoch einzelne Teile in einer bestimmten Phase waren und welche Aufbauten sie trugen, muss am jeweiligen Befund geprüft werden. Die erhaltene Geländeform allein liefert keine vollständige Ansicht jedes ehemaligen Tores. 

Die Schlei als Zugangsweg

Auf dem Wasser endete die Frage der Sicherheit nicht am Stadtufer. Die Schlei bildete einen längeren Weg zwischen offener Ostsee und Hafen.
Sperren und mögliche militärische Einrichtungen entlang dieses Wegs werden in der Forschung untersucht.
Das veranschaulicht ein Problem jeder Hafenstadt: Wer den Zugang kontrollieren wollte, musste mehr als die unmittelbare Uferlinie beachten.
Nicht jede Pfahlreihe im Gewässer lässt sich sicher in die Wikingerzeit datieren. Bei der Pfahlsetzung am Eingang des Haddebyer Noors sind Funktion und Alter nicht abschließend geklärt.
Die Anlage wurde schon in älteren neuzeitlichen Darstellungen verzeichnet; ihre Deutung als Sperre vor Haithabus Hafen bleibt eine Möglichkeit. Sie darf nicht als zweifelsfrei rekonstruierte Hafenbarriere in jede Ansicht eingefügt werden.
Auch Orts- und Flurnamen können auf Schiffsplätze oder Wachfunktionen hinweisen. Solche Hinweise sind nützlich, aber schwächer als ein datierter Bau mit bekanntem Zusammenhang.
Ein Name, der ein Schiff bezeichnet, ist noch kein Nachweis einer an derselben Stelle dauerhaft stationierten Flotte.
Der Grenzraum gewinnt durch diese Forschungen an Tiefe, ohne zu einem lückenlos dokumentierten militärischen Netzwerk zu werden. 

Die Auseinandersetzungen von 974 und 983

Im späten 10. Jahrhundert war der Raum politisch umkämpft. Für 974 behandelt die Überlieferung den Konflikt zwischen dem dänischen Herrschaftsbereich und Otto II. Für 983 wird ein erneuter dänischer Zugriff wichtig.
Die Ereignisse gehören zur Geschichte von Grenzbefestigung und Herrschaft; ihre Auswirkungen auf jedes Haithabuer Grundstück sind nicht bekannt.
Die erzählenden Zeugnisse wurden aus bestimmten politischen und kirchlichen Perspektiven verfasst. Adam von Bremen blickte später auf die nordischen Verhältnisse und verband sie mit der Geschichte seiner Kirche.
Seine Nachrichten sind bedeutend, aber keine neutrale örtliche Verwaltungsakte. Andere Überlieferungen besitzen wiederum eigene zeitliche Abstände und literarische Formen.
Ein Herrschaftswechsel ist deshalb nicht automatisch ein Stadtbrand. Die Einnahme einer Befestigung, die Niederlage eines Heeres und die Zerstörung sämtlicher Wohnbauten wären unterschiedliche Vorgänge.
Für jeden müsste eine eigene Begründung vorliegen. Haithabus Erneuerungsphasen dürfen nicht allein aus einer Liste politischer Jahreszahlen abgeleitet werden. 

Was Schutz im Alltag bedeuten konnte

Für einen Reisenden war die Sicherheit einer Route Teil ihrer Nutzbarkeit. Ladung und Fahrzeug banden Material und Arbeit; ein Überfall konnte beides zunichtemachen.
Für den Herrscher waren dieselben Bewegungen zugleich eine Möglichkeit, Einnahmen und Einfluss zu gewinnen. Schutz und Kontrolle konnten also zwei Seiten derselben politischen Beziehung sein.
Wie eine Abgabe im Einzelfall erhoben wurde, wissen wir nicht vollständig. Die Quellen erlauben keine lückenlose Darstellung eines Haithabuer Zollbüros mit festem Personal, bekannten Formularen und veröffentlichten Tarifen.
Dennoch wäre es ebenfalls falsch, den Hafen als einen Raum ganz ohne politische Ansprüche vorzustellen. Königliche Interessen treten in den schriftlichen Nachrichten und in der regionalen Machtgeschichte deutlich hervor.
Ein großer Wall konnte auch den Unterschied zwischen innen und außen im Alltag sichtbarer machen. Er begrenzte einen Siedlungsraum, dessen Beziehungen weit über diese Linie hinausreichten. Nahrung und Holz kamen weiterhin aus der Umgebung.
Gräber, weitere Siedlungsflächen und Verkehrswege lagen außerhalb. Die Befestigung beschreibt deshalb eine wichtige Grenze, aber nicht den gesamten wirtschaftlichen Lebensraum der Stadt. 

Sicherheit hatte Grenzen

Haithabus späte Geschichte zeigt, dass Befestigungen keine dauerhafte Unverletzlichkeit schufen. Angriffe waren trotz des Walls möglich.
Das ist kein Widerspruch: Eine Anlage konnte Zugang erschweren und doch in einer bestimmten Lage nicht ausreichen. Umfang, Besatzung, Versorgung und Angriffsmethode lassen sich nicht aus dem bloßen Vorhandensein des Erdwerks bestimmen.
Für eine anschauliche Vorstellung lässt sich daher eine kontrollierbare Landseite neben dem offenen Verkehrsraum des Hafens setzen.
Eine solche Rekonstruktion macht die Stadt verständlich, ohne eine bestimmte Wachmannschaft oder einen exakt bekannten Tagesablauf zu erfinden. Haithabu war zugleich befestigter Ort und erreichbarer Handelsplatz.
Seine Stärke lag in dieser Verbindung, seine Verwundbarkeit ebenfalls.