Ferðafólk

Haithabu – Handelsmetropole zwischen Nord- und Ostsee

Häuser, Grundstücke und Wege

Haithabus Häuser stehen uns nicht als vollständig erhaltene Bauten vor Augen. Im Boden liegen Pfosten, Bohlen, Flechtwerkreste, Schwellen und andere Bauteile, aus denen ihre Konstruktion erschlossen wird.
In den feuchten Bereichen ist erstaunlich viel Holz bewahrt worden. Das erlaubt es, nicht nur abstrakte Grundrisse zu betrachten, sondern die Verbindung einzelner Bauteile und manchmal sogar Wandhöhe oder Giebelform zu untersuchen.
Eine Annäherung an den bewohnten Ort muss dennoch als Rekonstruktion erkennbar bleiben. Man kann den Weg entlang von Grundstücken und Gebäuden verfolgen und unterschiedliche Wandformen beschreiben.
Man kann nicht für ein beliebiges Jahr eine lückenlose Liste sämtlicher Bewohner ergänzen. Auch die heute wiedererrichteten Häuser bilden einen ausgewählten und erklärenden Ausschnitt, keine gleichzeitig überlieferte komplette Häuserzeile.

Zwischen Grundstück und Bohlenweg

Wege und Parzellen gliederten das Gelände. Regelmäßige Anordnungen erscheinen in Grabungen und magnetischen Messbildern.
Gebäude orientierten sich an Verkehrsverbindungen; der Zugang zum Hafen verband die Grundstücke mit den ankommenden Waren. In feuchtem Boden konnten Bohlenwege einen benutzbaren Übergang schaffen, wo bloße Erde stärker beansprucht wurde.
Der Bach durchquerte den Siedlungsraum und erforderte Übergänge. Veränderungen seines Umfelds beeinflussten, wie die Flächen erreichbar blieben.
Geoarchäologische Untersuchungen zeigen, dass dieser Raum in der Siedlungszeit nicht unverändert blieb. Häuser und Wege lagen damit in einer Landschaft, die ihre Bewohner selbst mitgestalteten.
Eine heutige Geländelinie darf nicht ohne Prüfung zur früheren Straße erklärt werden.
An einem Grundstück konnten unterschiedliche Aufgaben zusammentreffen. Wohnen, Lagern und handwerkliche Arbeit mussten nicht in streng getrennten Gebäudekategorien erfolgen.
Ein Hausgrundriss beantwortet außerdem nicht von selbst, ob ein Bau dauerhaft bewohnt oder teilweise saisonal genutzt wurde.
Gerade an einem Handelsplatz muss mit wechselnder Anwesenheit gerechnet werden, ohne daraus für jedes Gebäude eine Herberge zu machen. 

Bohlen und Flechtwerk

Ein um 874 oder kurz danach errichtetes Gebäude lässt eine Wandgerüstkonstruktion mit schrägen Außenstützen erkennen.
Tragende Pfosten aus Spaltbohlen und lehmverstrichenes Flechtwerk verbanden Stabilität mit einer vergleichsweise materialsparenden Wandfüllung. Waagerechte Hölzer an den Längswänden trugen den Dachaufbau; die Außenstützen fingen Kräfte auf.
Bei diesem besonders gut erhaltenen Befund blieben Wandflechtwerk und Teile des Giebels erkennbar. Daraus lassen sich eine Wandhöhe von ungefähr zwei Metern und eine Dachneigung von etwa 40 Grad ableiten.
Selbst hier bleibt mehr als eine mögliche Dachkonstruktion. Gute Erhaltung macht bestimmte Maße sicherer, beseitigt aber nicht jede bautechnische Alternative.
Die heutigen Häuser 1 und 7 veranschaulichen zwei Lösungen auf Grundlage desselben Hausbefunds. Sie sind deshalb kein Nachweis zweier gleichzeitig vorhandener Originalbauten mit identischem Grundriss.
Ihre unterschiedlichen Einrichtungen erläutern mögliche Nutzungen. Das erklärt, warum eine als Herberge gestaltete Rekonstruktion und eine Kammmacherwerkstatt nicht unmittelbar die Berufsbezeichnung der ursprünglichen Bewohner liefern. 

Eine Wand trägt das Dach

Ein anderes kleines Gebäude wird in das Jahr 882 datiert. Seine Grundfläche liegt bei rund 19 Quadratmetern. Es besitzt eine Palisadenkonstruktion: dicht gesetzte Spaltbohlen bilden die Wand, ihre obere Kante trägt den Dachaufbau.
Die unterschiedlich langen Hölzer werden so weit in den Boden gesetzt, dass oben eine nutzbare gemeinsame Höhe entsteht.
In einer Wandbohle ist ein kleines Fenster nachgebildet, dessen Größe und Form auf einen Haithabuer Fund zurückgehen. Solche Öffnungen erinnern daran, dass die Häuser nicht einfach moderne Innenräume mit großen Glasfenstern waren.
Licht und Zugang mussten mit den Möglichkeiten der Konstruktion organisiert werden. Auch Flechtwerkwände konnten kleine Öffnungen besitzen.
Die kleine zentrale Feuerstelle wird mit einer handwerklichen Nutzung verbunden. Die heutige Einrichtung zeigt Perlenherstellung und Metallguss. Das ist eine exemplarische Deutung des Raums, keine vollständig erhaltene Werkstattaufnahme.
Eine genaue technische Darstellung muss unterscheiden, was als Baurest vorhanden war und welche Geräte zur anschaulichen Ergänzung eingefügt wurden. 

Der ungewöhnliche Blockbau

Ein besonders kleines Haus aus den 880er Jahren misst ungefähr 3,2 mal 2,6 Meter. Seine Wände bestanden aus waagerecht übereinandergelegten Hölzern, die an den Ecken miteinander verbunden wurden.
Für einen solchen Blockbau wäre gerade gewachsenes Nadelholz günstig gewesen. In Haithabu verwendete man hier jedoch Eiche, deren Bearbeitung eine andere Herausforderung stellte.
Die heute gezeigte Rekonstruktion nutzt zugerichtete Eichenbalken und mit Moos abgedichtete Zwischenräume. Sie macht eine im örtlichen Material auffällige Bauweise verständlich.
Aus dem kleinen Grundriss folgt aber nicht, dass ein vollständiger mehrköpfiger Haushalt sein ganzes Leben auf diesen wenigen Quadratmetern verbrachte. Funktion und Nutzung müssen gesondert erschlossen werden.
Das Gebäude wird als Schuhmacherhaus eingerichtet. Schuhe bilden einen wichtigen Teil der Lederfunde; Produktionsabfälle und hölzerne Leisten belegen die örtliche Herstellung. Diese handwerkliche Grundlage ist belastbar.
Die Verbindung sämtlicher dargestellter Arbeiten mit genau diesem Bau ist dagegen ein Vermittlungsmodell. Ein Rekonstruktionsname darf nicht stillschweigend zu einer historischen Eigentümerangabe werden. 

Größere Häuser und innere Ordnung

Ein 852 errichteter Bau mit etwa 79 Quadratmetern Grundfläche hatte ein tragendes Innengerüst aus kräftigen Rundhölzern. Wandfüllungen und tragende Teile erfüllten verschiedene Aufgaben.
Der Raum konnte in Wohn-, Schlaf- und Lagerbereiche gegliedert werden. Für eine Nutzung durch Kaufleute spricht die Möglichkeit, Waren und Aufenthalt zu verbinden; eine sichere Haushaltsbiografie ist damit nicht gewonnen.
Eine größere Halle des 10. Jahrhunderts erreichte rund 108 Quadratmeter. Ihre Konstruktion kombinierte Pfosten und zwischenliegende waagerechte Hölzer, auf denen Teile der Wandfüllung ruhten.
Das Gebäude wurde als einziges der heutigen Hausrekonstruktionen genau an seinem ursprünglichen Standort wiedererrichtet. Die anderen Beispiele wurden wegen ihrer Erhaltung ausgewählt und im heutigen Siedlungsausschnitt versetzt angeordnet.
Ein dreigeteilter Innenraum war keine gleichbedeutende Aufteilung in heutige Wohnzimmer, Schlafzimmer und Küche. Herdstelle, Wirtschaftstätigkeit, Vorräte und Aufenthalt konnten enger zusammenliegen.
Seitliche Podeste werden als Wohn- und Schlafplätze veranschaulicht. Ein Kuppelofen konnte einen eigenen Arbeitsbereich bestimmen. Raumfunktionen sind aus Baubefunden und Gegenständen zu erschließen, nicht aus einem modernen Wohnungsplan. 

Bauen hieß Material organisieren

Eiche spielte als Bauholz eine große Rolle. Gespaltene Stämme konnten mehrere geeignete Bauteile liefern, statt jeden Stamm vollständig als Rundholz einzusetzen. Bei einzelnen Konstruktionen kamen auch andere Hölzer vor.
Die Auswahl hing von Verfügbarkeit und Aufgabe ab. Ein Holzhaus war dadurch weder eine beliebige Hütte noch ein ohne Fachwissen errichtetes Provisorium.
Die Verbindung von Pfosten, Balken und Wandfüllung verlangte unterschiedliche Arbeitsschritte. Baumaterial musste gewonnen, vorbereitet, an den Platz gebracht und passend verbaut werden. Reparaturen setzten diese Arbeit fort.
Ein beschädigtes Bauteil konnte ersetzt werden, ohne dass das ganze Haus neu entstand. Die Stadt blieb deshalb auch nach ihrer Errichtung ein Ort ständiger baulicher Arbeit.
Wer sich Haithabu durch seine Häuser nähert, gewinnt ein vielfältiges Bild. Kleine und große Bauten, unterschiedliche Wandtechniken, Grundstücke und Wege bildeten eine gewachsene Ordnung.
Ein belebter Rundgang wäre eine heutige Vorstellung; die dafür tragfähigen Einzelheiten liegen jedoch in den Hölzern, Maßen und Konstruktionen.
Gerade diese greifbaren Unterschiede schützen vor der eintönigen Kulisse einer vermeintlich überall gleichen Wikingerstadt.