Ferðafólk

Haithabu – Handelsmetropole zwischen Nord- und Ostsee

Verbindungen nach Norden, Osten und Westen

Ein norwegischer Wetzstein, eine rheinische Keramikscherbe und ein Kamm aus Rentiergeweih eröffnen drei unterschiedliche Wege nach Haithabu. Sie lagen nicht zwangsläufig als Ladung desselben Schiffes nebeneinander.
Ihre Herkunft und ihre spätere Nutzung können verschiedene Zeiten und Bewegungen betreffen. Gemeinsam zeigen sie jedoch, wie der Ort in ein Netz überregionaler Kontakte eingebunden war.
Eine Handelskarte macht daraus Linien. Die archäologischen Gegenstände erzählen eine langsamere und kompliziertere Geschichte: Herstellung, Weitergabe, Gebrauch, Reparatur und Verlust.
Ein Objekt konnte mehrere Besitzer und mehrere Zwischenorte haben. Ein weit entfernter Herkunftsraum beweist deshalb nicht, dass ein Haithabuer Kaufmann persönlich bis dorthin reiste.

Nach Norden mit Ohthere

Eine frühe schriftliche Beschreibung verbindet den Handelsplatz mit einer Fahrt des nordischen Reisenden Ohthere. Sein Bericht wurde im Umfeld einer altenglischen Bearbeitung des Orosius überliefert.
Die Fahrt von Kaupang nach Haithabu wird mit fünf Tagen angegeben. Das macht einen konkreten Verkehrsraum sichtbar, liefert aber keinen allgemeingültigen Fahrplan zwischen beiden Häfen.
Fahrtdauer hing vom Verlauf, den Bedingungen und dem Fahrzeug ab. Die überlieferte Zahl darf deshalb weder als feste Reisezeit jedes Händlers noch als Beweis täglicher Verbindungen gelesen werden.
Sie ist wertvoll, weil sie überhaupt eine Route aus der Sicht eines Reisenden erkennen lässt. Andere Gegenstände zeigen zusätzliche Kontakte, die nicht in derselben knappen Reisebeschreibung vorkommen.
Aus norwegischen Vorkommen kamen Wetzsteine und Rohstücke aus Schiefer. Solche Materialien eigneten sich zum Bearbeiten von Schneiden. Sie gehörten damit nicht nur zum Schmuck- oder Luxusverkehr.
In einem Ort mit Metallwerkzeugen und Handwerk war eine brauchbare Oberfläche zum Schärfen eine praktische Ressource.
Im Hafen verloren gegangene Rohlinge und Stücke zeigen, dass die Wege fertiger Geräte und geeigneter Ausgangsmaterialien unterschieden werden müssen. 

Die Reise eines Kamms

Biomolekulare Untersuchungen früher Kämme haben die Vorstellung vom ausschließlich örtlichen Geweihhandwerk verändert. Bei der untersuchten Auswahl bestimmter Kammtypen bestand ein sehr hoher Anteil aus Rentiergeweih.
Dieses Rohmaterial verweist in nördlichere Räume. Viele örtliche Produktionsabfälle zeigen dagegen Rothirschgeweih.
Die Gegenüberstellung stützt die Deutung, dass fertige Kämme aus dem Norden nach Haithabu gelangten und nicht sämtlich dort aus importiertem Rentiergeweih hergestellt wurden.
Entscheidend ist der Vergleich geeigneter Stücke und Zeitstellungen. Der Anteil der untersuchten Kämme darf nicht auf jeden Kamm aus drei Jahrhunderten Stadtgeschichte übertragen werden. Gerade die engere Auswahl macht die Aussage belastbar.
Für eine anschauliche Vorstellung lässt sich die Biografie eines solchen Objekts ohne erfundene Besitzer verfolgen.
Geweih wurde ausgewählt und zerlegt, Plättchen und Leisten wurden bearbeitet, die Teile zusammengesetzt und die Zinken hergestellt. Der fertige Kamm konnte anschließend reisen.
Welche Person ihn kaufte oder trug, ist unbekannt; der handwerkliche Gegenstand selbst zeigt bereits die Verbindung zwischen nördlicher Herstellung und einem südlicheren Absatz- oder Gebrauchsort. 

Fisch aus dem hohen Norden

Auch ein unscheinbarer Fischknochen kann einen langen Weg erschließen. Eine genetische Untersuchung befasste sich mit fünf Dorschproben aus Haithabu.
Die Ergebnisse verbinden sie überwiegend mit dem nordostarktischen Dorschbestand; bei einem Stück ist die Abgrenzung zu einem weiteren norwegischen Bestand weniger eindeutig.
Damit erhielt die ältere Diskussion über nördliche Fischimporte eine eigene naturwissenschaftliche Grundlage.
Die Herkunft liegt weit außerhalb der örtlichen Fanggewässer. Für den Transport über solche Entfernungen ist konservierter Fisch plausibel; die Untersuchung verbindet den Befund mit der frühen Verbreitung getrockneten Dorschs.
Die DNA misst allerdings keine Trocknung und keine Verkaufsmenge. Auch ein Transport als Schiffsvorrat ist für einen einzelnen Fund nicht ausgeschlossen.
Belegt ist eine weitreichende Verbindung, nicht die vollständige Handelsbilanz des Hafens.
Das Ergebnis ergänzt den Bericht Ohtheres, ohne ihn zu illustrieren wie eine erhaltene Frachtliste. Die untersuchten Fische sind nicht nachweislich seine Ladung.
Ihre Bedeutung liegt gerade in der unabhängigen Gegenprüfung: Ein schriftlich beschriebener Verkehrsraum und biologische Herkunftsdaten zeigen auf verschiedene Weise Kontakte zum hohen Norden. 

Nach Osten mit Wulfstan

Wulfstans Bericht führt von Haithabu nach Truso im östlichen Ostseeraum. Die Überlieferung nennt eine Fahrt von sieben Tagen und Nächten. Wie bei Ohthere ist dies keine zeitlose Standarddauer.
Die Nachricht zeigt aber, dass Haithabu als Ausgangspunkt einer konkreten Ostseereise erscheint und damit in schriftlich beschriebenen Verbindungen mehr ist als ein namenloser Zwischenhalt.
Die Ostsee war ein Raum unterschiedlicher Küsten und Gemeinschaften. Verbindungen zu östlichen Handelsplätzen konnten weiterführende Wege in Flusslandschaften eröffnen.
Daraus folgt nicht, dass jede in Haithabu gefundene östliche Münze dieselbe bekannte Route nahm. Münzen konnten zirkulieren, gesammelt, geteilt und weit später verloren werden. Ihr Herkunftsraum und ihr letzter Weg sind verschiedene Fragen.
Auch Schmucksteinperlen verbinden den Ort mit weitreichendem Austausch. Karneol wird in der Hafenpublikation als Importmaterial aus weiter östlich beziehungsweise südöstlich gelegenen Herkunftsräumen behandelt.
Bei der Bewertung bleibt zu unterscheiden, ob Rohmaterial, Halbprodukte oder fertiger Schmuck ankam. Die Funde erlauben nicht für jedes Stück eine vollständige Reise über sämtliche Zwischenhändler. 

Nach Westen mit Keramik und Schiffsladungen

Die westlichen Verbindungen sind an importierter Keramik sichtbar. Badorfer Ware und Reliefbandamphoren aus dem rheinischen Raum gehören zum Hafenspektrum. Solche Gefäße waren zugleich Gegenstände und mögliche Transportbehälter.
Ohne analysierten Inhalt lässt sich jedoch nicht für jede Scherbe behaupten, was ursprünglich darin befördert wurde.
Spätere Pingsdorfer Keramik erscheint in der Hafenauswertung schwächer. Eine Deutung könnte auf veränderte Handelsbeziehungen zielen.
Doch Gewichtsanteile verschiedener Keramiksorten sind dafür ein problematisches Maß: Eine dickwandige große Amphore produziert mehr Scherbengewicht als ein kleineres dünnwandiges Gefäß.
Die Fundverteilung muss deshalb mit Materialeigenschaften und Erhaltungsbedingungen gelesen werden.
Die Landenge schuf zusätzlich einen Anschluss an die Nordseeverbindungen. Ladungen konnten auf die Wege zu Treene und Eider übergehen. Dieser Anschluss machte die Schlei zu einem Teil einer größeren Passage.
Haithabu konnte dabei Waren übernehmen, verarbeiten, verbrauchen oder weitergeben. Eine universelle Liste, welche Ware immer in welche Richtung ging, ist nicht überliefert. 

Nicht nur Handel brachte Fremdes an den Ort

Ein auffälliger Gegenstand musste nicht gekauft worden sein. Er konnte als Geschenk, Beute, Erbstück oder persönlicher Besitz eines Reisenden eintreffen. Die Museumsdarstellung hebt diese unterschiedlichen Möglichkeiten ausdrücklich hervor.
Der einzelne Fund wird deshalb erst durch Zusammenhang, Zustand und Vergleich zum belastbaren Hinweis auf einen bestimmten Vorgang.
Ringkopfnadeln zeigen etwa Verbindungen in den nordatlantischen beziehungsweise irisch geprägten Raum. Ihre Form eröffnet einen regionalen Vergleich.
Sie nennt nicht automatisch die Sprache oder rechtliche Zugehörigkeit der Person, die das Stück zuletzt besaß. In einer vernetzten Stadt konnten fremde Formen übernommen und Gegenstände weitergegeben werden.
Fernhandel veränderte damit nicht nur den Inhalt von Lagerräumen. Er schuf Begegnungen zwischen Dingen, Techniken und Gewohnheiten.
Neue Materialien mussten verarbeitet, ungewohnte Münzen bewertet und fremde Gegenstände in den Alltag eingeordnet werden. Wie solche Begegnungen im Einzelfall verliefen, wissen wir nicht.
Ihre Folgen lassen sich aber an einer materiellen Vielfalt erkennen, die weit über die unmittelbare Umgebung der Schlei hinausweist. 

Ein Netz verändert sich

Haithabus Kontakte waren nicht über drei Jahrhunderte dieselben. Politische Verhältnisse, verfügbare Materialien und Verkehrsplätze wandelten sich. Auch die Stadt selbst wurde umgebaut. Ein Fund aus dem frühen 9.
Jahrhundert und ein Gegenstand aus der Endphase dürfen deshalb nicht ohne Kennzeichnung zu einem einzigen Handelsjahr zusammengestellt werden.
Die Stärke Haithabus bestand in seiner Verbindung unterschiedlicher Räume. Norden, Osten und Westen waren dabei keine abgeschlossenen Warenwelten. Kontakte konnten sich kreuzen, überlagern und auf neuen Wegen fortsetzen.
Der Blick auf konkrete Funde macht dieses Netz verständlich, ohne die fehlenden Etappen mit erfundenen Reisen auszufüllen.