Ferðafólk

Haithabu – Handelsmetropole zwischen Nord- und Ostsee

Kulturelle Begegnungen ohne einfache Volksschubladen

In Haithabu konnte ein Gegenstand weiter gereist sein als sein letzter Besitzer.
Eine Münze mit fremder Schrift, ein Gefäß aus einem anderen Herstellungsraum oder eine regional auffällige Nadel gelangten an die Schlei und wurden dort benutzt, weitergegeben oder verloren.
Die kulturelle Vielfalt der Stadt beginnt deshalb bei konkreten Dingen. Sie endet nicht mit dem Versuch, jedes Ding einem einzigen Volk zuzuordnen.
Die Lage zwischen skandinavischen, friesischen, sächsischen und slawischen Räumen war eine Voraussetzung für Begegnungen.
Diese Bezeichnungen beschreiben historische Zusammenhänge, keine unveränderlichen, voneinander abgeschlossenen Lebenswelten. Einzelne Menschen konnten Beziehungen in mehrere Richtungen besitzen.
Handel und politische Konflikte überquerten dieselben Grenzen auf unterschiedliche Weise.

Eine fremde Form ist keine Personenkarte

Ringkopfnadeln gehören zu den Gegenständen, deren Formen weiträumige Vergleiche erlauben. Einige werden mit irisch beziehungsweise nordatlantisch geprägten Traditionen verbunden.
Eine solche Form kann an Kleidung Verwendung finden und zugleich als beweglicher Gegenstand gehandelt werden. Sie nennt weder Muttersprache noch Herkunft des Menschen, der sie zuletzt besaß.
Dasselbe gilt für Keramik. Ein importiertes Gefäß zeigt eine Verbindung zu seinem Herstellungsraum. Sein Besitzer konnte aus Haithabu selbst stammen, von anderswo zugezogen sein oder nur zeitweise anwesend sein.
Selbst ein Gegenstand in einem Grab beschreibt nicht automatisch eine klare ethnische Identität. Die Auswahl der Bestattenden und mögliche lange Besitzgeschichten gehören zur Deutung.
Ein Fundstück darf deshalb nicht wie ein Ausweis gelesen werden. Die Versuchung ist besonders groß, wenn seine Gestaltung auffällig oder mit einer bekannten Region verbunden ist.
Für die Stadtgeschichte ist der sicherere Ansatz, zunächst Bewegung, Herstellung und Gebrauch zu untersuchen. Aussagen über die Menschen müssen sich daran anschließen, statt von Anfang an festzustehen. 

Dinge konnten auf verschiedenen Wegen ankommen

Handel ist eine wichtige Erklärung für Importe, aber nicht die einzige. Geschenke konnten politische oder persönliche Beziehungen begleiten. Beute konnte nach einer kriegerischen Unternehmung weitergegeben werden.
Reisende konnten eigene Dinge mitbringen, ohne sie je verkaufen zu wollen. Ein Gegenstand aus einem weit entfernten Raum belegt deshalb nicht für sich allein ein regelmäßig gehandeltes Sortiment.
Haithabus Hafenmaterial zeigt diese Schwierigkeit besonders deutlich. Eine vollständig erhaltene Ware an einer Anlage kann als Umschlagverlust gedeutet werden.
Ein benutztes, zerbrochenes Haushaltsgefäß im offenen Wasser kann eher mit Abfall zusammenhängen. Der Zustand verändert die mögliche Geschichte. Form und Herkunft reichen allein nicht aus.
In einer anschaulichen Rekonstruktion könnten unterschiedliche Materialien nebeneinander erscheinen. Ein solches Nebeneinander sollte nicht vortäuschen, dass alle Stücke aus demselben Fundensemble stammen.
Es erläutert die Vielfalt des Ortes. Die Zusammenstellung wird historisch überzeugender, wenn Datierungen und Funktionen zusammenpassen und zeitlich weit auseinanderliegende Dinge nicht zu einem einzigen Haushalt verschmolzen werden. 

Techniken lassen sich übertragen

Begegnung betraf auch die Art, Dinge herzustellen. Handwerker konnten fremde Formen sehen, geeignete Materialien erhalten und bestimmte Lösungen übernehmen.
Ein am Ort bearbeitetes Produkt musste deshalb nicht eine seit Langem ausschließlich örtliche Tradition fortsetzen. Die Kombination von Rohstoff, Werkzeugspuren und Gestaltung kann zeigen, wo sich solche Fragen stellen.
Die Kammforschung bietet ein besonders konkretes Beispiel. Fertige frühe Kämme aus Rentiergeweih und örtliche Bearbeitungsabfälle aus Rothirschgeweih lassen unterschiedliche Produktions- und Austauschwege erkennen.
Die Stadt war damit nicht nur Empfängerin fremder Waren und nicht nur eine vollständig aus örtlichen Rohstoffen arbeitende Werkstatt. Beide Funktionen konnten gleichzeitig bestehen.
Auch bei Glas und Metall begegnen Ausgangsmaterial und fertige Form. Importiertes Glas konnte am Ort weiterverarbeitet werden.
Einheimische Produktion bedeutet in diesem Fall nicht, dass sämtliche Bestandteile aus der unmittelbaren Umgebung kamen.
Für eine kulturelle Einordnung ist diese Trennung wichtig: Rohstoffherkunft, Werkstattort und gestalterisches Vorbild können drei verschiedene Räume betreffen. 

Kleidung war beweglich und veränderbar

Textilien, Schmuck und Nadeln konnten auf Reisen getragen und später ergänzt oder verändert werden. Die erhaltenen Stoffreste zeigen nur Ausschnitte solcher Zusammenhänge.
Ein kleines Fragment liefert keine vollständige Tracht mit eindeutig festgelegter regionaler Zugehörigkeit. Eine historische Darstellung muss ihre Ergänzungen sichtbar begründen.
Der weite Austausch macht deshalb eine Haithabuer Uniform unwahrscheinlich. Aus dieser allgemeinen Vielfalt folgt allerdings keine Freiheit, beliebige Stücke des 8. bis 11. Jahrhunderts zusammenzustellen.
Zeitstellung, Verfügbarkeit und Funktion begrenzen eine plausible Kombination. Gerade ein kulturell vernetzter Ort benötigt sorgfältige Auswahl, wenn seine Bewohner anschaulich rekonstruiert werden sollen.
Auch Rang kann wichtiger sein als eine vermeintlich eindeutige Herkunft. Ein kostbares Stück lässt einen hohen materiellen Aufwand erkennen, während ein gewöhnliches Werkzeug andere Tätigkeiten beschreibt.
Die jeweilige Aussage hängt von Zusammenhang und Gebrauch ab. Ein importierter Schmuckgegenstand musste nicht für jeden Bewohner erreichbar sein. 

Sprache und Schrift sind nur ausschnittweise überliefert

Die Ortsnamen Haithabu und Schleswig erscheinen in unterschiedlichen sprachlichen Formen. Die verschiedenen Benennungen zeigen Kontakte und unterschiedliche Perspektiven auf denselben beziehungsweise einen später verlagerten Ort.
Sie liefern aber keine vollständige Liste der im Alltag gesprochenen Sprachen.
Runensteine bewahren örtlich bezogene Namen und Beziehungen. Fremde Münzinschriften bewahren die Schrift ihres Prägeraums. Beides ist wertvoll, aber nicht gleichbedeutend.
Eine Münze konnte angenommen werden, ohne dass ihr Besitzer jede Zeile lesen konnte. Ein Runendenkmal ist eine bewusst gesetzte Erinnerung, kein Durchschnittsmaß der Lesefähigkeit sämtlicher Einwohner.
Für Gespräche im Hafen haben wir keine Tonaufnahmen und keine direkte Alltagsschilderung aller Beteiligten. Eine Szene mit erfundenem Dolmetscher und genau bekanntem Streitgespräch würde deshalb über die Überlieferung hinausgehen.
Was sich sicherer darstellen lässt, ist die Notwendigkeit, Dinge und Erwartungen in einem vernetzten Verkehrsraum zusammenzubringen. 

Begegnung bedeutete nicht gleiche Stellung

Kulturelle Vielfalt ist kein Beweis konfliktfreien Zusammenlebens. Königliche Macht, ungleicher Besitz und Unfreiheit gehörten ebenso zur Stadtgeschichte.
Der Handel mit Menschen zeigt, dass manche Personen nicht aus eigener Entscheidung in einen Austauschraum gelangten. Ihre Anwesenheit darf nicht als gleichberechtigte internationale Mobilität beschrieben werden.
Auch religiöse Unterschiede und politische Zugehörigkeiten konnten Bedeutung besitzen. In welcher Weise sie den Alltag einzelner Nachbarn bestimmten, ist nur ausschnittweise erkennbar.
Die Stadt lässt sich daher weder als dauernder ethnischer Konflikt noch als frühmittelalterliches Ideal vollständiger Toleranz darstellen. Beide Bilder würden mehr Gewissheit behaupten, als die Zeugnisse erlauben.
Haithabus kulturelle Geschichte liegt in den Verbindungen. Gegenstände wurden bewegt, Formen verstanden, Materialien verarbeitet und Beziehungen verändert. Die Menschen dahinter sind nur teilweise sichtbar.
Gerade deshalb ist eine Beschreibung ohne starre Volksschubladen genauer: Sie folgt den nachweisbaren Begegnungen, statt jeder Bohle, Perle und Nadel von vornherein eine unveränderliche Identität zuzuweisen.