Ferðafólk

Auf den Spuren der Rus und Waräger

Glaube, Götter und Opfer

Ein Anhänger in Form eines Hammers, eine ungewöhnliche Niederlegung oder ein Bericht über ein Opfer können uns der religiösen Welt der Rus näherbringen. Sie ergeben jedoch kein vollständiges Glaubenssystem.
Die Menschen entlang der osteuropäischen Handelswege begegneten unterschiedlichen religiösen Traditionen. Skandinavische Vorstellungen, örtliche Praktiken und die Kontakte mit christlichen und muslimischen Gesellschaften gehörten zu einer Welt, in der Austausch nicht nur Waren betraf.
Welche Götter und Rituale lassen sich nachweisen? Was erzählen fremde Beobachter? Und wann erklären wir einen Fund vorschnell als religiös?
Wer diese Fragen beantworten möchte, muss zwischen einer Handlung, ihrer möglichen Bedeutung und einer viel später aufgeschriebenen Erzählung unterscheiden. Gerade Religion ist ein Bereich, in dem das Vertraute häufig mehr Sicherheit vermittelt, als die Quellen tatsächlich bieten.

Religion in einer Welt der Kontakte

Die Welt der Rus war kein abgeschlossener Raum. Menschen konnten unterschiedlichen Traditionen begegnen, ohne diese sofort vollständig zu übernehmen.
Deshalb ist es hilfreich, nicht mit einer einheitlichen Religion aller Rus zu beginnen. Zunächst sollten bestimmte Orte, Gruppen und Zeiträume betrachtet werden.
Welche religiösen Zeichen sind dort gefunden worden? Welche Quellen beschreiben dortige Handlungen? Welche Veränderungen lassen sich beobachten?
Ein solcher Zugang macht Unterschiede sichtbar. Er verhindert auch, dass aus skandinavischen Mythen eine vollständige Erklärung osteuropäischer Funde entsteht.
Die Verbindung zwischen Handelskontakten und religiösen Veränderungen ist eine historische Frage. Sie darf nicht allein aus der gemeinsamen Anwesenheit unterschiedlicher Gegenstände beantwortet werden.

Warum religiöse Handlungen schwer zu erkennen sind

Archäologische Gegenstände tragen ihre Bedeutung selten als eindeutige Erklärung bei sich. Ein ungewöhnlicher Fund kann mit Religion zusammenhängen, aber auch andere Ursachen besitzen.
Für eine Deutung zählen deshalb Lage, Wiederholung, Auswahl und Behandlung der Gegenstände. Ebenso wichtig sind mögliche gewöhnliche Erklärungen.
Die Aussage rituelle Niederlegung sollte am Befund erläutert werden. Sie darf nicht nur bedeuten, dass uns ein Gegenstand rätselhaft erscheint.
Selbst wenn eine besondere Handlung wahrscheinlich ist, bleibt ihre genaue religiöse Bedeutung möglicherweise offen. Eine bewusst niedergelegte Waffe verrät nicht von selbst, welcher Gott angesprochen wurde oder welche Worte dabei gesprochen wurden.

Die schriftlichen Quellen und ihre Perspektiven

Viele schriftliche Angaben stammen von Menschen, die die Rus von außen beschrieben. Ihre eigenen religiösen Vorstellungen beeinflussten Auswahl und Bewertung.
Ein muslimischer Reisender, ein byzantinischer Autor und ein christlicher Chronist der Rus stellten unterschiedliche Fragen. Was der eine ausführlich schilderte, konnte für den anderen unwichtig sein.
Eine belastbare Auswertung beginnt deshalb mit dem Verfasser und der Entstehungssituation. War er Augenzeuge? Verwendete er ältere Berichte? War eine Übersetzung nötig?
Danach ist die Reichweite der Aussage zu bestimmen. Eine beschriebene Handlung kann für eine bestimmte Gruppe belegt sein, ohne dass sie überall verbreitet gewesen sein muss.

Perun in der Überlieferung der Rus

Perun erscheint in der schriftlichen Überlieferung als bedeutende Gottheit der vorchristlichen Rus. Besonders die Chronikerzählung über Vladimir und seine religiösen Maßnahmen macht den Namen sichtbar.
Doch der Text ist nicht als zeitgenössisches Glaubenshandbuch überliefert. Seine christliche Perspektive und sein zeitlicher Abstand müssen berücksichtigt werden.
Für die Darstellung ist deshalb genauer, von einem in der Überlieferung genannten Gott zu sprechen, als jedes unbekannte Kultobjekt unmittelbar Perun zuzuweisen.
Auch ein Herrscherbericht beschreibt zunächst das politische und religiöse Umfeld, auf das sich der Chronist konzentriert. Welche Bedeutung die Gottheit für einzelne Haushalte oder andere Regionen hatte, ist damit nicht vollständig beantwortet.

Götterlisten sind keine vollständigen Glaubenssysteme

Eine Liste benannter Gottheiten wirkt übersichtlich. Sie kann den Eindruck erwecken, eine Gesellschaft habe einen verbindlichen und überall gleichen Bestand an Göttern besessen.
Historisch ist eine solche Schlussfolgerung jedoch erklärungsbedürftig. Eine Aufzählung in einem bestimmten Text kann aus ihrem Erzählzweck entstehen oder ein herrschaftliches Umfeld betreffen.
Aus ihr lassen sich nicht automatisch Rangordnung, Zuständigkeiten und alltägliche Verehrung ableiten.
Besonders problematisch wird es, wenn moderne Tabellen lückenhafte Angaben zu einem geschlossenen System ergänzen. Ein Vergleich zwischen unterschiedlichen Traditionen kann nützlich sein. Er sollte aber als Vergleich erscheinen und nicht als Beweis, dass verschiedene Gottheiten für ihre Verehrer austauschbar waren.

Skandinavische Überlieferung und die Edda

Die altnordischen Mythen helfen, Namen und Vorstellungen aus dem skandinavischen Raum zu untersuchen. Ihre erhaltene schriftliche Gestalt entstand jedoch vielfach lange nach der frühen Wikingerzeit.
Ein überlieferter Text kann ältere Stoffe bewahren und zugleich durch spätere Auswahl und Bearbeitung geprägt sein.
Für die Rus des 9. und 10. Jahrhunderts ist deshalb ein weiterer Schritt nötig: Gibt es einen konkreten Hinweis, dass eine bestimmte Vorstellung dort bekannt war?
Ein Gegenstand skandinavischer Form allein beantwortet diese Frage nicht vollständig. Die Edda ist keine unmittelbare Beschreibung eines Kultes in Ladoga oder Gnezdowo.
Gerade bekannte Geschichten sollten mit ihrem tatsächlichen Überlieferungszusammenhang erklärt werden.

Hammeranhänger und andere Zeichen

Ein als Thorhammer bestimmter Anhänger kann ein wichtiger Hinweis auf skandinavische religiöse Verbindungen sein. Seine Form ist Teil der Untersuchung; Fundkontext und Datierung gehören ebenso dazu.
Die persönliche Bedeutung bleibt dennoch nicht in jedem Fall eindeutig. Ein Anhänger konnte sichtbar getragen werden, verschenkt worden sein oder eine besondere Bedeutung in einer Bestattung besitzen.
Für eine historische Darstellung ist deshalb eine fundbezogene Erklärung besser als die Behauptung, jeder Waräger müsse einen solchen Anhänger tragen.
Auch die Zusammenstellung verschiedener Zeichen braucht Begründung. Die praktische Möglichkeit, sie an derselben Kette zu befestigen, ist kein Nachweis einer historischen Kombination.

Ibn Faḍlān und die Bitten von Händlern

Ibn Faḍlāns Bericht beschreibt bei den Rus an der Wolga auch Handlungen, die mit Handelsgeschäften und Bitten an verehrte Figuren verbunden werden.
Damit werden religiöse Vorstellungen in einem konkreten wirtschaftlichen Zusammenhang sichtbar. Es geht nicht nur um große Herrscher oder außergewöhnliche Bestattungen.
Dennoch sollten Einzelheiten des Berichtes nicht zu einer allgemeinen Kultordnung ausgeweitet werden. Der Beobachter schildert die Gruppe, der er begegnet, und erklärt sie für seine Leser.
Für uns liegt der Wert darin, Handlung und Lebenssituation zusammenzusehen. Ob dieselbe Praxis an anderen Handelsplätzen bestand und wie die Beteiligten sie selbst benannten, sind weitere Fragen.

Opfer, Gabe und gesellschaftliche Beziehung

Bei der Verwendung des Wortes Opfer sollte geklärt werden, welche Handlung damit gemeint ist. Das Niederlegen eines Gegenstandes, das Töten eines Tieres und ein gemeinschaftliches Mahl sind unterschiedliche Vorgänge.
Sie können miteinander verbunden sein, müssen es aber nicht in jedem Befund sein.
Für die Untersuchung interessieren deshalb sowohl die angesprochene religiöse Macht als auch die Beziehungen zwischen den Beteiligten. Wer organisiert die Handlung? Wer stellt Gegenstände oder Tiere bereit? Wer darf teilnehmen?
Diese Fragen erweitern die Deutung, ohne unbelegte Einzelheiten zu ergänzen. Religion erscheint dann nicht nur als Sammlung von Götternamen, sondern als Teil konkreter sozialer Handlungen.

Gemeinschaftliche Feste und spätere Berichte

Die skandinavische Überlieferung beschreibt Opferfeste, bei denen Essen, Trinken und religiöse Handlungen zusammengehören. Das dänische Nationalmuseum erläutert diese Tradition anhand schriftlicher und archäologischer Zeugnisse.
Für eine Rekonstruktion muss jedoch jeweils geklärt werden, aus welcher Zeit die ausführliche Beschreibung stammt. Ein später erzählter Ablauf ist nicht automatisch ein vollständiges Protokoll eines früheren Festes.
Noch weniger lässt er sich ohne zusätzliche Belege auf jede Gemeinschaft der Rus übertragen.
Ein historisch erklärendes Fest kann solche Berichte vorstellen. Wenn einzelne Handlungen daraus nachgestellt werden, sollten ihre Herkunft und die modernen Ergänzungen sichtbar bleiben.

Religiöse Spezialisten und ihre Deutung

Ungewöhnliche Bestattungsgegenstände können Anlass geben, nach besonderen religiösen Rollen zu fragen. Auch Schriftquellen kennen Menschen mit besonderen Fähigkeiten oder Aufgaben.
Die Verbindung beider Quellengruppen verlangt Sorgfalt. Ein Stab ist nicht allein durch seine Form der sichere Besitz einer Seherin; eine auffällige Bestattung legt nicht die genaue Tätigkeit der bestatteten Person offen.
Für die Rus sollte daher nicht jedes skandinavische Modell einer religiösen Spezialistin übernommen werden.
Eine vorsichtige Deutung nennt zunächst die beobachteten Gegenstände. Danach erklärt sie, weshalb eine religiöse Interpretation vorgeschlagen wurde und welche anderen Möglichkeiten oder offenen Fragen bestehen bleiben.

Gewalt und Menschenopfer

Die Quellen über religiöse Gewalt müssen weder verschwiegen noch zu einem allgemeinen Merkmal jeder Gemeinschaft gemacht werden. Besonders Ibn Faḍlāns Bestattungsbericht enthält die Tötung einer unfreien Frau.
Das ist ein schwerwiegender Bestandteil der geschilderten Handlung. Die soziale Abhängigkeit der Frau gehört zur Erklärung und darf nicht durch eine romantische Erzählung über freiwillige Hingabe ersetzt werden.
Zugleich bleibt es ein Bericht über eine bestimmte Bestattung. Er beweist nicht, dass dieselbe Handlung bei jedem Tod eines Rus ausgeführt wurde.
Die genaue historische Reichweite lässt sich nur im Vergleich mit weiteren Quellen und sorgfältig untersuchten Bestattungen diskutieren.

Christliche Zeichen vor der großen Wende

Die Hinwendung Vladimirs zum Christentum um 988 ist eine wichtige Zäsur. Sie bedeutet jedoch nicht, dass christliche Kontakte und einzelne Christen vorher vollständig fehlten.
Für jeden früheren Hinweis müssen Datierung und Zusammenhang geprüft werden. Ein Kreuz kann Fragen nach persönlicher Zugehörigkeit, Handel oder der Bedeutung einer Beigabe aufwerfen.
Das bloße Nebeneinander unterschiedlicher Zeichen beweist außerdem nicht von selbst ein ausgearbeitetes Mischsystem.
Eine historische Darstellung sollte daher zwischen dem Vorhandensein eines Gegenstandes und der religiösen Selbstbeschreibung seines Trägers unterscheiden. Neue Glaubensformen konnten in unterschiedlichen Lebensbereichen mit unterschiedlicher Geschwindigkeit Bedeutung gewinnen.

Veränderungen waren örtlich und zeitlich verschieden

Religiöser Wandel lässt sich selten als gleichzeitiger Austausch aller Vorstellungen beschreiben. Menschen, Orte und gesellschaftliche Bereiche können unterschiedliche Entwicklungen zeigen.
Für die Rus sind deshalb nicht allein die Entscheidungen eines Fürsten wichtig. Auch Bestattungen, Gebäude, schriftliche Praxis und persönliche Zeichen gehören zur Untersuchung.
Sie geben allerdings keine unmittelbare Auskunft darüber, was ein einzelner Mensch im Innersten glaubte.
Wer Veränderungen beschreibt, sollte die jeweils beobachtbare Ebene nennen: eine neue öffentliche Praxis, ein bestimmtes Zeichen oder eine veränderte institutionelle Ordnung.
Das ist genauer als die Behauptung, eine gesamte Bevölkerung habe an einem bestimmten Tag dieselben Überzeugungen angenommen.

Religion in einer heutigen Darstellung erklären

Eine Darstellung religiöser Praktiken sollte von einem klar benannten Zeugnis ausgehen. Ein Anhänger kann einen Fund vorstellen; ein vorgelesener Bericht kann seine Perspektive erklären.
Für nicht belegte Gebete, Gesten und Zeremonien ist eine Kennzeichnung als moderne Ergänzung erforderlich. Ein überzeugender Ablauf wird nicht dadurch historisch, dass er feierlich wirkt.
Ebenso sollte eine heutige religiöse Praxis nicht als unveränderte Fortsetzung eines mittelalterlichen Rituals ausgegeben werden.
Die offene Erklärung dieser Unterschiede nimmt der Darstellung nichts. Sie erlaubt dem Publikum vielmehr, zwischen einem erhaltenen Zeugnis und unserem Versuch, es anschaulich zu machen, zu unterscheiden.

Die Grenzen eines vermeintlich einheitlichen Glaubens

Eine vollständige Karte religiöser Überzeugungen der frühen Rus besitzen wir nicht. Die erhaltenen Quellen sind nach Ort, Zeit und Perspektive ungleich verteilt.
Deshalb können einzelne Namen und Praktiken gut greifbar sein, während ihre Bedeutung für andere Gruppen offen bleibt.
Diese Lücken sollten nicht mit einem beliebigen Gemisch aus skandinavischen Mythen, slawischen Götterlisten und heutigen Vorstellungen gefüllt werden.
Ein historisch fundiertes Bild ist weniger geschlossen, dafür nachvollziehbarer. Es zeigt Menschen in konkreten Situationen und erklärt, welche Teile ihrer religiösen Welt wir beobachten können.
Gerade das Nebeneinander unterschiedlicher Zeugnisse ist ein Ergebnis der Untersuchung, kein Fehler, der durch Vereinheitlichung beseitigt werden müsste.

Glaube zwischen Handlung und Überlieferung

Religion begegnet uns in Gegenständen, Berichten und späteren Erzählungen. Jede dieser Quellen öffnet einen anderen Ausschnitt der Vergangenheit.
Aus ihrer Verbindung entstehen begründete Deutungen, aber kein vollständiger Einblick in sämtliche Vorstellungen eines Menschen.
Für die Welt der Rus ist deshalb die sorgfältige Eingrenzung entscheidend. Eine bestimmte Beobachtung ist wertvoller als ein vermeintlich lückenloses Glaubenssystem, dessen Einzelheiten nicht belegt sind.
Weiter in Kapitel 17: Tod und Bestattung.
Im nächsten Kapitel betrachten wir Bestattungsformen, Grabbeigaben und die Frage, was die Behandlung der Toten über die Lebenden aussagen kann.