Ferðafólk

Haithabu – Handelsmetropole zwischen Nord- und Ostsee

Größe, Ausbau und die Grenzen der Einwohnerzahlen

Eine große Stadt lässt sich auf verschiedene Weise messen. Für Haithabu kann damit die umwallte Fläche gemeint sein, der weitere Siedlungskomplex, die Ausdehnung der Hafenanlagen oder die Zahl der Menschen.
Diese Größen gehören zusammen, sind aber nicht austauschbar. Ein weiter Hafen macht nicht jeden angrenzenden Quadratmeter zu dicht bebautem Wohnraum; ein großer Siedlungsbereich liefert noch keine verlässliche Einwohnerliste.
Die neuere Forschungsdarstellung nennt ungefähr 25,5 Hektar innerhalb des rund 1,3 Kilometer langen Halbkreiswalls. Für den umfassenderen Siedlungskomplex wird eine Größenordnung von etwa 70 Hektar angegeben.
Ältere Veröffentlichungen beschreiben die umwallte Fläche teilweise mit rund 27 Hektar. Solche gerundeten oder unterschiedlich abgegrenzten Flächenangaben müssen in ihrem Bezug gelesen werden.
Sie sind keine unmittelbar vergleichbaren exakten Vermessungen sämtlicher gleichzeitig bewohnter Grundstücke.

Eine Stadt in der Fläche lesen

Der Wall gibt zunächst einen räumlichen Rahmen. Innerhalb dieses Rahmens lagen Häuser, Wege, Grundstücke und unterschiedlich genutzte Bereiche. Der Bach und die Verbindung zum Ufer strukturierten das Gelände.
Außerhalb lagen weitere Spuren von Besiedlung und Bestattung. Wer Haithabu nur mit dem heutigen Wallinneren gleichsetzt, verkleinert seine frühe und seine umfassendere Geschichte.
Die Stadtfläche war auch nicht eben. In den tieferen, feuchteren Bereichen blieben organische Materialien besonders gut erhalten. Höhere Lagen weisen andere Erhaltungsbedingungen auf.
Ein moderner Fundplan kann dadurch in einem Bereich dichter und in einem anderen ärmer erscheinen, ohne dass die historische Nutzung ebenso ungleich verteilt gewesen sein muss. Erhaltung ist ein Teil der Erklärung.
Dazu kommen spätere Eingriffe. Nach der Aufgabe der Stadt wurde das Gelände anders genutzt, unter anderem landwirtschaftlich. Gerade jüngere oder höher liegende Überreste konnten verändert oder beschädigt werden.
Ein schwach erhaltener später Befund bedeutet deshalb nicht zwingend, dass an der Stelle schon lange vor dem Ende keine Tätigkeit mehr stattfand.

Was Magnetometer sichtbar machen

Seit 2002 wurden umfangreiche geophysikalische Untersuchungen durchgeführt. Ein Projekt erfasste etwa 29 Hektar innerhalb und außerhalb des Walls.
Im Messbild treten Strukturen hervor, deren physikalische Eigenschaften sich vom umgebenden Boden unterscheiden. Regelmäßige Gruppen entlang von Wegen liefern Hinweise auf eine geordnete Bebauung und Parzellierung.
Die Messung ist keine Fotografie der Häuser. Eine rechteckige Auffälligkeit kann einen eingetieften Bau anzeigen, muss aber anhand weiterer Beobachtungen bewertet werden.
Bei einer späteren Kontrollgrabung wurden als Grubenhäuser angesprochene Strukturen tatsächlich freigelegt. Andere Auffälligkeiten erwiesen sich erst durch die Ausgrabung als tiefe, zeitweise wasserführende Anlagen.
Die Deutung war also teilweise richtig und musste teilweise präzisiert werden.
Solche Verfahren erweitern den Blick über die kleinen vollständig ausgegrabenen Ausschnitte hinaus. Sie erlauben es, Strukturen im noch geschützten Boden zu erfassen.
Sie liefern allerdings nicht für jede Struktur Baujahr, Nutzungsdauer und Bewohnerzahl. Ein Stadtbild mit allen magnetisch sichtbaren Häusern als gleichzeitig bewohnten Gebäuden wäre eine unzulässige Verdichtung vieler Jahrhunderte. 

Ein Grundstück, mehrere Häuser

An derselben Stelle konnten nacheinander verschiedene Gebäude entstehen. Ein Haus wurde repariert, ein anderes ersetzt, ein Grundstück anders genutzt.
Wenn mehrere Grundrisse in einem Grabungsplan übereinander liegen, muss zuerst ihre zeitliche Folge geklärt werden. Erst danach lässt sich eine bestimmte Phase der Bebauung rekonstruieren.
Die bekannten Häuser zeigen zudem große Größenunterschiede. Ein kleines als Schuhmacherhaus veranschaulichtes Gebäude besitzt ungefähr acht Quadratmeter Grundfläche. Eine größere Halle liegt bei etwa 108 Quadratmetern.
Dazwischen stehen Bauten mit rund 19, 66, 79 oder 101 Quadratmetern. Diese Beispiele stammen nicht alle aus demselben Jahr und sind keine statistische Stichprobe sämtlicher Häuser. Sie machen aber die Vielfalt deutlich.
Aus der Grundfläche allein lässt sich kein Haushalt zählen. Ein Raum konnte zum Arbeiten, Lagern, Schlafen oder für mehrere Tätigkeiten dienen. Zeitweise Gäste und dauerhaft Wohnende mussten nicht dieselben Personen sein.
Auch die mögliche Aufnahme von Reisenden in größeren Gebäuden ist eine Deutung, keine erhaltene Belegungsliste. Jede Einwohnerrechnung hängt daher an Annahmen, die offengelegt werden müssten. 

Wachstum ist mehr als eine wachsende Zahl

Haithabus Entwicklung lässt sich am Ausbau von Infrastruktur verfolgen. Größere und miteinander verbundene Hafenanlagen boten zusätzliche Arbeitsflächen.
Wege erschlossen Grundstücke; handwerkliche Tätigkeiten konzentrierten sich in bestimmten Bereichen. Das erforderte Material und Arbeit.
Eine solche Stadt war in ihren baulichen Möglichkeiten deutlich komplexer als ein kleiner saisonaler Anlandungsplatz.
Gleichzeitig verlief der Ausbau nicht überall gleichmäßig. Ein früher genutzter Bereich konnte aufgegeben werden, während ein anderer an Bedeutung gewann.
Ein Hausbrand konnte einen lokalen Einschnitt bilden, ohne die gesamte Stadtgeschichte zu unterbrechen.
Eine zeitlich abgestufte Darstellung ist deshalb aussagekräftiger als eine einzige Ansicht von Haithabu in seiner vermeintlich unveränderlichen Blüte.
Auch die letzten Jahrzehnte verdienen diesen differenzierten Blick. Jüngere Metall- und Münzfunde haben die ältere Vorstellung eines weit fortgeschrittenen wirtschaftlichen Niedergangs verändert.
Die Stadt blieb nach der neueren Auswertung bis in ihre Endphase ein Ort von Handel und Handwerk. Das schließt Veränderungen einzelner Kontakte nicht aus. Es widerspricht aber dem bequemen Bild eines schon lange weitgehend leeren Platzes. 

Wie viele Menschen lebten hier?

Eine zuverlässige genaue Zahl lässt sich aus den für diese Reihe geprüften Daten nicht errechnen. Dazu wären gleichzeitig genutzte Häuser, ihre Funktionen, Haushaltsgrößen und die wechselnde Anwesenheit von Reisenden zu verbinden.
Ein gerundeter Wert von mehreren Tausend Menschen kann in Überblicken erscheinen; ohne seine Berechnungsgrundlage ist er jedoch keine ebenso sichere Angabe wie ein datierter Pfahl.
Man kann die Größenordnung des Ortes dennoch anschaulich machen. Die umwallte Siedlung war groß genug für viele Grundstücke und unterschiedliche Tätigkeiten.
Der Hafen erforderte umfangreiche Holzbauten, und die Fernkontakte reichten über die unmittelbar versorgende Umgebung hinaus.
Haithabu konzentrierte Menschen und wirtschaftliche Aufgaben in einer Weise, die seinen besonderen Rang im Norden erklärt.
Die Bezeichnung Metropole beschreibt diesen Rang. Sie darf weder mit einer modernen Großstadt noch mit einem ungesicherten europäischen Größenrekord verwechselt werden.
Gerade ein Ort aus überwiegend hölzernen Bauten konnte für seine Verkehrsregion außerordentlich bedeutend sein.
Seine Wirkung erschließt sich aus dem Zusammenhang von Fläche, Infrastruktur und Verbindungen, nicht aus einer auf die letzte Person genau erfundenen Einwohnerzahl.