Ferðafólk
Haithabu – Handelsmetropole zwischen Nord- und Ostsee
Eine Stadt an der Nahtstelle Europas
Wer Haithabu verstehen will, muss zuerst auf das Wasser schauen. Die Siedlung lag am westlichen Ufer des Haddebyer Noors, südlich des heutigen Schleswig. Von dort führte die Verbindung in die Schlei und weiter zur Ostsee.
Die offene See lag nicht unmittelbar vor den Häusern. Zwischen den Landebrücken und den großen Verkehrswegen erstreckte sich ein geschützter, weit ins Land hineinreichender Wasserraum. Gerade diese Lage machte den Platz zu einem Knotenpunkt.
Nach Westen sah die Landschaft anders aus. Dort lagen die Flüsse Treene und Eider, die Zugang zur Nordsee boten. Zwischen beiden Verkehrsrichtungen musste eine Landstrecke überwunden werden.
Haithabus Vorteil bestand also nicht in einem durchgehenden Wasserweg von Meer zu Meer, sondern in der Möglichkeit, Waren zwischen verschiedenen Transportwegen umzuschlagen.
Schiffe, Menschen und Ladungen hatten dabei jeweils andere Anforderungen. Ein Fass ließ sich auf einem Wagen weiterbefördern; ein großer Frachter ließ sich nicht ebenso selbstverständlich über die Landenge bewegen.
Der Weg in die Stadt
Eine Annäherung über das Noor lässt sich aus den Befunden räumlich rekonstruieren: Zunächst lag die Uferlinie mit den hölzernen Hafenbauten vor dem ankommenden Schiff. Dahinter folgten die Häuser und Wege der Siedlung.
Über die Landseite zog sich in der späteren Wikingerzeit der Halbkreiswall. Diese Ansicht gehört in die ausgebaute Stadt des 10. und 11. Jahrhunderts. Für die frühen Jahrzehnte wären dieselben mächtigen Anlagen eine falsche Kulisse.
Die Landebrücken waren Arbeitsflächen. Ihre Pfosten standen im Gewässergrund; Querbalken und längs laufende Hölzer trugen die Bohlen darüber. Dort mussten Ladungen aus den Fahrzeugen auf die Anlage gelangen und anschließend weiter an Land.
Der Hafenfundstoff reicht von Gewichten und Münzen bis zu eisernen Rohmaterialbarren, Steingefäßen und Glasperlen. Nicht jedes Stück wurde als Handelsware verloren.
Ein zerbrochenes Gefäß konnte aus einem Haushalt stammen, ein Werkzeug aus einer Reparatur, eine Münze aus einem Geschäft oder aus persönlichem Besitz.
Gerade die Mischung zeigt, dass der Hafen nicht abseits der Stadt lag. Umschlag, Handwerk, Gebrauch und Entsorgung berührten sich. Eine moderne Trennung in Wohnviertel, Gewerbegebiet und abgesperrtes Hafenterminal wäre hier irreführend.
Die genaue Organisation einzelner Tätigkeiten ist nur ausschnittweise erkennbar; eine isolierte Handelskulisse ohne den Alltag der Bewohner passt jedoch nicht zu den Funden.
Eine Metropole aus Holz
Haithabu war eine Metropole innerhalb der nordeuropäischen Handelswelt. Das Wort soll keine heutige Millionenstadt heraufbeschwören. Die Menschen bauten überwiegend mit Holz, Flechtwerk und Lehm.
Ein kleines Gebäude konnte nur wenige Quadratmeter Innenfläche bieten, ein großes Haus dagegen mehrere Räume und deutlich mehr Platz.
Die archäologisch bekannten Konstruktionen reichen von dicht gesetzten Bohlenwänden bis zu einem ungewöhnlichen kleinen Blockbau aus Eichenholz.
Zwischen solchen Bauten verliefen Wege; in den feuchten Bereichen erleichterten Bohlen den Zugang. Der Haithabuer Bach war ein weiteres prägendes Element.
Er gehörte nicht nur zur Hintergrundlandschaft, sondern stand in unmittelbarer Beziehung zu Grundstücken und Verkehrsverbindungen.
Neuere geoarchäologische Untersuchungen zeigen zudem, dass die Umgebung des Bachs in der Siedlungszeit erheblich verändert wurde. Der heutige Boden ist deshalb kein unverändert erhaltenes Geländeprofil aus dem Jahr 900.
Ein Rundgang durch die Stadt lässt sich nur als Rekonstruktion vorstellen. Er würde nicht an einer Reihe identischer Langhäuser vorbeiführen.
Kleine Werkstätten, größere Wohn- und Wirtschaftsbauten, Grundstücksgrenzen und unterschiedliche Zugänge erzeugten einen gegliederten Raum.
Wer an einem Haus vorbeiging, konnte sich zugleich an einer Stelle befinden, an der Waren lagerten oder Material verarbeitet wurde. Welche konkrete Arbeit dort an einem bestimmten Tag stattfand, bleibt uns unbekannt.
Was ankam und was weiterging
Die Gegenstände eröffnen unterschiedlich lange Wege. Wetzsteine aus norwegischem Schiefer eigneten sich dazu, Schneiden nachzuschärfen. Speckstein aus skandinavischen Vorkommen wurde zu Gefäßen verarbeitet.
Keramik aus dem Rheinland gelangte an die Schlei. Silbermünzen aus verschiedenen Prägeräumen mussten nicht als Geld mit genau dem Wert verwendet werden, den ihr ursprünglicher Ausgeber vorgesehen hatte.
Gewicht und Metallgehalt konnten wichtiger sein als das Bild oder die Inschrift.
Ein Kamm konnte seinerseits eine Reise hinter sich haben, bevor er in Haithabu verloren ging.
Untersuchungen bestimmter früher Kämme ergaben, dass viele aus Rentiergeweih bestanden, obwohl ein großer Teil der örtlichen Bearbeitungsabfälle von anderen Geweiharten stammt.
Daraus ergibt sich ein differenzierteres Bild als das eines Handwerkers, der jeden Kamm ausschließlich aus dem nächstgelegenen Wald gewann. Rohstoffe und fertige Produkte konnten auf unterschiedlichen Wegen in die Stadt gelangen.
Der Handel war nicht auf kostbare Fernwaren beschränkt. Die Bewohner brauchten Nahrung, Brennstoff und Baumaterial. Sie verbrauchten Schuhe und Kleidung und benötigten Reparaturen.
Die Häuser und Hafenbauten verlangten immer wieder neues Holz. Ohne die Verbindung mit dem Umland wäre der international vernetzte Platz nicht lebensfähig gewesen.
Der lokale Alltag und die große Handelsgeographie sind deshalb zwei Maßstäbe derselben Geschichte.