Ferðafólk

Haithabu – Handelsmetropole zwischen Nord- und Ostsee

Die Anfänge: Gewachsen, nicht an einem Tag gegründet

Bevor der Halbkreiswall die Stadt umschloss und große Landebrücken in das Noor hinausreichten, gab es am Ufer bereits eine Siedlung. Ihre Anfänge werden in das 8. Jahrhundert eingeordnet.
Ein Dokument, in dem ein König an einem bestimmten Tag die Gründung Haithabus befiehlt, ist nicht überliefert.
Das ist mehr als eine kleine Lücke im Kalender: Die Entwicklung eines Handelsplatzes kann lange vor seiner ersten schriftlichen Erwähnung begonnen haben.
Die früheste Geschichte liegt deshalb vor allem im Boden. Hausspuren, Gräber, Gegenstände und ihre räumliche Verteilung müssen zusammen betrachtet werden. Sie bilden keine vollständige Reihe von Jahresschnappschüssen.
Erhaltene Überreste zeigen bestimmte Tätigkeiten und Nutzungsphasen, während andere verschwunden oder noch nicht untersucht sind. Besonders die Flächen außerhalb des späteren Walls gehören dazu.
Eine frühe Siedlung hatte noch keinen Anlass, sich nach einer Grenze zu richten, die erst Generationen später gebaut wurde.

Das Ufer als Ausgangspunkt

Der Zugang zum Wasser war eine wichtige Voraussetzung. Ein flacher Anlandungsplatz konnte genügen, um ein geeignetes Boot ans Ufer zu bringen. Große feste Anlagen waren dafür nicht von Anfang an nötig.
Aus einer solchen Möglichkeit konnte sich ein zunehmend regelmäßiger Verkehr entwickeln, wenn Menschen Waren mitbrachten, andere sie nachfragten und der Aufenthalt Versorgung versprach.
Eine günstige Lage allein schuf allerdings noch keine Stadt.
Hinzu kamen das Umland und die Verbindung nach Westen. Wer sich dauerhaft niederließ, benötigte Nahrung und Baumaterial. Wer nur vorübergehend erschien, musste ebenfalls essen, seine Sachen unterbringen und seine Reise fortsetzen können.
Ein Handelsplatz konnte deshalb schon früh andere Tätigkeiten anziehen als den bloßen Austausch fertiger Waren.
Das Ausbessern eines Geräts, das Nachschärfen einer Schneide und die Verarbeitung eines angelieferten Rohstoffs machten aus dem Anlandungsort einen Arbeitsort.
Wir kennen weder die Namen der ersten Bewohner noch ihre persönlichen Gründe für die Niederlassung. Auch eine geschlossene Herkunftsgeschichte lässt sich aus den Objekten nicht gewinnen.
Fremd geformte Gegenstände beweisen Kontakte, aber nicht automatisch den Zuzug einer bestimmten Personengruppe.
Eine Gründung durch ausschließlich friesische, dänische oder andere Kaufleute wäre eine Behauptung, die über den sicheren Befund hinausgeht.

Frühe Bereiche und spätere Verdichtung

Die Siedlungsgeschichte umfasst unterschiedliche Bereiche am Noor. Untersuchungen der südlichen Siedlung und des zentralen Geländes zeigen, dass Bebauung nicht überall gleichzeitig begann und sich nicht überall gleich lange fortsetzte.
Für die historische Vorstellung ist das entscheidend: Haithabu war kein unveränderlicher Ortskern, der nur gleichmäßig nach außen wuchs. Einzelne Flächen konnten an Bedeutung verlieren, während andere dichter bebaut wurden.
Im zentralen Bereich strukturierte der Bach die Landschaft. Wege, Übergänge und Grundstücke standen in Beziehung zu ihm. Eine in der Forschung überlieferte Holzdatierung eines frühen Übergangs fällt in das Jahr 819.
Sie verdichtet das Bild einer organisierten Erschließung im frühen 9. Jahrhundert. Sie datiert jedoch nicht alle Wege der Stadt und beweist auch keinen damals abgeschlossenen allgemeinen Ausbauplan.
Der Boden am Bach wurde in der Siedlungszeit erheblich umgeformt. Bohrungen und Bodenanalysen haben eine verschüttete, talartige Struktur erkennen lassen, deren Entstehung mit menschlichen Eingriffen verbunden wird.
Für ihre ursprüngliche Aufgabe werden unter anderem Wasserführung und Materialgewinnung diskutiert. Sicher ist die Veränderung des Geländes; weniger sicher ist die Absicht hinter jedem Arbeitsschritt.
Auch eine Stadt aus Holz konnte ihre Landschaft dauerhaft umgestalten.

Das Jahr 808 steht nicht am Anfang von allem

Im frühen 9. Jahrhundert wird der Platz in einer politischen Überlieferung sichtbar. Die Reichsannalen nennen 804 Sliesthorp als Aufenthaltsort des dänischen Königs Godofrid mit Flotte und Truppen.
Vier Jahre später berichten sie von seiner Zerstörung des Handelsplatzes Reric und der Mitnahme der dortigen Kaufleute. Anschließend gelangte er zum Hafen Sliesthorp.
Diese Nachricht hat zu einer besonders eingängigen Erzählung geführt: Der König habe mit den Kaufleuten aus Reric Haithabu gegründet. Die älteren Siedlungsspuren widersprechen einer solchen absoluten Gründung.
Plausibel ist dagegen, dass die königliche Maßnahme bereits vorhandene Handelsbeziehungen verstärkte und neue wirtschaftliche Möglichkeiten schuf.
Das politische Ereignis kann einen Ausbau erklären, ohne der Beginn jeder örtlichen Nutzung zu sein.
Es bleibt auch ein Unterschied zwischen dem Transport von Kaufleuten und einer ausführlich beschriebenen Umsiedlung aller ihrer Haushalte. Die Annalen liefern keine Aufstellung neu zugeteilter Grundstücke.
Sie sagen nicht, welches Haus welchem Ankömmling gehörte. Eine Rekonstruktion muss diese Distanz wahren, selbst wenn die Verbindung zwischen Rerics Verlust und Haithabus Aufstieg überzeugend erscheint.

Was ein datiertes Holz wirklich sagt

Die außergewöhnliche Holzerhaltung erlaubt an vielen Stellen genauere Chronologien. Jahrringe können eine Fällung zeitlich bestimmen.
Für die Interpretation bleibt wichtig, ob das Holz unmittelbar verbaut oder zunächst gelagert wurde, ob die äußeren Ringe erhalten sind und ob es später eine zweite Verwendung fand.
Eine Datierung auf ein einzelnes Jahr ist nur dann so präzise, wie der Befund und die Auswertung es zulassen.
In Hafenbauten wurden ältere Hölzer erneut eingesetzt. Ein altes Stück innerhalb einer jüngeren Anlage macht nicht die ganze Anlage ebenso alt.
Umgekehrt kann ein später eingebrachter Reparaturpfahl zeigen, dass ein älteres Bauwerk noch genutzt wurde.
Gerade solche Unterschiede verwandeln einen vermeintlich einfachen Altersnachweis in eine Geschichte von Bau, Gebrauch und Erneuerung.
An einem rekonstruierten frühen Ufer ließen sich deshalb nur die für die jeweilige Phase belegten Elemente zeigen.
Eine kleine Siedlung, geeignete Anlandungsstellen und erste geregelte Verbindungen wären etwas anderes als der Hafen mit breiten Plattformen, wie er in späteren Jahrhunderten bestand. Das Bild muss mit der Zeit wachsen.
Ein vollständig ausgebautes Haithabu schon um 780 wäre keine anschauliche Verkürzung, sondern eine falsche Zusammenziehung mehrerer Entwicklungsstufen.

Aus einem Platz wird ein dauerhaftes Zentrum

Die entscheidende Veränderung bestand in der Verstetigung. Wiederkehrende Kontakte, zunehmende Arbeitsteilung und die bauliche Erschließung des Geländes verstärkten einander.
Handel schuf Bedarf an Handwerk und Versorgung; dauerhafte Bewohner machten den Ort wiederum für Reisende nutzbar. Politischer Schutz und Kontrolle konnten diese Entwicklung fördern, aber auch Abgaben und neue Abhängigkeiten erzeugen.
Das Ergebnis war kein auf einmal fertiger Baukörper. Es war ein Platz, an dem Menschen über Generationen Häuser errichteten, Wege nutzten, Werkzeuge verbrauchten und andere Gebäude wieder aufgaben.
Die frühe Geschichte ist gerade deshalb lebendig, weil sie nicht auf einen Gründungsakt reduziert werden kann. Haithabu entstand aus vielen Vorgängen, die sich im Boden unterschiedlich gut abzeichnen.
Der Ausbau des Hafens und die Ereignisse von 808 gehören dazu, erklären aber jeweils nur einen Teil.