Ferðafólk

Haithabu – Handelsmetropole zwischen Nord- und Ostsee

Haushalt, Familie und die Arbeit des Alltags

Ein Haus in Haithabu war Wohnraum, Arbeitsort und Aufbewahrungsplatz. Seine Grundfläche musste mehrere Aufgaben aufnehmen. Im mittleren Raum eines archäologisch untersuchten Hauses lagen eine Feuerstelle und seitliche Podeste.
Andere Bereiche konnten Vorräte, Geräte oder handwerkliche Arbeiten aufnehmen. Wer sich diese Räume vorstellt, sollte keine vollständig bekannte Familie hineinsetzen.
Der Grundriss ist greifbarer als die Namen und Beziehungen der Menschen, die ihn nutzten.
Die Unterschiede zwischen den Häusern waren beträchtlich. Ein kleiner Bau von etwa acht Quadratmetern lässt sich nicht wie das verkleinerte Abbild eines Hauses mit mehr als hundert Quadratmetern behandeln.
Größe, Bauweise und Fundinhalt geben Hinweise auf Nutzungsmöglichkeiten. Sie beantworten nicht automatisch, wie viele Personen dort schliefen oder ob ein Handwerker seinen Arbeitsplatz mit Angehörigen teilte.
Auch ein kleines Gebäude konnte Teil eines größeren wirtschaftlichen Zusammenhangs sein.

Der begrenzte Raum um das Feuer

Eine Feuerstelle schuf einen Mittelpunkt für bestimmte Arbeiten. Dort konnte Nahrung zubereitet werden; je nach Einrichtung waren weitere Tätigkeiten möglich. Ihre Lage beeinflusste, wo Brennmaterial und Gefäße erreichbar sein mussten.
Ein Haus mit mehreren Räumen erlaubte andere Abläufe als ein kleiner Bau mit einer einzigen zentralen Feuerstelle. Aus dem Grundriss lässt sich eine räumliche Ordnung entwickeln, ohne jede einzelne Bewegung als beobachtet auszugeben.
Bei dem um 874 errichteten Haus, dessen Befund zwei unterschiedliche heutige Rekonstruktionen anregte, kann man diese Offenheit besonders gut erkennen. Seitliche Podeste kommen als Arbeits- und Schlafbereiche in Betracht.
Eine rekonstruierte Ausstattung macht solche Möglichkeiten sichtbar. Sie ist aber keine erhaltene Möbelliste. Auch die Annahme, dass dort stets dieselbe Anzahl von Menschen Platz nahm, würde über den Befund hinausgehen.
Nicht jedes Haus enthielt dieselbe Wärmequelle. Ein Kuppelofen und eine offene Feuerstelle erzeugen unterschiedliche Möglichkeiten der Nutzung.
Ein Ofen braucht einen Platz im Gebäude und einen Zugang; seine Umgebung muss bei der Interpretation berücksichtigt werden.
Eine auf heutige Gemütlichkeit angelegte Einrichtung verdeckt leicht, dass auch Materialbearbeitung, Lagerung und wiederkehrende Pflege des Hauses Raum beanspruchten. 

Gefäße, Vorräte und kleine Geräte

Holzgefäße und keramische Behälter gehörten zu einer materiellen Welt, in der Aufbewahren und Portionieren Arbeit waren. Dauben, Böden und andere Gefäßteile zeigen unterschiedliche Konstruktionen.
Ein zusammengefügtes Gefäß verlangte passendes Holz, sorgfältige Bearbeitung und eine Verbindung seiner Teile. Ein Bruchstück kann deshalb mehr über Herstellung verraten als über seinen letzten Inhalt.
Ohne anhaftende Reste oder einen eindeutigen Zusammenhang lässt sich dieser Inhalt nicht beliebig ergänzen.
Importierte Specksteingefäße kamen als weitere Behälter hinzu. Das gut bearbeitbare Gestein eignete sich für Gefäße, deren Fragmente später andere Aufgaben übernehmen konnten. Einige wurden zu Gewichten oder anderen Geräten umgearbeitet.
Solche Stücke zeigen einen Haushalt und ein Handwerk, die Material nicht nur beschafften, sondern weiter verwendeten. Eine zerbrochene Wandung war nicht zwangsläufig das Ende des Gegenstands.
Das Gleiche gilt für Textilien, Leder und Holz. Kleine Reste können aus Reparaturen, neuer Zuschnittarbeit oder einer veränderten Verwendung stammen.
Nicht jedes Fundstück wurde in einem Wohnhaus benutzt, und nicht jede technische Weiterverwendung gehört unmittelbar in eine Küche. Die Stadt verband Haushalte mit Werkstätten und Hafen.
Gegenstände konnten diese Bereiche mehrfach durchlaufen. 

Wasser holen und Vorräte beschaffen

Wasser war eine praktische Voraussetzung des täglichen Lebens. Der Bach, Brunnenbefunde und örtliche Wasserverhältnisse gehören deshalb in die Beschreibung des Alltags.
Ein bei den neueren Grabungen untersuchter tiefer Schacht wird als Zisterne gedeutet. Seine Erforschung verdeutlicht zugleich, wie schwierig Arbeiten unter wechselnden Wasserverhältnissen sein können.
Er ist kein Beweis für ein flächendeckendes System öffentlicher Wasserversorgung.
Wer Wasser benötigte, musste Zugang zu einer geeigneten Entnahmestelle haben und es gegebenenfalls transportieren. Für eine anschauliche Rekonstruktion kann man das Tragen und Abstellen von Gefäßen berücksichtigen.
Die genaue Verteilung dieser Arbeit innerhalb eines bestimmten Haushalts bleibt unbekannt. Sie darf nicht allein aus modernen Vorstellungen darüber folgen, welche Tätigkeiten Frauen, Männer oder Kinder erledigten.
Auch Lebensmittel erreichten das Haus nicht sämtlich als unmittelbar verzehrbare Ware. Getreide musste je nach gewünschter Zubereitung gereinigt, verarbeitet und gekocht oder gebacken werden.
Brennmaterial und Gefäße waren dafür ebenso notwendig wie die Nahrung selbst. Importierte Mühlsteine zeigen die Verbindung zwischen alltäglicher Verarbeitung und überregionaler Beschaffung.
Was im Haus gegessen wurde, konnte somit von einem Handelsweg abhängen, der weit über das Noor hinausführte. 

Angehörige und Arbeitsgemeinschaften

Haithabu bestand aus Menschen verschiedener Lebensalter und unterschiedlicher Stellung. Die Vorstellung eines Haushalts kann daher Angehörige, Arbeitskräfte und abhängige Personen umfassen.
Für ein konkretes Gebäude ist eine solche Zusammensetzung aber selten vollständig nachweisbar. Ein Werkstattbefund erklärt nicht von selbst die rechtlichen Beziehungen seiner Bewohner.
Gemeinsam im selben Raum zu arbeiten bedeutete nicht notwendig, dieselben Rechte zu besitzen.
Kinder sind archäologisch schwerer zu erfassen als manche Produktionsabläufe. Kleine Geräte, Spielobjekte und Miniaturen können Hinweise liefern, doch ihre Deutung verlangt einen Zusammenhang.
Ein kleiner Gegenstand ist nicht allein wegen seiner Größe ein Kinderspielzeug. Auch Erwachsene benutzten Miniaturen als Schmuck oder für andere Zwecke.
Eine verantwortliche Darstellung benennt deshalb mögliche Spiel- und Lernhandlungen, ohne aus einem Einzelstück eine bestimmte Kindheit zu erzählen.
Erlernen und Weitergeben von Fähigkeiten waren für die Arbeit wichtig. Ein Kamm, ein Schuh oder ein gewobener Stoff setzte Kenntnisse über Material und Werkzeug voraus.
Manche Handgriffe lassen sich im Experiment nachvollziehen; damit wird die notwendige Übung sichtbar. Wer wen unterrichtete und wie lange eine Ausbildung dauerte, ist für Haithabu meist nicht überliefert.
Der erhaltene Gegenstand bewahrt das Ergebnis einer Fähigkeit, nicht den vollständigen Weg ihres Erwerbs. 

Das Haus blieb eine Aufgabe

Ein Holzgebäude verlangte Pflege. Beschädigte Wände, veränderte Böden und erneuerte Bauteile zeigen, dass Wohnen nicht mit dem ersten Aufbau abgeschlossen war.
Besonders in einem Gelände mit feuchten Bereichen musste die Konstruktion auf den Untergrund reagieren. Bei einem Haus wurden horizontale Hölzer unter die Füße bestimmter Bauteile gelegt.
Eine solche Lastverteilung lässt sich als praktische Antwort auf die Tragfähigkeit des Bodens verstehen.
Der Alltag umfasste deshalb nicht nur Essen und Schlafen. Er bestand auch aus Beschaffen, Lagern, Reinigen, Ausbessern und Weiterverwenden. Die Stadt ist anschaulich, wenn diese miteinander verbundenen Aufgaben sichtbar werden.
Ein rekonstruierter Haushalt lässt sich etwa über den Weg eines Gefäßes, eines Brennholzstücks oder eines reparierten Schuhs erklären. Das sind begründete Möglichkeiten, keine überlieferten Tagesprotokolle.
Die erhaltenen Häuser und Geräte lassen Menschen hinter den Dingen erkennen. Sie erlauben Nähe, ohne eine erfundene Familie einzuführen. Ihre Bewohner mussten mit verfügbarem Raum, Material und Arbeitskraft auskommen.
Wie verschieden diese Möglichkeiten waren, wird erst deutlich, wenn man den kleinen Werkstattbau neben die großen Häuser stellt und Besitz, Abhängigkeit und Versorgung mitbedenkt.