Ferðafólk

Haithabu – Handelsmetropole zwischen Nord- und Ostsee

Ernährung, Fischfang und Versorgung

Haithabus Nahrung lässt sich nicht auf Fisch reduzieren, obwohl das Wasser unmittelbar vor der Stadt lag. Tierknochen, Pflanzenreste und Untersuchungen menschlicher Überreste erschließen verschiedene Teile der Ernährung.
Jeder dieser Zugänge hat eigene Grenzen. Ein Korn kann verkohlt erhalten bleiben, eine Fischgräte beim Sieben auftauchen und ein menschlicher Knochen langfristige Ernährungsanteile widerspiegeln.
Sie liefern keine identische Art von Speisezettel.
Eine belegnahe Vorstellung beginnt deshalb bei Material und Verarbeitung.
Getreide musste in geeigneter Form verfügbar sein, Tiere mussten geschlachtet oder ihre Produkte genutzt werden, Fisch gelangte aus unterschiedlichen Gewässern zur Siedlung.
Nicht alle Menschen konnten dieselben Mengen und Qualitäten beschaffen. Auch die Ernährung änderte sich zwischen der frühen Siedlung und dem mittelalterlichen Schleswig.

Körner und die Arbeit der Zubereitung

Zu den nachgewiesenen Kulturpflanzen gehören Hirse, Gerste und Roggen; auch Hafer und Weizen sind vertreten. Ihre Bedeutung lässt sich nicht allein durch das bloße Vorhandensein bestimmen.
Erhaltung, Fundort und Verarbeitung beeinflussen die Zahl der erhaltenen Reste. Die Museumsdarstellung hebt Breie als wichtige Zubereitung hervor.
Das ist eine plausible Einordnung einer Getreidewirtschaft, keine Aussage über jede Mahlzeit sämtlicher Bewohner.
Aus Körnern eine Speise zu machen erforderte mehrere Schritte. Je nach Getreide und gewünschtem Ergebnis waren Reinigung, Zerkleinerung und Wärmebehandlung nötig.
Ein Brei und ein Brot stellten unterschiedliche Anforderungen an Zeit, Brennmaterial und Ausstattung. Brot sollte deshalb nicht als selbstverständliche Beilage jeder Mahlzeit eingesetzt werden.
Die Arbeitsbedingungen einer Küche werden erst verständlich, wenn auch Gefäß, Wasser und Feuer in die Betrachtung einbezogen werden.
Mühlsteine verbanden diese Vorgänge mit dem Fernhandel. Material aus geeigneten Steinbrüchen musste bis an die Schlei gelangen.
Ein solches schweres Gerät konnte anschließend die tägliche Verarbeitung vieler kleiner Getreidemengen ermöglichen. Der Handelswert erschöpfte sich damit nicht in seinem Ankunftstag.
Ein importierter Stein blieb Teil wiederkehrender Arbeit und zeigt, wie langlebige Ausrüstung die Versorgung der Stadt prägte. 

Pflanzenreste sind keine erhaltenen Gärten

Früchte, Samen und andere Pflanzenreste erschließen weitere Nahrung und mögliche Nutzpflanzen. Für die Deutung zählt, wo und in welcher Form sie gefunden wurden.
Ein Same in einer Abfallablagerung sagt etwas anderes aus als ein Zusammenhang mit Vorräten oder einem verarbeiteten Gericht. Selbst eine essbare Pflanze muss am konkreten Fundort nicht gegessen worden sein.
Pflanzen konnten auch als Material, Verpackung oder zufälliger Eintrag auftreten.
Bei den Grabungen eines Werkstattbereichs wurden Reste der Art Beta vulgaris nachgewiesen. Diese botanische Bestimmung erlaubt nicht, ohne Weiteres eine heutige Sorte von Roter Bete oder Mangold in einen Haithabuer Garten zu setzen.
Arten, damalige Nutzung und moderne Zuchtformen sind verschiedene Ebenen. Dass Gemüse zur möglichen Versorgung gehörte, ist leichter zu begründen als das Aussehen einer bestimmten angebauten Pflanze.
Der heutige Museumsgarten macht solche Zusammenhänge zugänglich. Er ist eine gestaltete Veranschaulichung historisch diskutierter Pflanzen und kein ausgegrabener Garten, dessen Beete unverändert wiederhergestellt worden wären.
Seine Pflanzen eignen sich deshalb zum Erklären von Arbeitsschritten und Nutzungsmöglichkeiten. Sie dürfen nicht gemeinsam als vollständiges Inventar eines bestimmten wikingerzeitlichen Haushalts ausgegeben werden. 

Große Knochen, kleine Gräten

Bei älteren Untersuchungen fielen große Fischknochen besonders auf. Dorsch war im von Hand aufgelesenen Material stark vertreten. Kleine Arten werden durch diese Methode leichter übersehen.
Gesiebte Proben zeigen, wie deutlich sich das Bild verändern kann: In einem untersuchten Bereich kamen rund 17.000 Heringsreste zum Vorschein, während das entsprechende handaufgelesene Material nur eine kleine Zahl enthielt.
Fundzahlen beschreiben deshalb auch die Arbeit der Ausgräber.
Die Lage der Stadt erlaubte Zugang zu verschiedenen Gewässern. Nachgewiesen sind unter anderem Flussbarsch, Brasse und Hecht sowie Flunder und Hornhecht. Unterschiedliche Arten können unterschiedliche Fangräume erschließen.
Für das genaue Fanggerät, den Fangplatz und die Jahreszeit eines einzelnen Knochenfunds braucht es zusätzliche Hinweise.
Eine gezeichnete Szene mit einer bestimmten Netzform ist sonst eine Rekonstruktion, keine unmittelbare Wiedergabe des Funds.
Fisch konnte frisch oder in bearbeiteter Form nach Haithabu kommen. Für die Unterscheidung sind Körperteile, Größen und Herkunftsuntersuchungen wichtig.
Wenn nur bestimmte Knochenpartien auftreten, kann dies mit Verarbeitung und Transport zusammenhängen. Solche Muster müssen aber an ausreichendem Material geprüft werden.
Aus einer einzelnen fehlenden Kopfgräte lässt sich kein sicherer Handelsweg ableiten. 

Dorsch musste nicht aus der Schlei kommen

Für einen Teil des Dorschmaterials liegt eine genetische Herkunftsuntersuchung vor. Fünf Haithabuer Proben wurden mit Beständen aus verschiedenen Fangräumen verglichen.
Sie weisen vor allem in den nordostarktischen Raum; bei einem Stück bleibt eine zusätzliche norwegische Zuordnung möglich.
Das Ergebnis widerspricht der einfachen Annahme, alle in der Stadt verzehrten Fische seien in ihrer unmittelbaren Umgebung gefangen worden.
Für einen langen Transport bot sich konservierter Fisch an. Die Forschung verbindet diese Ergebnisse mit der frühen Weitergabe von getrocknetem Dorsch aus Nordnorwegen.
Der biologische Herkunftsnachweis und die Erklärung der Konservierung sind dabei unterschiedliche Schritte. Die DNA zeigt nicht unmittelbar, wie der Fisch behandelt, verpackt oder zubereitet wurde.
Ein Bild von Stockfischbündeln ist eine veranschaulichende Rekonstruktion, kein aus dem Knochen abgelesenes Verpackungsinventar.
Auch die Menge lässt sich aus den fünf Proben nicht hochrechnen. Sie belegen bestimmte Wege, keinen Anteil an allen Mahlzeiten.
Zwischen einem transportierten Vorrat für eine Schiffsbesatzung und einer für den Verkauf bestimmten Lieferung muss weiter unterschieden werden.
Haithabus Versorgung war damit überregional verbunden, ohne dass jede einzelne Verwendungsform vollständig feststeht. 

Tiere aus der Umgebung

Die Knochen von Haustieren zeigen einen weiteren Teil der Versorgung. Schlachtung, Zerlegung und Entsorgung hinterließen andere Spuren als etwa die Nutzung lebender Tiere.
Ein Tier konnte mehrere wirtschaftliche Funktionen besitzen, und nicht jede davon erscheint in gleicher Deutlichkeit im Knochenmaterial. Altersverteilungen und Bearbeitungsspuren helfen bei der Interpretation.
Die einfache Aufzählung von Rind, Schwein oder Schaf ersetzt diese Untersuchung nicht.
Stadt und Umland waren dabei verbunden. Eine dichte Siedlung musste regelmäßig Güter erhalten, die nicht auf jedem innerstädtischen Grundstück produziert werden konnten. Nahrung gehörte zu diesen Gütern.
Eine rekonstruierte Anlieferung mit Wagen oder Boot kann die Verbindung verdeutlichen. Häufigkeit, Mengen und die Vertragsform eines bestimmten Geschäfts sind jedoch selten überliefert.
Auch Tiere und tierische Rohstoffe verbanden Ernährung mit anderen Arbeiten. Knochen konnten nach der Fleischversorgung als Werkstoff dienen, Häute in die Lederverarbeitung gelangen.
Geweih wiederum war ein besonderer Rohstoff mit eigener Beschaffungsgeschichte. Die Werkstattabfälle eines Kammmachers gehören daher nicht einfach auf dieselbe Ebene wie Speisereste.
Der materielle Zusammenhang ist vorhanden, die Nutzungskette muss trotzdem für jede Fundgruppe gesondert geprüft werden. 

Langfristige Ernährung und einzelne Mahlzeiten

Isotopenuntersuchungen menschlicher Überreste erlauben Aussagen über längerfristige Ernährungszusammenhänge. Sie sind besonders wertvoll für den Vergleich zwischen Haithabu und Schleswig.
Sie lassen sich jedoch nicht als Aufzeichnung eines Abendessens lesen. Die beteiligten Gewebe, Vergleichsdaten und untersuchten Personen bestimmen, welche Zeiträume und Nahrungsanteile erschlossen werden können.
Die veröffentlichte Untersuchung beschreibt eine Veränderung im Zusammenhang mit dem Übergang vom Handelsplatz zur mittelalterlichen Stadt. Daraus folgt keine identische Ernährung sämtlicher Menschen einer Epoche.
Individuelle Unterschiede und die Auswahl der Bestatteten bleiben wichtig.
Ebenso bedeutet eine grundsätzlich ausreichende Proteinversorgung in der untersuchten Gruppe nicht, dass Hunger, Krankheit oder ungleicher Zugang zur Nahrung niemals vorkamen.
Für die Erzählung entsteht daraus ein vielfältiges Bild. Ein Mahlstein, ein Specksteingefäß, ein verkohltes Korn und eine kleine Heringsgräte stehen für verschiedene Arbeitsschritte.
Versorgung bedeutete Beschaffung und Verarbeitung, nicht nur Verzehr. Haithabus Handelswege konnten Lebensmittel und Ausrüstung liefern; die konkrete Mahlzeit hing zugleich von Haushalt, Besitz und verfügbaren Händen ab.