Ferðafólk
Auf den Spuren der Rus und Waräger
Ladoga – das Tor zum Osten
Am südlichen Ufer des Ladogasees, dort, wo der Fluss Wolchow in den See mündet, entstand im 8. Jahrhundert ein Ort, der für die Geschichte der Rus von besonderer Bedeutung werden sollte: Staraja Ladoga.
Heute wirkt die Gegend ruhig und abgelegen. Doch vor mehr als 1.200 Jahren lag hier einer der wichtigsten Knotenpunkte zwischen der Ostsee und den Flusslandschaften Osteuropas.
Wer von Skandinavien aus nach Osten reiste, konnte über den Finnischen Meerbusen, die Newa und den Ladogasee den Wolchow erreichen. Von hier aus öffneten sich Verbindungen zu weiteren Seen und Flüssen, über die schließlich die großen Handelsräume im Süden erreichbar waren.
Ladoga war damit weit mehr als ein einfacher Rastplatz. Es entwickelte sich zu einem Ort, an dem Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenkamen, Waren gehandelt und handwerkliche Erzeugnisse hergestellt wurden.
Die archäologischen Funde machen Ladoga zu einem der frühesten Orte, an denen wir die Entstehung jener Welt beobachten können, aus der später die Rus hervorgingen.
Eine Siedlung entsteht
Die frühesten archäologischen Spuren der mittelalterlichen Siedlung reichen bis in die Mitte des 8. Jahrhunderts zurück.
Damit gehört Ladoga zu den ältesten bedeutenden Handels- und Handwerksplätzen im nordwestlichen Osteuropa, die mit den späteren Rus-Netzwerken in Verbindung stehen.
Die Lage war günstig. Der Wolchow verband den Ladogasee mit dem Ilmensee und ermöglichte den Zugang zu weiteren Flusssystemen. Gleichzeitig bot die Umgebung Holz, Wasser und andere Ressourcen, die für eine dauerhaft bewohnte Siedlung wichtig waren.
Archäologische Untersuchungen haben Überreste von Holzbauten, Werkstätten und zahlreichen Alltagsgegenständen freigelegt. Besonders wertvoll sind die erhaltenen Holzstrukturen, weil sie teilweise mithilfe der Dendrochronologie, also der Untersuchung von Jahresringen, zeitlich eingeordnet werden können.
Ladoga entstand allerdings nicht als vollständig geplante skandinavische Handelskolonie. Die Funde zeigen vielmehr eine Siedlung, deren Bevölkerung und materielle Kultur von unterschiedlichen Einflüssen geprägt waren.
Skandinavier treffen auf die Bevölkerung des Ostens
Bereits in den frühen Siedlungsphasen finden sich Gegenstände, die deutliche Verbindungen nach Skandinavien erkennen lassen.
Dazu gehören bestimmte Schmuckformen, Bestandteile persönlicher Ausrüstung und handwerkliche Traditionen.
Solche Funde belegen, dass Ladoga in skandinavisch geprägte Netzwerke eingebunden war. Sie sprechen auch für die Anwesenheit von Menschen mit entsprechenden kulturellen Verbindungen.
Doch Ladoga war keineswegs ausschließlich skandinavisch.
Die Region war Teil einer Landschaft, in der vor allem finno-ugrischsprachige Bevölkerungsgruppen lebten. Auch slawische Einflüsse gewannen im weiteren Verlauf an Bedeutung.
Menschen unterschiedlicher Herkunft begegneten sich hier nicht nur auf der Durchreise. Sie arbeiteten, handelten und lebten möglicherweise über längere Zeit miteinander.
Ladoga war ein Kontaktort, kein eindeutig abgegrenztes ethnisches Siedlungsgebiet.
Dabei müssen wir vorsichtig bleiben: Ein skandinavisch gestalteter Gegenstand beweist nicht automatisch, dass sein Besitzer aus Skandinavien stammte. Schmuck, Waffen und Werkzeuge konnten gehandelt, verschenkt, vor Ort hergestellt oder von anderen Bevölkerungsgruppen übernommen werden.
Ein Zentrum des Handwerks
Neben seiner verkehrsgünstigen Lage war Ladoga auch ein bedeutender Produktionsort.
Archäologische Funde zeigen, dass hier unterschiedliche handwerkliche Tätigkeiten ausgeübt wurden.
Besonders wichtig waren die Verarbeitung von Metall, Bernstein und Glas sowie die Herstellung von Schmuck und Gebrauchsgegenständen.
Glasperlen und Bernstein waren begehrte Handelswaren. Sie konnten sowohl vor Ort hergestellt beziehungsweise bearbeitet als auch über weite Entfernungen weitergegeben werden.
Ein besonders interessanter Befund stammt aus einem Werkstattgebäude, dessen Holz auf die Zeit um 900 bis 905 datiert wurde. Dort fanden sich Hinweise auf die Verarbeitung von Glasperlen, Bernstein und Metall sowie Gegenstände skandinavischer Formtradition.
Solche Befunde zeigen, dass Ladoga nicht bloß ein Umschlagplatz für fertige Waren war. Hier entstanden auch Produkte, die in überregionale Handelsnetze gelangten.
Zugleich lässt sich daran erkennen, wie schwierig eine eindeutige kulturelle Zuordnung sein kann: Ein Gegenstand skandinavischen Typs konnte durchaus in Ladoga selbst hergestellt worden sein.
Handel zwischen Norden und Süden
Die wirtschaftliche Bedeutung Ladogas beruhte vor allem auf seiner Lage.
Über die Ostsee kamen Menschen und Waren aus Skandinavien und dem baltischen Raum. Über den Wolchow und die anschließenden Flussverbindungen konnten sie weiter in das Innere Osteuropas gelangen.
Im Laufe der Zeit verbanden diese Wege Ladoga mit den Handelsräumen an Wolga und Dnepr.
Aus dem Norden und den osteuropäischen Waldgebieten kamen unter anderem Pelze und andere wertvolle Rohstoffe. Über die südlichen Handelsverbindungen gelangten Silber, Schmuck und fremde Erzeugnisse nach Norden.
Besonders die islamischen Silbermünzen, die sogenannten Dirhams, verdeutlichen die Reichweite dieser Verbindungen.
Allerdings entwickelte sich dieses Handelsnetz über längere Zeit. Wir dürfen die großen Handelsverhältnisse des 10. Jahrhunderts nicht einfach auf die frühesten Jahrzehnte Ladogas übertragen.
Die Bedeutung der Siedlung veränderte sich mit den Handelsströmen und den politischen Verhältnissen.
Wie sah Ladoga aus?
Wer sich Ladoga im 9. oder 10. Jahrhundert vorstellt, sollte nicht an eine große mittelalterliche Stadt mit steinernen Häusern und mächtigen Türmen denken.
Die archäologischen Befunde zeigen vor allem eine Siedlung mit Holzbauten, Werkstätten und wirtschaftlich genutzten Bereichen.
Die Häuser waren an die örtlichen Baumaterialien und klimatischen Bedingungen angepasst. Holz spielte beim Bau eine zentrale Rolle.
In den Werkstätten wurde gearbeitet, in den Wohnbereichen gekocht und gelebt. Händler brachten Waren an den Fluss, während Handwerker Gegenstände herstellten oder reparierten.
Am Ufer dürften Boote angelegt haben, die für die Fahrt über Seen und Flüsse geeignet waren.
Das Bild einer geschäftigen Siedlung ist durch die archäologischen Befunde gut begründbar. Die genaue Anordnung einzelner Gebäude, das Aussehen der Anlegestellen und die täglichen Abläufe lassen sich jedoch nicht für jede Zeitstufe vollständig rekonstruieren.
Auch die heute bekannte steinerne Festung von Staraja Ladoga darf nicht mit der Siedlung des 8. oder 9. Jahrhunderts gleichgesetzt werden. Ihre sichtbare Bausubstanz gehört wesentlich späteren Bauphasen an.
Ladoga und die Entstehung der Rus
Welche Rolle spielte Ladoga bei der Entstehung der Rus?
Die archäologischen Funde belegen, dass der Ort bereits früh in weitreichende Handels- und Kontaktnetzwerke eingebunden war. Skandinavische Einflüsse sind dabei deutlich erkennbar.
Das bedeutet jedoch nicht, dass sich hier bereits im 8. Jahrhundert ein fertiger Staat der Rus befand.
Die Entstehung politischer Herrschaft war ein längerer Prozess. Handelsplätze, bewaffnete Gefolgschaften, lokale Gemeinschaften und die Kontrolle wichtiger Verkehrswege spielten dabei eine Rolle.
Ladoga gehörte zu jener nördlichen Welt, in der solche Entwicklungen möglich wurden.
In der späteren Nestorchronik erscheint Ladoga außerdem im Zusammenhang mit der Überlieferung über Rjurik. Einzelne Fassungen der Chronik verbinden den Beginn seiner Herrschaft mit diesem Ort.
Diese Erzählung wurde jedoch erst Jahrhunderte nach den beschriebenen Ereignissen schriftlich zusammengestellt.
Die Existenz Ladogas und seine frühen skandinavischen Kontakte sind archäologisch nachgewiesen. Dass Rjurik persönlich hier herrschte, lässt sich dagegen nicht unabhängig belegen.
Diese Unterscheidung ist wichtig, denn sie zeigt den Unterschied zwischen archäologisch nachweisbarer Geschichte und späterer politischer Überlieferung.
Ein Ort zwischen den Kulturen
Die besondere Bedeutung Ladogas liegt nicht darin, dass hier eine einzelne Bevölkerungsgruppe ihre Kultur unverändert in den Osten übertrug.
Vielmehr zeigt der Ort, wie Menschen, Gegenstände und Kenntnisse über große Entfernungen miteinander in Verbindung standen.
Skandinavische, lokale finno-ugrische und slawische Traditionen begegneten sich in einer Landschaft, die zunehmend Teil weitreichender Handelsnetze wurde.
Ladoga war damit einer der frühen Schauplätze jener kulturellen und wirtschaftlichen Verflechtungen, aus denen sich die Welt der Rus entwickelte.
Wer die Ursprünge der Rus sucht, findet in Ladoga keinen eindeutigen Gründungsort eines Volkes, sondern einen der frühesten archäologisch fassbaren Treffpunkte verschiedener Welten.
Doch während die Funde von Ladoga bereits im 8. Jahrhundert beginnen, taucht die Bezeichnung Rus erst später eindeutig in den schriftlichen Quellen auf.
Wer waren diese Menschen, die fränkische und byzantinische Autoren im 9. Jahrhundert plötzlich erwähnten?
Weiter in Kapitel 04: Die ersten Rus