Ferðafólk

Auf den Spuren der Rus und Waräger

Ibn Faḍlān und die Rus an der Wolga

Im Jahr 922 begegnete ein arabischer Reisender an der Wolga einer Gruppe von Händlern, die er als Rus bezeichnete.
Sein Name war Aḥmad ibn Faḍlān.
Er gehörte zu einer Gesandtschaft des abbasidischen Kalifen, die von Bagdad zu den Wolgabulgaren reiste. Während seines Aufenthalts hielt er zahlreiche Beobachtungen über die Menschen, ihre Lebensweise und ihre religiösen Vorstellungen fest.
Seine Beschreibung der Rus gehört zu den bekanntesten schriftlichen Zeugnissen über Menschen aus den skandinavisch geprägten Handelsnetzwerken Osteuropas.
Er berichtet über ihr Aussehen, ihre Kleidung, ihren Schmuck, ihre Waffen und ihre alltäglichen Gewohnheiten. Besonders eindrucksvoll ist seine Schilderung eines aufwendigen Begräbnisses, bei dem ein verstorbener Anführer gemeinsam mit einem Schiff verbrannt wurde.
Doch so wertvoll dieser Bericht auch ist, er muss mit Vorsicht gelesen werden.
Ibn Faḍlān beschrieb eine bestimmte Gruppe von Rus-Händlern, der er an einem bestimmten Ort begegnete.
Seine Beobachtungen sind kein allgemeingültiges Bild aller Rus oder aller Wikinger des 10. Jahrhunderts.

Ein Reisender aus Bagdad

Ibn Faḍlān war Mitglied einer diplomatischen Gesandtschaft, die im Jahr 921 von Bagdad aufbrach.
Ihr Ziel war das Herrschaftsgebiet der Wolgabulgaren, deren Herrscher Kontakte zum abbasidischen Kalifat suchte.
Die Gesandtschaft sollte unter anderem religiöse und diplomatische Aufgaben erfüllen.
Die Reise führte durch unterschiedliche Landschaften und politische Herrschaftsgebiete Zentralasiens.
Im Jahr 922 erreichten die Gesandten schließlich die Wolgabulgaren.
Ibn Faḍlān hielt seine Eindrücke in einem Reisebericht fest, der heute zu den bedeutendsten Quellen über die Region im frühen 10. Jahrhundert gehört.
Er beschrieb nicht nur politische Ereignisse, sondern auch Menschen, Kleidung, religiöse Praktiken und gesellschaftliche Gewohnheiten.
Dabei betrachtete er seine Umgebung aus der Perspektive eines gebildeten muslimischen Beobachters.
Manche Verhaltensweisen erschienen ihm bemerkenswert, andere fremd oder sogar abstoßend.
Diese persönliche und religiöse Perspektive beeinflusste seine Darstellung.
Sein Bericht ist deshalb besonders wertvoll, wenn wir zwischen unmittelbaren Beobachtungen, seinen Bewertungen und möglichen Informationen aus zweiter Hand unterscheiden.

Die Rus an der Wolga

Während seines Aufenthalts begegnete Ibn Faḍlān einer Gruppe von Rus, die mit ihren Waren an die Wolga gekommen waren.
Die Händler nutzten die weitreichenden Verkehrsverbindungen zwischen dem Ostseeraum und den Märkten im Süden.
Die Wolga war eine wichtige Handelsader, über die Waren aus den nördlichen Waldregionen in die islamisch geprägten Wirtschaftsräume gelangen konnten.
Ibn Faḍlān beschreibt die Rus als Menschen, die ihre Handelsgeschäfte in der Nähe des Flusses betrieben.
Sie hielten sich dort offenbar für eine gewisse Zeit auf, während sie ihre Waren anboten und mit anderen Händlern in Kontakt traten.
Zu ihrem Umfeld gehörten auch versklavte Menschen, die als Handelsware behandelt wurden.
Die Schilderung zeigt damit eine Handelswelt, in der wirtschaftliche Interessen, persönliche Abhängigkeiten und Gewalt eng miteinander verbunden waren.
Wir erfahren allerdings nicht, aus welchem konkreten Ort die beobachteten Rus stammten.
Ebenso wenig können wir sicher bestimmen, ob alle Angehörigen dieser Gruppe dieselbe Herkunft oder kulturelle Identität besaßen.

Große Männer mit auffälligem Erscheinungsbild

Ibn Faḍlān war vom äußeren Erscheinungsbild der Rus beeindruckt.
Er beschreibt sie als große, kräftige Menschen mit einer für ihn auffälligen Körperhaltung und Erscheinung.
Besonders bekannt ist seine Bemerkung, dass ihre Körper vom Bereich der Fingernägel bis zum Hals mit dunkelgrünen oder dunkelblauen Mustern versehen gewesen seien.
In modernen Darstellungen wird diese Passage häufig als eindeutiger Beweis für großflächige Tätowierungen der Wikinger verwendet.
Ganz so einfach ist es jedoch nicht.
Der verwendete arabische Ausdruck und seine genaue Bedeutung sind Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen.
Es könnte sich um Tätowierungen gehandelt haben. Auch andere Formen dauerhafter oder vorübergehender Körperverzierung wurden als Erklärung diskutiert.
Hinzu kommt, dass Ibn Faḍlān nicht ausdrücklich erklärt, wie diese Muster hergestellt wurden.
Der Bericht ist ein wichtiger Hinweis auf auffällige Körperverzierungen bei den beobachteten Rus. Er beweist aber nicht, dass sämtliche Rus oder Wikinger tätowiert waren.
Auch die beschriebenen Körpermerkmale dürfen nicht ohne Weiteres auf alle Menschen skandinavischer Herkunft übertragen werden.
Ibn Faḍlān schildert seine Eindrücke einer bestimmten Gruppe.

Kleidung und Schmuck der Rus

Besonders interessant für die historische Rekonstruktion sind Ibn Faḍlāns Beobachtungen zur Kleidung.
Er beschreibt die Männer mit einem Kleidungsstück, das einen Arm beziehungsweise eine Schulter unbedeckt ließ.
Wie genau dieses Kleidungsstück geschnitten war und getragen wurde, ist nicht eindeutig zu bestimmen.
Die Passage wird häufig mit einem mantelartigen Überwurf oder einer bestimmten Form von Oberbekleidung in Verbindung gebracht.
Für eine konkrete Rekonstruktion reicht die Beschreibung allein jedoch nicht aus.
Deutlicher sind einige seiner Angaben zum Schmuck der Frauen.
Er berichtet von Schmuckstücken, die Frauen auf der Brust trugen und deren Wert beziehungsweise Größe mit dem Vermögen ihrer Männer zusammenhing.
Außerdem erwähnt er Halsringe und Schmuck aus verschiedenen Materialien.
Diese Beobachtungen passen grundsätzlich zu der Bedeutung, die Schmuck und Edelmetalle in den Gesellschaften des Ostseeraums und Osteuropas besaßen.
Allerdings können wir die beschriebenen Stücke nicht immer eindeutig mit bestimmten archäologischen Fundtypen gleichsetzen.
Die genaue Form, Befestigung und Herstellung der Schmuckstücke bleibt teilweise unklar.
Für eine historisch begründete Darstellung müssen deshalb schriftliche Beschreibungen und archäologische Funde gemeinsam betrachtet werden.

Waffen als Teil der persönlichen Ausrüstung

Ibn Faḍlān erwähnt auch die Bewaffnung der Rus.
Nach seiner Darstellung trugen die Männer unter anderem Äxte, Schwerter und Messer.
Diese Waffen gehörten zu den Gegenständen, die auch in archäologischen Fundzusammenhängen des 9. und 10. Jahrhunderts nachgewiesen sind.
Besonders interessant ist seine Bemerkung über die Schwerter.
Er beschreibt sie als breit und flach und vergleicht sie mit fränkischen Schwertern.
Das ist ein wichtiger Hinweis auf die weitreichenden Verbindungen der Rus.
Schwerter west- und mitteleuropäischer Herstellung beziehungsweise entsprechender Formtradition gelangten über Handels- und Kontaktnetzwerke bis nach Osteuropa und Skandinavien.
Die Beschreibung zeigt zugleich, dass Waffen bei diesen Händlern offenbar zur persönlichen Ausrüstung gehörten.
Daraus folgt jedoch nicht, dass jeder Rus-Händler ein schwer bewaffneter Krieger war.
Die Grenze zwischen Handel und bewaffnetem Schutz war in dieser Zeit häufig fließend.

Körperpflege und Hygiene

Eine der bekanntesten Passagen des Reiseberichts betrifft die Körperpflege.
Ibn Faḍlān beschreibt die Rus in dieser Hinsicht äußerst negativ.
Besonders empört ihn die gemeinsame Verwendung einer Waschschüssel.
Nach seiner Darstellung brachte eine Dienerin am Morgen Wasser zu den Männern.
Einer nach dem anderen wusch darin Gesicht und Haare, kämmte sich und reinigte Mund und Nase, ohne dass das Wasser zwischen den einzelnen Personen gewechselt wurde.
Für Ibn Faḍlān war dieses Verhalten ausgesprochen unangenehm.
Seine Beschreibung wird bis heute häufig verwendet, um die Rus als besonders unhygienisch darzustellen.
Doch auch hier ist Vorsicht geboten.
Der Bericht beschreibt eine bestimmte Situation innerhalb einer bestimmten Gruppe.
Er sagt nichts darüber aus, wie alle Rus in ihren Siedlungen lebten oder welche Gewohnheiten in anderen Regionen verbreitet waren.
Archäologische Funde von Kämmen, Pinzetten und weiteren Pflegegeräten zeigen, dass persönliche Körperpflege in den skandinavischen und osteuropäischen Gesellschaften durchaus eine Rolle spielte.
Beides muss sich nicht widersprechen.
Ibn Faḍlān konnte eine für ihn abstoßende Praxis beobachten, während andere Formen der Körperpflege gleichzeitig verbreitet waren.
Seine Schilderung ist eine konkrete Beobachtung, kein allgemeiner Beweis für die Hygiene aller Rus.

Religion und Opferhandlungen

Ibn Faḍlān beschreibt auch religiöse Handlungen, die er bei den Rus beobachtete.
Besonders interessant ist seine Schilderung eines Händlers, der sich nach seiner Ankunft vor einer hölzernen Kultfigur niederließ.
Die Figur besaß nach seiner Beschreibung ein menschenähnliches Gesicht und war von kleineren Figuren umgeben.
Der Händler brachte Opfergaben dar und bat um erfolgreiche Geschäfte.
Wenn der Handel nicht wie erhofft verlief, kehrte er zurück und brachte weitere Opfer.
Nach einem erfolgreichen Geschäft konnte ein Tier geopfert werden.
Diese Beschreibung zeigt, wie eng religiöse Vorstellungen und wirtschaftliche Interessen miteinander verbunden sein konnten.
Die Identität der verehrten Gottheit bleibt jedoch unbekannt.
Es wäre deshalb nicht gerechtfertigt, die Kultfigur ohne weitere Belege mit Odin, Thor oder einer bestimmten slawischen Gottheit gleichzusetzen.
Auch lässt sich aus dieser Beobachtung keine einheitliche Religion aller Rus ableiten.
Die Gemeinschaften entlang der osteuropäischen Handelswege standen unter unterschiedlichen kulturellen Einflüssen.
Ihre religiösen Vorstellungen konnten sich je nach Herkunft, Aufenthaltsort und sozialem Umfeld unterscheiden.

Ein außergewöhnliches Begräbnis

Der berühmteste Abschnitt des Reiseberichts beschreibt das Begräbnis eines hochgestellten Mannes aus der Gruppe der Rus.
Ibn Faḍlān berichtet, dass der Verstorbene zunächst vorübergehend bestattet wurde, während die Vorbereitungen für eine aufwendige Totenfeier stattfanden.
Anschließend wurde ein Schiff an Land gebracht und für die Bestattung vorbereitet.
Der Leichnam wurde mit kostbarer Kleidung ausgestattet und auf einer eigens hergerichteten Lagerstätte im Schiff niedergelegt.
Wertvolle Gegenstände, Waffen, Speisen und Getränke gehörten nach seiner Beschreibung zu den Beigaben.
Auch Tiere wurden getötet und dem Toten beigegeben.
Die Vorbereitungen erstreckten sich über mehrere Tage und waren von unterschiedlichen rituellen Handlungen begleitet.
Der Bericht vermittelt einen außergewöhnlich detaillierten Eindruck davon, wie ein solches Begräbnis innerhalb dieser Gemeinschaft ablaufen konnte.
Doch auch hier gilt: Wir kennen damit einen konkreten Bestattungsritus, nicht die allgemeine Bestattungssitte aller Rus.

Die versklavte junge Frau

Ein besonders erschütternder Bestandteil des beschriebenen Begräbnisses ist das Schicksal einer versklavten jungen Frau.
Ibn Faḍlān berichtet, dass nach dem Tod des Mannes gefragt wurde, wer ihn in den Tod begleiten wolle.
Eine versklavte Frau meldete sich dafür.
In den folgenden Tagen wurde sie auf die Zeremonie vorbereitet und an verschiedenen rituellen Handlungen beteiligt.
Am Ende wurde sie während des Begräbnisses getötet.
Der Bericht beschreibt dabei eine Abfolge von Gewalt, rituellen Handlungen und gemeinschaftlicher Beteiligung.
Auch wenn die Überlieferung die anfängliche Zustimmung der Frau erwähnt, darf ihre Situation nicht mit einer freien Entscheidung im heutigen Sinn gleichgesetzt werden.
Sie war versklavt und befand sich in einem Umfeld erheblicher persönlicher Abhängigkeit.
Ihre Tötung war Bestandteil einer Bestattung, die den gesellschaftlichen Rang des verstorbenen Mannes hervorheben sollte.
Diese Passage gehört zu den deutlichsten Zeugnissen dafür, dass die Welt der Rus auch von Gewalt und extremen Formen sozialer Ungleichheit geprägt sein konnte.
Eine historisch ernsthafte Beschäftigung mit dieser Zeit darf solche Aspekte nicht ausblenden.

Das Schiff geht in Flammen auf

Nach Abschluss der Vorbereitungen wurde das Schiff mit dem Verstorbenen und seinen Beigaben verbrannt.
Ibn Faḍlān schildert, wie die Flammen das Schiff erfassten und schließlich zerstörten.
Anschließend wurde über den Überresten ein Grabhügel errichtet.
Nach seiner Darstellung wurde dort auch ein hölzernes Zeichen mit den Namen des Verstorbenen und seines Herrschers aufgestellt.
Besonders interessant ist eine Bemerkung, die Ibn Faḍlān einem anwesenden Rus zuschreibt.
Dieser habe erklärt, dass die Verbrennung den Toten schneller in das Jenseits bringe als eine Erdbestattung.
Die Aussage ist allerdings durch Ibn Faḍlāns Bericht überliefert und möglicherweise von sprachlichen oder kulturellen Missverständnissen beeinflusst.
Sie darf deshalb nicht als vollständige Erklärung der religiösen Vorstellungen aller Rus betrachtet werden.
Dennoch zeigt sie, dass die Verbrennung innerhalb dieser Gruppe eine besondere rituelle Bedeutung besaß.

Was sagt die Archäologie dazu?

Schiffsbestattungen und Brandgräber sind aus verschiedenen Regionen der wikingerzeitlichen Welt bekannt.
Auch in Osteuropa wurden zahlreiche Grabhügel und Bestattungen untersucht, die skandinavische und lokale Einflüsse erkennen lassen.
Besonders bedeutend sind die umfangreichen Gräberfelder von Gnezdovo.
Dort wurden unter anderem Brandbestattungen, Waffen, Schmuck und weitere Grabbeigaben entdeckt.
Solche Funde zeigen, dass aufwendige Bestattungsrituale tatsächlich Teil der damaligen Lebenswelt waren.
Allerdings lässt sich das von Ibn Faḍlān beschriebene Begräbnis nicht einfach mit jedem archäologisch nachgewiesenen Brandgrab gleichsetzen.
Bestattungssitten unterschieden sich regional und veränderten sich im Laufe der Zeit.
Nicht jede Brandbestattung erfolgte in einem Schiff.
Nicht jedes reich ausgestattete Grab gehörte einem skandinavischen Mann.
Und nicht jede rituelle Handlung, die Ibn Faḍlān beobachtete, hinterließ überhaupt erkennbare archäologische Spuren.
Der besondere Wert seines Berichts liegt deshalb darin, dass er uns Einblicke in Handlungen ermöglicht, die archäologische Funde allein häufig nicht erklären können.

Wie zuverlässig ist Ibn Faḍlāns Bericht?

Ibn Faḍlān war ein zeitgenössischer Beobachter.
Das unterscheidet seinen Bericht grundlegend von späteren Chroniken, die Ereignisse Jahrhunderte nach ihrem angeblichen Geschehen beschreiben.
Dennoch ist auch seine Darstellung keine neutrale Aufzeichnung.
Er wählte aus, was ihm bemerkenswert erschien, und bewertete seine Beobachtungen aus seiner eigenen kulturellen und religiösen Perspektive.
Hinzu kommt, dass der Text nicht vollständig in einer ursprünglichen Handschrift erhalten ist.
Wichtige Teile wurden durch eine später entdeckte Handschrift sowie durch Auszüge bei anderen mittelalterlichen Autoren überliefert.
Die Textüberlieferung und einzelne Übersetzungsfragen müssen deshalb berücksichtigt werden.
Besonders bei Beschreibungen von Kleidung, Körperverzierungen und religiösen Praktiken können unterschiedliche Übersetzungen zu abweichenden Interpretationen führen.
Für die historische Forschung ist es daher wichtig, seine Aussagen mit archäologischen Funden und anderen zeitgenössischen Quellen zu vergleichen.
Ibn Faḍlān liefert uns außergewöhnlich wertvolle Beobachtungen. Er gibt uns jedoch keinen vollständigen Einblick in die gesamte Gesellschaft der Rus.

Was bedeutet der Bericht für die historische Darstellung?

Für das Reenactment besitzt Ibn Faḍlāns Beschreibung einen besonderen Reiz.
Kaum eine andere zeitgenössische Quelle schildert Menschen aus den Rus-Netzwerken so anschaulich.
Sie liefert Hinweise auf Kleidung, Schmuck, Waffen, Körperpflege und religiöse Vorstellungen.
Doch gerade deshalb besteht die Gefahr, einzelne Aussagen zu verallgemeinern.
Ein Darsteller, der einen Rus-Händler an der Wolga um 922 verkörpern möchte, kann Ibn Faḍlāns Bericht als wichtige Grundlage verwenden.
Für die Darstellung eines Bewohners von Ladoga um 800 oder eines Kriegers in Kiew um 980 ist die Quelle dagegen nur eingeschränkt übertragbar.
Zwischen diesen Orten und Zeitpunkten liegen erhebliche geographische, gesellschaftliche und kulturelle Unterschiede.
Auch sollten unklare Beschreibungen nicht ohne Weiteres in konkrete Kleidungsstücke oder Ausrüstungsgegenstände umgesetzt werden.
Ein historisch begründeter Rekonstruktionsversuch muss deshalb immer mehrere Fragen berücksichtigen:
Welche Region wird dargestellt? Aus welchem Zeitraum stammen die verwendeten Funde? Welche gesellschaftliche Stellung soll die Person besitzen? Und welche Einzelheiten sind tatsächlich belegt?
Erst aus der Verbindung schriftlicher Quellen und archäologischer Befunde entsteht eine nachvollziehbare Rekonstruktion.

Ein Blick in eine fremde Welt

Ibn Faḍlāns Reisebericht führt uns mitten in die Welt der Rus des frühen 10. Jahrhunderts.
Wir begegnen Händlern, die über gewaltige Entfernungen reisten und ihre Waren an den Märkten der Wolga anboten.
Wir erfahren von Waffen, Schmuck, religiösen Opferhandlungen und alltäglichen Gewohnheiten.
Gleichzeitig sehen wir eine Gesellschaft, in der Reichtum, gesellschaftlicher Rang, Sklaverei und Gewalt eine wichtige Rolle spielten.
Besonders das beschriebene Begräbnis vermittelt einen seltenen Einblick in rituelle Vorstellungen, die sich aus archäologischen Funden allein kaum vollständig erschließen lassen.
Doch die Rus waren keine einheitliche Gemeinschaft mit überall gleichen Sitten.
Sie lebten und handelten in unterschiedlichen Regionen und standen mit zahlreichen Bevölkerungsgruppen in Verbindung.
Ibn Faḍlān zeigt uns deshalb nicht, wie „der Wikinger“ oder „der Rus“ grundsätzlich lebte. Er öffnet ein außergewöhnliches Fenster in die Lebenswelt einer bestimmten Rus-Gruppe an der Wolga im Jahr 922.
Wie die Menschen in den Handelsplätzen und Siedlungen Osteuropas tatsächlich wohnten, arbeiteten und ihren Alltag organisierten, erfahren wir dagegen vor allem aus archäologischen Untersuchungen.
Im nächsten Kapitel verlassen wir deshalb die Reiseberichte und wenden uns den Häusern, Werkstätten und Siedlungen der Rus zu.